Geomatiker – Raumbezogene Daten visualisieren

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2016

Der Computer bestimmt den Arbeitsrhythmus eines Geomatikers (Foto: LGB)

Der Computer bestimmt den Arbeitsrhythmus eines Geomatikers (Foto: LGB)

Ihre Produkte nutzt jeder jeden Tag. Ihren Beruf aber kennt kein Mensch. Dabei steckt hinter jedem Navigationsgerät, hinter jeder Radwanderkarte und hinter jeder Stadtplan-App ein Geomatiker. Dennoch ist ihre Berufsgruppe überschaubar. Zusammen mit ihren beruflichen Vorgängern zählt sie nach Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit kaum mehr als 1.000 Fachkräfte. Bis 2010 hieß der Beruf noch Kartograph. Bleibt die Frage, was machen Geomatiker? Auf den kürzesten allgemeingültigen Nenner gebracht, überführen sie geografische Daten mit Raumbezug in Karten. Bei vielen Projekten verknüpfen sie diese Angaben allerdings mit anderen „intelligenten“ Daten, die Fachleute nennen sie Attribute. Diplom-Ingenieur Roland Plaumann, beim Geologischen Dienst NRW in Krefeld Ausbildungsleiter, gibt dafür ein Beispiel. „Die Datenbank einer Straßenunterhaltungsbehörde enthält in der Regel Daten über die Breite, den Neigungswinkel, die Kurvenradien, die Beschaffenheit der Fahrbahndecke, den Untergrund sowie die bisherigen Reparaturen einer Straße und vieles andere mehr.“

Geomatiker visualisierten diese Daten in einem ersten Arbeitsschritt zumeist in einem Modell, später dann in einer digitalen Karte. „Um all diese Kennziffern für einen bestimmten Straßenabschnitt sofort im Blick zu haben, braucht der Sachbearbeiter den entsprechenden Abschnitt nur noch mit dem Cursor zu markieren.“ Freilich unterscheiden sich das Aufgabenspektrum und damit auch die fachlichen Anforderungen je nach Arbeitgeber, zum Teil sogar erheblich. So bestimmt im Bundesamt für Kartographie und Geodäsie in Frankfurt am Main die Herstellung konventioneller topografischer Karten weiterhin den Arbeitsalltag von Geomatikern. „Die Methoden der Datenerfassung“, weist Ausbildungsleiter Axel Schwiesow auf eine damit einhergehende Besonderheit seines Hauses, „spielen bei uns kaum eine Rolle, denn diese Daten erhalten wir bereits aufbereitet von den Bundesländern.“ Ein gutes grafisches Gespür, bedeutet Schwiesow, bleibt deshalb unverzichtbar, auch wenn die alten Zeiten von Gravur, Tinte und Tusche längst vorbei sind und Geomatiker stattdessen mit modernsten Computerprogrammen arbeiten.

Geomatiker sind interdisziplinäre Dienstleister

Roland Plaumann - Ausbildungsleiter beim Geologischen Dienst Nordrhein-Westfalen (Foto: privat)

Roland Plaumann – Ausbildungsleiter beim Geologischen Dienst Nordrhein-Westfalen (Foto: privat)

Ähnlich sieht es im Stuttgarter Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung aus, das unter anderem Karten für die Flurbereinigung im Ländle erstellt. „Unsere Geomatiker benötigen ein gutes Gespür für Farben und Formen“, sagt Ausbildungsleiter Christian Fremd. Dann nämlich, wenn sich in den Karten einzelne Themenfelder – deren Zahl durchaus schon einmal die zwanziger-Marke übersteigen kann – optisch voneinander abheben sollen, zugleich aber ihre Zugehörigkeit zu einer Themenfamilie erkennbar bleiben muss. Eines der jüngsten Projekte des Geologischen Dienstes NRW zeigt, dass die Qualifikationen von Geomatikern auch in ganz anderen Fachbereichen benötigt werden. Beispielsweise im Umweltschutz. Welchen wichtigen Beitrag Moore für das Klima leisten, weiß inzwischen jedes Schulkind. Eine Analyse ihres Zustandes gibt es bisher allerdings ebenso selten wie eine visuelle Darstellung deren Ergebnisse. Genau das wird der Geologische Dienst NRW als Planungsgrundlage moorerhaltender Maßnahmen nun erstellen. Die Finanzierung erfolgt durch die Europäische Union.

Für zwanzig ausgewählte Moore am Niederrhein und im Münsterland mit einer Fläche von insgesamt 8.000 Hektar erhebt eine Bodenkundlerin die Daten im Maßstab 1:5.000. Geomatiker werden daraus anschließend eine detaillierte Moorzustandskarte erstellen, wenn es gewünscht wird sogar in 3D. Das Beispiel macht deutlich, dass der Beruf des Geomatikers ein interdisziplinärer und hoch kommunikativer ist. Stets hat er fachliche Absprachen mit Fachleuten anderer Berufsdisziplinen zu treffen. Weshalb er über eine präzise Ausdrucksfähigkeit verfügen muss, wie die drei Ausbildungsleiter übereinstimmend betonen. Der Eindruck trügt nicht. Geomatiker präsentieren sich vielerorts als Dienstleister für die unterschiedlichsten Nutzer von Geodaten. Das gilt für Arbeitgeber mit starker technischer ebenso wie für solche mit kaufmännischer Ausrichtung. So benötigen etwa Energieversorger Karten, die es ermöglichen in den unterschiedlichen Geländeformationen ihre Versorgungsleitungen, deren Rohrquerschnitte, Masthöhen, Kabelstärken, Verteilerpunkte, Umformstationen, Abgabestellen und Transportkapazitäten auszulesen.

Die Beschaffenheit der Welt visualisieren

Ausbildungsleiter im Bundesamt für Kartografie und Geodäsie Axel Schwiesow (Foto: privat)

Ausbildungsleiter im Bundesamt für Kartografie und Geodäsie Axel Schwiesow (Foto: privat)

Kommunikationsunternehmen können wiederum über entsprechend aufbereitete Karten Funklöcher orten. Versicherungsunternehmen nutzen indessen Karten, die topografische Daten mit Angaben über die Bevölkerungsstruktur, die bisherige Schadenshäufigkeit, das Risiko von naturbedingten Gefährdungslagen oder auch dem Einkommensniveau verknüpfen, zur punktgenauen regionalen Tarifierung. Was von Geomatikern auf allen Arbeitsplätzen gefordert ist, hier wird es auch für den Laien transparent. Es geht um absolute fachliche Genauigkeit, dazu persönliche Zuverlässigkeit. „Es hätte fatale Folgen“, begründet Axel Schwiesow, „bei der Kartenproduktion nicht um die Verwendung der unterschiedlichen Pegel-Niveaus von Amsterdam und Marseille zu wissen.“ Bauingenieure, die auf der Grundlage einer solchen fehlerhaften Karte eine Brücke planten, würden plötzlich feststellen, dass die Brückenteile nicht zusammenzufügen sind, weil das eine Brückenteil 25 cm höher als das andere stünde. Das wäre nicht nur peinlich, sondern auch teuer!

Trotz einer immer leistungsfähigeren Informationstechnik bleibt weiterhin auch ein überdurchschnittliches räumliches Vorstellungsvermögen unbedingte Voraussetzung für den Beruf des Geomatikers. Davon ist Julia Kuderski, die vor einem Jahr ihre Ausbildung zur Geomatikerin abschloss, jedenfalls fest überzeugt. „Nur ein kleiner Fehler beim Einstellen des Koordinatensystems“, erklärt sie, „kann bereits zu unerwünschten Verzerrungen in der visuellen Darstellung führen.“ Die Abiturientin besitzt ein ebenso typisches wie von den Ausbildungsbetrieben gesuchtes Bewerberprofil. „Erdkunde“, erzählt sie, „war mein Lieblingsfach und auch zu meinem Leistungskurs Mathematik hatte ich einen guten Draht.“ Besondere Bedeutung gewinnt, wen wundert es, die Geometrie. Und auch mit der modernen IT steht sie auf Du und Du. Das entspricht den Anforderungen des Berufs nahezu perfekt. Entsprechend gut fiel die Abschlussprüfung aus. Heute arbeitet Julia Kuderski beim Geologischen Dienst NRW und studiert berufsbegleitend Geoinformatik an der Hochschule Bochum.

Die Macher unter den Datenspezialisten

Julia Kuderski studiert berufsbegleitend Geoinformatik (Foto: privat)

Julia Kuderski studiert berufsbegleitend Geoinformatik (Foto: privat)

Das Studium der Geoinformatik ist fachlich ein logischer Schritt. „Denn“, erklärt Roland Plaumann, „ Geomatiker sind vor allem Datenspezialisten und Datenmanager.“ Die sich von anderen Datenspezialisten freilich dadurch unterscheiden, dass sie Daten in Raum-Zeit-Zusammenhänge bringen und entsprechend in Karten visualisieren. Das lässt Routinen kaum aufkommen, denn jeder Auftrag hat eine andere Zielstellung, jede Karte ist ein Unikat. „In unserem Beruf geht es nicht darum, nur irgendwelche sich immer wiederholenden stereotypen Handlungsanweisungen abzuarbeiten. Wir müssen die Arbeitsprozesse entsprechend der Nutzerwünsche stets neu festlegen und strukturieren“, beschreibt Julia Kuderski das, was für sie die Faszination ihres Berufes ausmacht. Und was ihn für viele Abiturienten so interessant werden lässt. Inzwischen kommen drei Viertel aller Auszubildenden vom Gymnasium.

„Gleichwohl sind Geomatiker zu allererst für die Ausführung zuständig“, weist Ausbildungsleiter Christian Fremd auf einen wichtigen Punkt hin. Die Festlegung, wie welche Daten zu welchen Zwecken miteinander in Raum-Zeit-Beziehungen gestellt und anschließend visualisiert werden sollen, bliebe stets den Fachwissenschaftlern vorbehalten. Auf die tägliche Arbeit herunter gebrochen heißt das, Geomatiker müssen wissen, welches Tool sie für diesen oder jenen Zweck einzusetzen haben. „In die Tiefen der höheren Mathematik“,  beschreibt es der Stuttgarter Fremd, „müssen Geomatiker deshalb nicht eintauchen.“ Wichtiger seien da schon Kenntnisse von Programmier- und Datenbanksprachen wie etwa SQL sowie Interesse an Geoinformationssystemen (GIS). Unverzichtbar seien für die Nutzung der einschlägigen Fachliteratur darüber hinaus auch solide Englischkenntnisse, ergänzt Roland Plaumann. Bleiben als letzte unbedingte Voraussetzungen ein gutes Seh- und Farbunterscheidungsvermögen.

Fachleute für die gesamte Prozesskette

Azubis am Kartentisch (Foto: LGB)

Azubis am Kartentisch (Foto: LGB)

Im ersten Jahr ihrer dreijährigen Ausbildung erlernen die zukünftigen Geomatiker auch die Erfassung von Geodaten, also die Grundlagen der Vermessungstechnik. Im späteren Berufsalltag sind sie gleichwohl nur noch in den seltensten Fällen selbst im Gelände. Ihre Tätigkeit, die Bearbeitung von Geodaten, ist vor allem eine vor dem Rechner und im Büro. Gleichwohl müssen sie die vermessungstechnischen Methoden, dazu die Besonderheiten der Fernerkundung oder der satellitengestützten Datenerfassung sowie deren unterschiedliche Datenqualität verstehen können. Die Kenntnis über die gesamte Prozesskette, von der Datenerfassung über die Weiterverarbeitung (Interpretation, Analyse, Harmonisierung, Speicherung) bis zur Visualisierung und Veröffentlichung der Geodaten, zeichnet den Geomatiker aus. Geomatiker sind nicht nur ein anonymes Rad im großen Getriebe. Nein, sie arbeiten ganzheitlich und tragen damit ein hohes Maß an individueller Verantwortung.

Persönlichkeit ist deshalb eine letzte wichtige Voraussetzung. Schon in der Ausbildung geht es nicht ohne. Auch solche großen Arbeitgeber wie die Landesämter für Geoinformation oder das Bundesamt für Kartographie und Geodäsie stellen jährlich kaum mehr als drei Auszubildende ein. Da kann sich niemand verstecken, da muss jeder schon früh Verantwortung für die eigene Ausbildung übernehmen. Studienabbrecher, die ihre Bewerbung für eine Ausbildung zum Geomatiker plausibel erklären können, dürfen deshalb durchaus begründete Hoffnungen auf ein Vertragsangebot hegen. Bewerbern, die keine betriebliche Lehrstelle finden, bleibt als Alternative eine schulische Ausbildung zum Assistenten für Geovisualisierung am Berliner Oberstufenzentrum Druck- und Medientechnik. Die Ausbildungsinhalte entsprechen im Großen und Ganzen denen des Geomatikers.

Schneller Wissensumschlag verlangt ständige Fortbildung

Ein Gefühl für Farbeen und Formen ist unerlässlich (Foto: LGB)

Ein Gefühl für Farbeen und Formen ist unerlässlich (Foto: LGB)

Und nach der Ausbildung? „Die Entwicklung in unserem Beruf ist sehr dynamisch und verlangt deshalb den Willen zur permanenten Fortbildung“, weist Christian Fremd auf eine Herausforderung, der sich kein Geomatiker entziehen kann. Unmittelbar berufsbezogene Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es für Geomatiker bislang nicht. Mit entsprechender Berufserfahrung können Geomatiker allerdings zu einer Weiterbildung für den staatlich geprüften Techniker/Fachrichtung Vermessungstechnik zugelassen werden. Auszubildenden mit Abitur, der Fachhochschulreife oder mehrjähriger Berufserfahrung bieten sich indessen verschiedene fachlich nahe stehende Studienmöglichkeiten an. Die Palette reicht von der Kartografie über die Geoinformatik, das Vermessungswesen, die Geografie bis hin zu den Geowissenschaften. Wer sich zu diesem Schritt entschließt sollte allerdings wissen, dass die Mathematik in unterschiedlicher Dichte zwar, aber doch stets zu seinem wichtigsten Handwerkszeug wird. Entsprechendes Interesse und Können sollten deshalb unbedingt vorhanden sein.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand:01.10.2016)

Berufstätige Geomatiker: ca. 1.000 (Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit).

Arbeitslose Geomatiker: es liegen keine Daten vor.

Einkommen für Berufsanfänger: abhängig vom Arbeitgeber zwischen 2.100 bis 2.300 Euro (brutto).

Studienmöglichkeiten: Kartografie, Geoinformatik, Vermessungswesen/Geodäsie, Geografie, Geowissenschaften.

Weiterführende Informationen:

Berufsbild Geomatiker

und

Berufsinformation Geomatiker

 

Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.

 

Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreiben Sie dem Autor eine Mail: info@berufsreport.com