Hans-Joachim Maaz – Ein Leben lang für die Würde des Menschen

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2017

Hans-Joachim Maaz (Foto: privat)

Hans-Joachim Maaz (Foto: privat)

In der ehemaligen DDR zählte er zu den Pionieren der analytischen Psychotherapie. Obwohl er seinen Beruf inzwischen nur noch gelegentlich ausübt, gehört Hans-Joachim Maaz heute zu den bekanntesten Psychoanalytikern Deutschlands. Der Mann mit den vollen weißen Haaren besticht durch einen wachen Geist, intelligente Analysen, kluge Fragen, dazu die engagierte, aber unaufgeregte Weisheit des Alters. Wie bei seinen öffentlichen Auftritten in Funk und Fernsehen bevorzugt er auch in unserem Gespräch eine klare Diktion. Nicht anders hält er es in seinen vielfältigen Publikationen. Ein neues Buch mit dem Titel „Das falsche Leben“ ist fertig gestellt und kommt in Kürze auf den Markt. Nicht allen gefällt seine ungekünstelte Sprache, noch weniger, dass er politische Tabus genüsslich ignoriert. Die Liste seiner Kritiker ist deshalb ebenso lang wie seine Auszeichnungen zahlreich. Sichtbar genießt er die Freiheit, entscheiden zu können, wo, wie und wann er etwas macht, in welchen Rundfunk- und Fernsehsendungen er auftritt und ob er dem Reden die Stille des Schweigens vorzieht. Es sind die Privilegien eines Mannes jenseits der Siebzig.

Offen bleibt, wie schwer die Last von so viel Öffentlichkeit auf seinen Schultern liegt oder welchen Genuss es ihm eventuell bereitet, in der gesellschaftspolitischen Debatte ganz vorne zu stehen. Dass er jedoch beruflich wie gesellschaftlich einmal eine derart exponierte Stellung einnehmen würde, war ihm nicht in die Wiege gelegt. Und geplant, gar angestrebt hat er sie auch nicht. Karriere wie Gehalt spielten in den Überlegungen des Mannes aus dem böhmischen Niedereinsiedel zeitlebens eine untergeordnete Rolle. Dafür war er fachlich viel zu ehrgeizig. Billigend in Kauf genommen aber hat er die öffentliche Bekanntheit gleichwohl. Immerhin ist er überzeugt, dass der Beruf eines Psychotherapeuten zwingend politisches Denken verlangt. „Alles in unserem Leben ist schließlich sozial bedingt“, formuliert er seine Erkenntnis. Diese Zusammenhänge zu analysieren, sie zu einem Thema mit gesellschaftlicher Relevanz werden zu lassen, wenn nötig mit Nachdruck zu kritisieren, ist zu seiner Mission geworden. „Ich will mithelfen, Lebensverhältnisse zu schaffen, die die Menschen weniger voneinander entfremden.“

Das Schweigen der Eltern

Drei Eckpunkte werden es sein, die Hans-Joachim Maaz‘ langen Weg bestimmen. Beruflich ist es die Beschäftigung mit dem Narzissmus und dem Phänomen des Mitläufertums, persönlich die Wahrung der Würde des Menschen. Alle drei Themen stehen untereinander in einem dichten Zusammenhang, alle drei Themen sind eng mit seinem Herkommen verbunden. Deshalb ein kurzer Blick zurück.  Maaz wächst im sächsischen Sebnitz auf. Dorthin wurden seine Eltern bei Kriegsende vertrieben. Er wählt diesen Begriff mit Bedacht und spricht bewusst nicht von Flucht. Denn der Weggang aus seinem Geburtsort erfolgte nicht auf eigenen Entschluss hin und schon gar nicht freiwillig. Vor allem aber war ein Zurück ausgeschlossen, das Geburtshaus ebenso wie der elterliche Betrieb, eine Papierblumenfabrik, verloren – für immer und unabhängig von einem irgendwann geschlossenen Frieden. Die Familie kämpfte in diesen Nachkriegsjahren ums Überleben. Für kindliche Bedürfnisse blieb da kaum Platz. „Wir mussten funktionieren“, erinnert sich Maaz. Und dachte als Kind, so sei es eben, das Leben.

Fragen tauchten erst später auf. Dann allerdings umso heftiger. Etwa die, worin bestand das Erfolgsgeheimnis eines so einfach gestrickten Mannes wie Hitler? Warum folgten die Deutschen dem selbsternannten Führer so willig? Warum tolerierten sie das Auslöschen aller Individualität bis hin zur physischen Vernichtung? Die Eltern verweigerten die Antwort und überlassen den Sohn sich selbst. Erst später wird er feststellen, dass der Vater sowohl beruflich wie privat nie wieder festen Boden unter die Füße bekam. Was Manches erklärt, aber nichts entschuldigt. Schon der junge Medizinstudent Maaz begreift, die Macht gesellschaftlicher Strukturen ist das Eine, persönliche Verantwortung das Andere. In seinen Kindertagen aber war es, wie es war. Die Zeit zum Nachdenken blieb knapp bemessen, die Dinge des täglichen Lebens nahmen nahezu alle Kräfte in Beschlag. Natürlich hörte die Familie vom Streik der Arbeiter 1953 in Ostberlin und der Niederschlagung des Ungarnaufstandes 1956. Als Folge blieb sie auf Distanz zu den Regierenden. Die Freiheit und damit die Würde des Menschen mit Waffengewalt zu unterdrücken, das mochten Hans-Joachim, die Eltern und sein Bruder nicht akzeptieren.

Begegnungen mit Partei und System

Hier studierte Hans-Joachim Maaz – Löwengebäude der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Foto: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg/Markus Scholz)

Hier studierte Hans-Joachim Maaz – Löwengebäude der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Foto: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg/Markus Scholz)

Der Schüler Hans-Joachim Maaz ist intelligent, seine Noten sind überdurchschnittlich. Damit empfiehlt sich ein Studium als nächster logischer Schritt. Das Fach Medizin bietet Eltern und ihm selbst den gewünschten größtmöglichen Abstand zum SED-System. Das aber zeigt Maaz wegen seiner falschen Klassenzugehörigkeit erst einmal die kalte Schulter. Ihm fehlt das Arbeiter- und Bauerngen. Obwohl persönlich nicht schuldig geworden, muss er sich wegen des staatlich nicht akzeptierten Stammbaums zunächst in der Praxis bewähren. Das tut er in der Medizinischen Akademie Dresden. Mit Erfolg. Ein Jahr später erhält er einen Studienplatz an der Universität in Halle. 1968 schließt er mit dem medizinischen Examen ab. Das Studium betreibt er konzentriert, wenn auch ohne große Begeisterung. Für einen respektablen Abschluss reicht es allemal. So wie es dem Vater nicht gelingt, den Tunnel der Verbitterung hinter sich zu lassen und sich dem Sohn zu erklären, begegnet ihm die Schulmedizin eindimensional und als bloßes Handwerk. Antwort auf seine Fragen zum Woher und Wohin menschlicher Existenz bietet auch sie nicht.

So macht er sich abseits davon auf die Suche und setzt sich in Vorlesungen, bevorzugt der Theologen, der Philosophen, der Historiker. Zeitgleich erlebt er die intellektuelle Begrenztheit und die permanente Angst der Parteikader. Die Ideen Schopenhauers zur Theorie des Idealismus haben es ihm in jenen Tagen angetan. Nach langem Suchen findet er in einem kleinen Antiquariat eine Gesamtausgabe der Schopenhauerschen Schriften. Käuflich erwerben kann er sie aber erst mit einer Unbedenklichkeitserklärung seines Dekans, der sein OK von der skurrilen Auflage abhängig macht, über den Inhalt des Buches Stillschweigen wahren zu müssen. Je näher das Abschlussexamen rückt, umso drängender wird die Entscheidung, wie es nach dem Studium weitergehen soll. In der Psychiatrie und Neurologie findet Maaz das einzige medizinische Fachgebiet, das seine Fragen zwar noch immer nicht in der gewünschten Klarheit beantwortet, aber sie doch wenigstens aufnimmt. Er entschließt sich für eine einschlägige Facharztlaufbahn.

Rädelsführer des „Bernburger Aufstands“

Auf die elterliche Unterstützung wartet er ein weiteres Mal vergebens. Psychiater seien ja keine richtigen Ärzte, sagen die und verbergen ihre Enttäuschung nicht. Selbstzweifel bleiben. Aufhalten lässt er sich aber nicht mehr. Hans-Joachim Maaz hat das Ende des roten Fadens gefunden. Er hält ihn fest. Er wird ihn nicht mehr hergeben. Und erlebt eine Psychiatrie, an der er fast zerbricht. Weder die seelischen noch die sozialen Erkrankungsursachen werden ausreichend berücksichtigt und behandelt. Psychiatrie verwahrt und beschützt. Säle mit zwanzig Betten sind das Normale, die medikamentöse Ruhigstellung die Regel. Patienten haben keine Rechte. Es schaudert den jungen Arzt. Er begehrt auf. Er will die erkrankte Seele therapieren. Der Direktor des Bezirkskrankenhauses für Neurologie und Psychiatrie Bernburg hatte dafür kein Verständnis. Psychoanalyse war verpönt, eine „bürgerliche Irrlehre“. Der Protest der jungen Nervenärzte wurde als „staatsfeindliche Verschwörung“ gegen die sozialistische Leitung der Klinik diffamiert. Das reicht, die Stasi auf den Plan zu rufen. Fortan bleibt Maaz in deren Visier. Bis zum Untergang der DDR.

Seine Akte, die er nach der Wende einsieht, ist ein Dokument von Verrat und Anbiederung. Was ihn rettet sind junge Kollegen, Freunde, mit denen er in der sogenannten „Erfurter Gruppe“ regelmäßig psychoanalytische Weiterbildung und Selbsterfahrung betreibt. Hier tauscht man seine Erfahrungen aus, analysiert, erarbeitet Lösungsansätze, bestärkt einander. Mit seiner Berufsentscheidung hadert Hans-Joachim Maaz trotz all dieser Nickeligkeiten nicht und wird es auch später nie tun. Nach dem Abschluss der Facharztausbildung verschlägt es ihn 1974 ins brandenburgische Beeskow. In der dortigen Poliklinik übernimmt er die neurologisch-psychiatrische Abteilung. Zum ersten Mal kann er seinen Beruf in vollen Zügen genießen. „Im unmittelbaren Arzt-Patienten-Verhältnis unterlag ich keinerlei Beschränkungen“, erinnert er sich und nutzt diese Freiheit zum Wohle der ihm anvertrauten Menschen. Dem Bezirksarzt allerdings sind Maaz‘ Behandlungsmethoden nicht ganz geheuer. Ein Dorn im Auge ist ihm vor allem dessen Weiterbildung zum 1978 neu geschaffenen Facharzt für Psychotherapie.

Niederlagen und Siege

Er werde ihn nicht zur Prüfung zulassen, weil er ihn kaderpolitisch für ungeeignet halte, bedeutet ihm der Bezirksarzt kraft seines Amtes. Keine Chance auf die angestrebte Facharztzulassung. Maaz ist rat- und hilflos. Aber der Chef der Psychotherapie-Ausbildung, auch ein Genosse der Partei, ließ sich davon nicht abschrecken und lässt Maaz zur Prüfung zu. Die Prüfungskommission bescheinigt ihm gute Kenntnisse und Eignung für den Beruf des Psychotherapeuten, ihr Vorsitzender unterschreibt die Facharzturkunde und wünscht ihm alles Gute. Der Bezirksarzt ist verärgert und rächt sich mit der Anweisung, dass Maaz nicht als Psychotherapeut arbeiten dürfe. Maaz bewirbt sich daraufhin an der Uniklinik Leipzig auf die ausgeschriebene Oberarztstelle, wird aber ohne inhaltliche Begründung abgelehnt. Er vermutet den „langen Arm“ der Partei bzw. Stasi.  Maaz ist enttäuscht, er ist wütend. „Aber“, sagt er heute, „als DDR-Bürger hatte ich gelernt, auch in aussichtslosen Situationen nicht aufzugeben, sondern eine Lösung zu finden.“ So verbot er sich das Selbstmitleid und sondierte die verbliebenen Möglichkeiten.

Eine davon kommt schon bald. Und sie hat unerwartet viel zu bieten. Das Evangelische Diakoniewerk Halle hat beschlossen, eine dreißig Betten große Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik aufzubauen. Was noch fehlt, ist ein Chefarzt mit Berufserfahrung, der sich zugleich christlichen Werten verbunden fühlt. Hans-Joachim Maaz wird gefragt und muss nicht lange überlegen. Hier endlich bietet sich die Chance, nicht nur die Therapie des einzelnen Patienten festlegen, sondern auch entsprechende fachliche Strukturen mitgestalten zu können. Ein solches Angebot erhält man nur einmal im Leben. Er sagt zu – und wird bleiben, bis er sich in den Ruhestand verabschiedet, 28 Jahre lang. Es ist eine glückliche Zeit, auf die er ohne Verklärung gerne zurückblickt. Auch wenn ihn das Leid mancher Patienten nicht selten schier zu zermalmen drohte, ist er doch gewiss, vielen haben helfen zu können – mit Schicksalsschlägen, Krankheit, einfach mit dem Leben angstfreier umgehen zu können, wieder eine Zukunft in Wahrheit und Würde zu haben.

Der Therapeut und das eigene Selbst

Wer Hans-Joachim Maaz heute begegnet, trifft einen Mann, dankbar, nachdenklich, in stiller Fröhlichkeit, noch immer mutig. Doch gegen Letzteres legt er Widerspruch ein. Nein, ein Revolutionär sei er nie gewesen. Mag sein. Tatsächlich ist die lautstarke Kraftmeierei seine Sache nicht. Angebote, in die Politik zu gehen, hat er deshalb stets abgelehnt. Aber ist es nicht doch Mut, sich als Therapeut den Abgründen fremder Menschen zuzuwenden? Ist es nicht doch mutig, für diese Arbeit zuerst die eigenen Untiefen ausleuchten zu müssen? Ist es nicht mutig, die Würde von Menschen für unantastbar zu erklären und sich dafür, wenn es erforderlich wird, auch gegen die Mächtigen zu stellen? Doch, das ist es. Was aus heutiger Sicht kaum der Erwähnung wert scheint, konnte damals Karriere, Berufstätigkeit und sogar die Existenzgrundlage gefährden. Gedanken, sich dem allen durch Flucht in den Westen zu entziehen, gab es, Möglichkeiten zur Ausschleusung ebenfalls. Es blieb bei Überlegungen.

Verlockungen wie Drohungen, den offenen wie den verdeckten,  widerstand Hans-Joachim Maaz oft. Mut, das musste ihm niemand erklären, beweist sich vor allem im Alltag. Dann, wenn das Publikum und der Beifall fehlen. Etwa, wenn Dissidenten zu ihm überwiesen wurden mit der unausgesprochenen Erwartung, ihnen eine psychische Erkrankung zu attestieren. Schließlich scheiden Kranke als ernstzunehmende Kritiker aus. Sie können sich ja nicht einmal selbst helfen. Maaz begreift das Begehren als Versuch, die wachsende Opposition zu verunglimpfen und redete deshalb mit seinen Patienten offen darüber. Mut gehörte auch dazu, das System mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, denn die Stasi hatte bekanntlich ein langes Gedächtnis. Zu Beginn ließen die Behörden das Mittel der analytischen Einzeltherapie nicht zu und verbanden damit die Hoffnung, der ungeliebten Psychotherapie und den gleichermaßen ungeliebten Psychotherapeuten so den Wind aus den Segeln zu nehmen. Maaz und seine Kollegen parierten diesen Angriff mit schwejkscher Intelligenz. Fortan hieß das Mittel ihrer Wahl Gruppentherapie.

Erst moderieren, dann führen

Im Krankenhaus des Diakoniewerkes Halle arbeitet Hans-Joachim Maaz 28 Jahre (Foto: Diakoniewerk Halle)

Im Krankenhaus des Diakoniewerkes Halle arbeitete Hans-Joachim Maaz 28 Jahre (Foto: Diakoniewerk Halle)

„Unserer Begründung, der sozialistische Mensch sei immer Teil eines Kollektivs und das müsse sich auch in der Behandlungsform niederschlagen, hatten die Apparatschiks nichts entgegenzusetzen“, erinnert er sich schmunzelnd. Das Diakoniewerk als sein Arbeitgeber ließ ihm weitestgehende, aber doch nicht unbegrenzte Freiheiten. Die Kirchenoberen hatten 1976 mit Erich Honnecker höchstpersönlich ein Gentlemen’s Agreement geschlossen, friedliche Koexistenz genannt. Das wollte man nicht gefährden. So war es dem Bischof wichtig, Hans-Joachim Maaz und seine Mitarbeiter daran zu erinnern, ihrer therapeutischen Arbeit unbedingt „im rechten Glauben“ nachzugehen. Maaz nahm es mit Humor und verzichtet darauf, den Bischof in Verlegenheit zu bringen. Die Frage, was das denn bedeute, hebt er sich für ein andermal auf, das es nicht geben wird. Der leitende Pfarrer wiederum bestellt ihn zum Personalgespräch. Er bittet ihn, doch politisch nicht noch einmal so zu provozieren. Der Hintergrund: Maaz war der wenige Tage zurückliegenden Volkskammerwahl fern geblieben. Immerhin standen deren 99%-Ergebnisse jedes Mal schon lange vor dem Urnengang fest.  Maaz hat schon Schlimmeres erlebt und lässt die Sache auf sich beruhen. Er hat gelernt, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Er hat gelernt, den weiten Blick mit pragmatischen Lösungen für das Jetzt und Sofort zu verbinden. Kompromisse gehören dazu. Gegen faule Kompromisse stemmt er sich bis heute.

Ähnlich bodenständig interpretierte Maaz seine Rolle als Chef und Vorgesetzter. Statt selbstherrlicher Anweisungen und deren kritiklose Umsetzung bevorzugte er die kooperative Moderation. Nicht um Entscheidungen aus dem Weg zu gehen, sondern um seine Mitarbeiter in alle sie betreffenden Prozesse zu integrieren. In die Arbeitspläne seiner Klinik ist er weiter voll eingebunden. Es ist anzunehmen, dass die meisten seiner Chefarztkollegen das stirnrunzelnd beobachteten. Maaz aber ließ sich davon nicht beirren. Er ermangelt nicht nur des Arbeiter- und Bauerngens. Ihm fehlt auch die Mentalität der Lemminge. Die Meinung anderer ungeprüft zu übernehmen, war für ihn nie eine Alternative. Er denkt lieber selbst! So finden sich die Motive seines Pragmatismus in seinem Berufsverständnis. „Die Tätigkeit eines Therapeuten“, ist er mit der Erfahrung vieler Berufsjahre überzeugt, „verlangt die Bereitschaft zu permanenter Selbstreflektion.“  Schließlich ginge es um Authentizität und Glaubwürdigkeit, mithin um Professionalität. Er weiß, die Gestaltungsmöglichkeiten eines Vorgesetzten enden dort, wo dem Chef die Argumente zur Überzeugung seiner Mitarbeiter ausgehen.

Gegen das Recht des Stärkeren

Es gäbe noch viel über den Mann aus Halle an der Saale zu erzählen. Doch ist die Beschränkung auf das Wesentliche notwendig. Auf eine Biografie können wir nicht verweisen. Nicht, weil die Auflage schon vergriffen wäre, sondern weil sie bislang nicht geschrieben ist. Es würde seine engsten Freunde nicht verwundern, wenn das auch fürderhin so bliebe. Die wissen um seine Überzeugung: Persönlichkeit unbedingt, Persönliches nur, wo es sich nicht umgehen lässt. Herzensanliegen war, nein ist ihm immer noch seine Botschaft. „Das Wichtigste im Leben ist, ehrlich zu sein und Würde zu bewahren.“ Heißt, sich seiner Stärken und Schwächen bewusst zu werden, nicht blind dem Mainstream folgen, sich nicht korrumpieren lassen, seinen Anteil am Zustand der Gesellschaft erkennen, sich um eine Verbesserung des Status Quo bemühen. In diesem Sinne hielt und hält Hans-Joachim Maaz den Deutschen rechts wie links der Elbe den Spiegel vor, in dem die einen ihren Untertanengeist und die anderen ihre Großmannssucht  sehen. Auch bekannte Namen nahm er davon nicht aus.

Die Analyse der Kanzlerin und der Befund einer narzisstischen Störung Angela Merkels bescherten ihm höchste Anerkennung ebenso wie wüste Beschimpfungen. Doch Hans-Joachim Maaz mischt sich nicht nur in den gesellschaftlichen Diskurs ein. Er erweist sich wie stets auch als Mann der Tat. Vor wenigen Jahren gründete er  zusammen mit Gleichgesinnten die Hans-Joachim Maaz Stiftung für Beziehungskultur. Die Stiftung unterstützt Eltern und Krippen mit dem Ziel, Kindern ein liebevolles Aufwachsen zu ermöglichen. Das, was die Stiftung von anderen unterscheidet, formuliert Maaz so: „Wir denken das Erwachsenwerden und die Bildung konsequent aus der Perspektive des Kindes.“ Das bringt ihm nicht nur Beifall ein. Indessen weiß Maaz die Reaktionen einzuordnen. Er hat dafür den Begriff der Normopathie geprägt. „Die pathologische Verhaltensweise und der Irrtum erscheinen heute immer öfter als ‚normal‘, bloß weil sich die Mehrheit so verhält.“ Damit einher gehen Ausgrenzung und das Vorenthalten der Diskussion. Das eine wie das andere sind für Hans-Joachim Maaz Angriffe auf die Menschenwürde. Mit dem Recht des Stärkeren hat er sich zu keiner Zeit abgefunden. Statt an die Ideologie des ewigen Wachstums glaubt er an die Kultur der Beziehung.

 


Informationen über die Hans-Joachim Maaz Stiftung für Beziehungskultur

http://www.hans-joachim-maaz-stiftung.org/

 

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