Frühstudium – Studienvorbereitung à la carte

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2014

Ehemaliger Frühstudent: Michael Gößwein (Foto: privat)

Ehemaliger Frühstudent: Michael Gößwein (Foto: privat)

Vier Jahre ist es her. Andere hätten sich bei einem Abiturnotendurchschnitt von 1,1 wahrscheinlich genötigt gesehen, Medizin zu studieren. Nicht so Michael Gößwein. Er schrieb sich an der Universität Regensburg für Mathematik ein. Während die übrigen Studienanfänger den Vorschriften der Prüfungsordnung gemäß mit den Vorlesungen, Seminaren und Übungen des ersten Semesters begannen, stieg der neunzehnjährige Gößwein gleich im fünften Semester ein. Nach einem Auslandsjahr in England, das er nutzte sich umzuschauen, als wissenschaftlicher Hilfsassistent erste Lehrerfahrungen zu sammeln, auch einige Prüfungen abzulegen, darüber hinaus seine Sprachkenntnisse um Französisch und Russisch zu erweitern, hat er dennoch schon vor wenigen Wochen, gerade einmal dreiundzwanzigjährig, sein Masterstudium abgeschlossen. Stellt sich die Frage, wie geht das?

Es ist bei Schülern, Eltern und Lehrern noch immer wenig bekannt. Auch Michael Gößwein erfuhr es eher zufällig von einem Freund. Das Angebot heißt Frühstudium, Juniorstudium oder Studium ab 16 und wird inzwischen an mehr als fünfzig Universitäten, aber nur in seltenen Ausnahmen von Fachhochschulen, praktiziert. Das Frühstudium wendet sich vor allem an besonders leistungsstarke Gymnasiasten ab Klasse 10, steht aber auch Gesamtschülern offen. Sie können parallel zum Schulunterricht an regulären Lehrveranstaltungen der Universität in zuvor ausgewählten Studiengängen teilnehmen und auch bereits Leistungsnachweise erwerben sowie Prüfungen ablegen. Sowohl die Credit Points als auch Prüfungsergebnisse werden in einem anschließenden Studium anerkannt. Pro Semester machen deutschlandweit zurzeit etwa 1.700 Schüler von diesem Angebot Gebrauch. An der Technischen Universität Braunschweig sind es nach Angaben des verantwortlichen Koordinators Professor Andreas Hangleiter pro Jahr zwischen fünf bis zehn Schüler.

Hohe Arbeitsbelastung, einmaliger Erfahrungsgewinn

Claudia Solzbacher: Studie über das Frühstudium (Foto: privat)

Claudia Solzbacher: Studie über das Frühstudium (Foto: privat)

Michael Gößwein begann das Frühstudium in der 11. Jahrgangsstufe und blieb bis zum Abitur dabei. Während der 11. und 12. Klasse belegte er etwa die Hälfte der sonst üblichen Lehrveranstaltungen, in der 13. Klasse dann das volle Programm. Das ergab am Ende den Studienumfang von vier Semestern. In einer umfangreichen Studie fand Claudia Solzbacher, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Osnabrück, allerdings heraus, dass das für die meisten Frühstudenten nicht repräsentativ ist. „Weniger als die Hälfte der Teilnehmer erwerben Leistungsnachweise“, besagen die Ergebnisse ihrer Umfrage, „noch weniger nehmen an Prüfungen teil, nur in ganz seltenen Fällen erwerben Frühstudenten komplette Abschlüsse.“ Im Gegenteil, die meisten der teilnehmenden Schüler beenden das Frühstudium, wenn im letzten Schuljahr die Abiturprüfungen in Sichtweite kommen.

Unbestritten ist das Frühstudium kein Kinderspiel. Die Belastungen sind hoch und, so die Beobachtung von Michael Gößwein, viele Schüler scheuten einfach den Aufwand. „Doch der Erfahrungsgewinn lohnt die Anstrengungen unbedingt“, ist er überzeugt. Was er allerdings als gravierenden Mangel empfunden hat, ist die fehlende Unterstützung durch das gymnasiale Kollegium. „Die meisten Lehrer fanden es zwar gut“, erinnert er sich, „aber das war es dann auch schon.“ Obgleich es mit einigen Schulen durchaus enge Kontakte gebe, bestätigt Andreas Hangleiter als universitärer Koordinator der TU Braunschweig das weitgehende Fehlen kooperativer Strukturen zwischen Schule und Hochschule. Doch auch an der Universität sind die Frühstudenten wesentlich auf sich allein gestellt. Zwar stehen die Lehrenden den Frühstudenten für fachliche Rückfragen zur Verfügung, ein individuelles Coaching aber ist auch von Seiten der Universitäten in den meisten Fällen nicht vorgesehen.

Schulen unterstützen nur ungenügend

Auf dem Universitätsplatz sind immer auch einige Frühstudenten zu finden (Foto: Norbert Kaltwaßer/MLU Halle-Wittenberg)

Auf dem Universitätsplatz in Halle/Saale sind immer auch einige Frühstudenten zu finden (Foto: Norbert Kaltwaßer/MLU Halle-Wittenberg)

Auf diese Defizite weisen ebenfalls die Untersuchungsergebnisse Claudia Solzbachers. Ihre Erklärung dafür berührt einen neuralgischen Punkt der überaus kontrovers geführten Debatte um die Förderung der sogenannten Hochleister. „Die Schulen sind in ihrem Selbstverständnis vorwiegend defizitorientiert“, stellt sie fest. In der Tat ist es um die Hochbegabtenförderung inzwischen recht still geworden. In der Praxis bedeutet es dann oft, dass die Förderung der Schwachen alle Personalressourcen bindet und in der Folge die Leistungsstarken sich selbst überlassen bleiben. Für Claudia Solzbacher ist dies der Zentralpunkt, weswegen das Modell des Frühstudiums ein wesentliches Ziel, nämlich die Moderation des Übergangs von der Schule in die Hochschule, bisher nicht erreichen konnte. Aber genau darauf sind insbesondere Jugendliche angewiesen, die wegen ihrer sozialen Herkunft nur ungenügend mit den Gegebenheiten an Hochschulen vertraut sind, also Schüler aus Nichtakademikerfamilien und solchen mit Migrationshintergrund.

So verwundert es nicht, dass wie bei Michael Gößwein drei von vier Frühstudenten aus Familien kommen, wo mindestens ein Elternteil einen Hochschulabschluss besitzt. Und wie wichtig die Bestärkung aus dem privaten Umfeld ist, wenn die Schule als Förderer und Unterstützer weitgehend ausfällt, bestätigt der Regensburger. „Meine Eltern haben mir die Angst vor dem System Uni genommen“, erzählt er, „sie haben mir Sicherheit gegeben, denn sie wussten aus eigenem Erleben, das ist nichts Außerirdisches.“ Im Übrigen, ergänzt Claudia Solzbacher, erkennen diese Eltern schneller die Lebenslaufrelevanz eines Frühstudiums und fördern entsprechende Aktivitäten ihrer Kinder. Die Universitäten ihrerseits sind voll des Lobes für die Frühstudierenden, berichtet Johannes Schlarb von der Telekom-Stiftung, die Hochschulen bei der Einrichtung und Umsetzung des Frühstudiums mit einem einschlägigen Angebot finanziell unterstützt. Leistungsmäßig gebe es zu den regulären Studenten meist keine Unterschiede. „In Klausuren“, pflichtet ihm Andreas Hangleiter bei, „erreichen sie oft sogar überdurchschnittlich gute Ergebnisse.“

Angebot für breit aufgestellte Hochleister

Andreas Hangleiter/Koordinator für das Frühstudium an der TU Braunschweig (Foto: privat)

Andreas Hangleiter/Koordinator für das Frühstudium an der TU Braunschweig (Foto: privat)

Für wen also ist das Frühstudium unter all diesen Gegebenheiten empfehlenswert? „Die Schüler sollten besonders leistungsstark, intellektuell interessiert und gut organisiert sein“, so die Empfehlungen Claudia Solzbachers. Entsprechend ihrer Untersuchung lagen die Noten der Teilnehmer im Durchschnitt bei 1,7 und besser. Während einige Hochschulvertreter es für ausreichend halten, wenn diese Leistungen in den mit dem Studienfach korrespondierenden Schulfächern erreicht werden, plädiert Koordinator Hangleiter auf dem Hintergrund seiner langjährigen Erfahrungen für eine hohe Leistungsdichte in der Breite. „Das Frühstudium ist kein Angebot für Spezialisten“, betont Hangleiter. Seine Begründung ist ebenso stringent wie einfach. Immerhin, sagt er, müssten die Schüler den durch die Teilnahme an den universitären Lehrveranstaltungen entstehenden Unterrichtsausfall selbständig nacharbeiten. Betreffe das Problemfächer, seien Misserfolge vorprogrammiert.

Michael Gößwein bestätigt das aus der Perspektive eines Frühstudenten. „Bei mir fielen in der 11. und 12. Klasse glücklicherweise nur Sport und Kunst aus und im 13. Jahrgang war davon lediglich der Leistungskurs Mathematik betroffen“, erinnert er sich.  Freilich galt es auch für ihn, diese Fächer nachzuarbeiten. Deshalb muss die Motivation unbedingt stimmen. Gößwein bestätigt das. „Die Lehrveranstaltungen an der Uni“, schließt er den Argumentationsring, „sollten einem schon Freude bereiten. Man muss das wirklich wollen.“ Zu prüfen, ob dieses Interesse wie auch der unbedingte Wille wirklich vorhanden sind, ist Aufgabe und Verantwortlichkeit von Eltern wie Lehrern. Das gilt auch für die organisatorischen Rahmenbedingungen. Liegt die nächste Uni hundert Kilometer entfernt und geht es nicht ohne den Fahrdienst der Eltern, lässt sich das Frühstudium schwieriger realisieren, als wenn der Hörsaal nur zwei Busstationen entfernt liegt.

Orientierung steht im Vordergrund

Keine Nutzung ohne Rücksprache mit der Telekom Stiftung ( Johannes Schlarb/Projektleiter bei der Telekom-Stiftung (Foto: Andrea Servaty/privat)

Johannes Schlarb/Projektleiter bei der Telekom-Stiftung (Foto: Andrea Servaty/Telekom-Stiftung)

Dem versuchen einige wenige Universitäten mit E-Learning-Angeboten zu begegnen. Tiefer gehende Erkenntnisse über die Leistungsfähigkeit der dabei vor allem eingesetzten MOOCs (Massive Open Online Courses) liegen freilich noch nicht vor. Gerade in einer sehr frühen Phase der persönlichen Entwicklung wie des universitären Lernens sind jedoch Zweifel erlaubt. „E-Learning ist natürlich immer noch mehr als gar nichts, aber Bildung“, bringt es Claudia Solzbacher auf den Punkt, „braucht immer (personale) Beziehung, selbstverständlich auch in dieser Phase. Andererseits sei das Frühstudium bewusst als niederschwelliges Angebot konzipiert worden, bemerkt Johannes Schlarb von der Telekom-Stiftung. Eine frühe Beendigung sei keineswegs zwangsläufig mit einem Scheitern verbunden. „Wenn Schüler das Frühstudium zur Orientierung für ihre Studienwahlentscheidung nutzen und Gewissheit erlangt haben, dann ist doch ein sehr wichtiges Ziel erreicht“, stellt er fest.

Tatsächlich geben etwa 85 Prozent aller Frühstudenten an, durch das Frühstudium mehr Klarheit für die Wahl ihres Studienfaches erhalten zu haben, zeigt die Solzbacher-Studie. Wichtig war vielen Teilnehmern darüber hinaus, die Anforderungen der Universität kennenzulernen sowie spezielle fachliche Interessen über das schulische Niveau hinaus vertiefen zu können. „In den allermeisten Fällen bestätigt sich“, weiß Andreas Hangleiter, „dass die Frühstudenten im anschließenden Studium deutlich besser aufgestellt sind. Sie kennen unsere Abläufe und Anforderungen bereits.“ Das Motiv einer gezielten Studienzeitverkürzung spielt bei den meisten Frühstudenten dagegen eine eher untergeordnete Rolle. Diese Gruppe sieht im Überspringen einer Jahrgangsstufe die bessere Alternative. „Wir verstehen das Frühstudium nicht bloß als Möglichkeit zur Verkürzung von Ausbildungszeiten, sondern vor allem auch als Element einer nachhaltigen Persönlichkeitsentwicklung“, weist Johannes Schlarb auf einen wichtigen Punkt.

Verantwortliche Planung vermeidet Enttäuschung

Das Frühstudium verlangt vollen Einsatz (Foto: Christian-Albrechts-Universität Kiel)

Das Frühstudium verlangt vollen Einsatz (Foto: Christian-Albrechts-Universität Kiel)

Warum der Blick bisher nicht auf die Hochbegabten fiel? Sie tauchen unter Frühstudenten, so die Erkenntniss von Claudia Solzbacher, mitunter gar nicht auf. Ihre Begründung ist so einfach wie einleuchtend. Hochbegabte seien im herkömmlichen Schulsystem nicht immer auch Hochleister, weiß die Osnabrücker Professorin. Sie werden zu oft frustriert und geben es auf sich anzustrengen. Überdies fehle den Gymnasiallehrern häufig die diagnostische Qualifikation, Hochbegabte zweifelsfrei identifizieren zu können. „Ein Frühstudium ist aber nur möglich, wenn die Schule dem zustimmt.“ Viele von den wenigen Hochbegabten erlebten im Frühstudium eine ungeahnte Leistungssteigerung, für einige aber sei das Frühstudium mit einer weiteren Enttäuschung verbunden. Dies wirke sich dann direkt und unmittelbar auf die schulischen Leistungen aus. „Dies kann sich auf das Selbstkonzept der Schüler negativ auswirken“, schließt sie und wünscht sich gleichzeitig, „dass Schule hier durchaus etwas sensibler werden darf.“ Michael Gößwein ist davon verschont geblieben. Sein Plan ist eine akademische Karriere und irgendwann eine Professur. Für Mathematik natürlich, was sonst.

 


Weiterführend Informationen
Informationen über das Frühstudium, Bewerbungsfristen und Zugangsvoraussetzungen sind auf den Websites der einzelnen Hochschulen zu finden.

 

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