Frühstart Kunst – Ideen, Können, Fleiß und Durchhaltewille

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2014

Frühstart Kunst: Die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig rief und viele Kamen (Foto: hmb)

Frühstart Kunst: Die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig rief und viele kamen (Foto: hmb)

Die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, in der Szene nur HBK genannt, ist mit über 1.100 Studenten nicht bloß eine der größten, sondern fachlich auch eine der renommierten Kunsthochschulen in Deutschland. Deshalb verwundert es nicht, dass die 150 Teilnehmer am Frühstart Kunst jedes Jahr wieder aus allen Himmelsrichtungen der Bundesrepublik in die Stadt Heinrichs des Löwen kommen. Frühstart Kunst ist ein vor wenigen Jahren von der HBK entwickeltes und inzwischen auch von anderen Hochschulen übernommenes neues Bewerbungsverfahren für die Studiengänge Freie Kunst und KUNST.Lehramt. Zwei Tage lang können die Studieninteressenten im direkten Kontakt mit Professoren und Studenten die Praxis der Kunst an der HBK und sich selbst ausprobieren, aber sich dabei vor allem für einen Studienplatz empfehlen!

Es ist ein Montagvormittag im Januar. Der Schnee liegt noch auf den Fußwegen und die Temperaturen bleiben trotz Sonnenscheins auch tagsüber im Minusbereich. Viele junge Frauen und Männer, ein Großteil mit Rucksack und Koffer, strömen zum Haupteingang der HBK. Ihr Ziel heißt Frühstart Kunst. Es folgen Anmeldung, Begrüßung, ein Rundgang durch die Ateliers und Werkstätten, das Mittagessen in der Mensa – alles bestens organisiert. Dann wird es ernst. Für die eine Hälfte der Teilnehmer steht in den nächsten vier Stunden das freie Arbeiten in der Montagehalle an. Die andere Hälfte begibt sich für die gleiche Zeit in die zuvor nach persönlichen Vorlieben ausgewählten Werkstattkurse. Deren Palette reicht von der Bildhauerei über das plastische Gestalten, die Lithografie, das Fotostudio, dem Labor für Klangkunst bis hin zu einem Workshop Darstellendes Spiel. Am zweiten Tag wechseln die Gruppen.

Immer wieder das eigene Tun reflektieren

Mut zeigen – Talent wagen (Foto: hmb)

Mut zeigen – Talent wagen (Foto: hmb)

Die Werkstattkurse sind weniger Prüfung als vielmehr Möglichkeit zur Information und Plattform zum gegenseitigen Kennenlernen. Das ist am anderen Ende der Hochschule in der Montagehalle beim freien Arbeiten anders. Da geht es im günstigsten Fall um die direkte Studienzulassung, wenigstens jedoch um die Befreiung von der Notwendigkeit, eine Mappe mit eigenen künstlerischen Arbeiten vorlegen zu müssen. Und wenn auch nicht das, so aber um die Leistungsverbesserung beim Zusammenstellen überzeugender Arbeiten. Die Montagehalle macht ihrem Namen alle Ehre. Das fabrikartig große Rolltor, der zentimeterdicke PVC-Vorhang, leerer kalter Betonfußboden, kahle weiße Wände und die riesenhohe Decke bilden einen harten Kontrast zu dem, was hier gleich passieren soll. In der Hallenmitte stehen etwas verloren mehrere Papierrollen, dazu zwei Kartons mit Pinseln, Farbe, Kleberollen, Scheren und anderen Utensilien.

Hartmut Neumann, Professor der Freien Kunst wird den Widerspruch zu dem, was viele sonst mit diesem Metier verbinden, gleich noch einmal verstärken. Er bittet die Teilnehmer in die Mitte des Raumes. Das dauert. Dem Professor missfällt diese Trödelei. Er wird ungeduldig und schließlich deutlicher: „Kommen sie, kommen sie, ein bisschen schneller, zack-zack.“ Der Blick in einige Gesichter verrät, so viel geradlinige Rationalität überrascht den einen oder anderen. Daraufhin angesprochen wird mir Neumann wenig später erklären: „Kunst ist Arbeit und keine Freizeitbeschäftigung.“ Die Leichtigkeit des künstlerischen Ausdrucks sei stets auch das Ergebnis effizienter Selbstorganisation. Jetzt aber gibt er noch einige knappe Erklärungen. Dann heißt es ganz unprätentiös: Sie können beginnen.

Freiheit wagen, heißt Fragen stellen

Mariyam Obregón Lutzin in der Abteilung Lithografie (Foto: hmb)

Mariyam Obregón Lutzin in der Abteilung Lithografie (Foto: hmb)

Es ist interessant zu beobachten, wie die Teilnehmer mit dieser Situation umgehen. Einige, wie Carla Schumann, greifen sofort zu Papier, Pinsel und Farbe und setzen kurz darauf bereits die ersten Striche. Das mache sie immer so, sagt die Hannoveranerin, die ihr Abitur bereits im letzten Jahr ablegte. „Ich beginne meist ohne großen Plan“, sagt sie, „das Konzept entsteht dann beim Malen.“ Andere wiederum hocken sich zunächst einmal auf den Boden und lassen ihre Gedanken kreisen. Ein junger Mann verharrt so fast eine ganze Stunde lang, bevor er beginnt. Auch Mariyam Obregón Lutzin benötigt Zeit, ihr kreatives Potential entfalten zu können. „Denn ich bin davon ausgegangen, dass uns mehr vorgegeben wird“, erinnert sich die Abiturientin von der Lutherschule in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Ihre Frage: „Wie weit kann ich gehen mit dieser Freiheit?“

So wie Mariyam Obregón Lutzin haben auch andere Teilnehmer anfänglich Schwierigkeiten, mit dieser plötzlichen Freiheit produktiv umzugehen. Das deckt sich mit den Erfahrungen von Professor Hartmut Neumann.  Er beobachtet, dass die ängstlichen Fragen „Darf ich das?“ in den letzten Jahren häufiger gestellt würden. Und bedauert diese Entwicklung. „Kunst studieren zu wollen“, ist er nämlich überzeugt, „heißt, sich für ein Studium ohne alle Leitplanken und ohne jede Normierung zu entscheiden!“ Schließlich zeichne einen Künstler die Bereitschaft und der Mut aus, sich auf Unbekanntes einzulassen. Dieses Szenario simuliere man deshalb beim Frühstart Kunst ebenso zielgerichtet wie wirklichkeitsnah. „Entsprechend aussagefähig sind die Ergebnisse“, freut sich der Abteilungsleiter für Studium und Lehre Lutz Röttger. Die Qualität der Mappen im alten Bewerbungsverfahren lasse indessen immer mehr zu wünschen übrig.

Künstlerisches Arbeiten braucht die Diskussion

Till Terschüren erhielt die sofortige Zulassung (Foto: hmb)

Till Terschüren erhielt die sofortige Zulassung (Foto: hmb)

Der 29jährige Till Terschüren aus Mönchengladbach ist gelernter gestaltungstechnischer Assistent und hat zuletzt als selbständiger Werbeentwickler gearbeitet. Er will Kunst studieren, um sich ausprobieren zu können, um einen Raum fürs unreglementierte Experimentieren zu finden. Die Struktur von Frühstart Kunst  mit seiner offenen Aufgabenstellung beim freien Arbeiten über vier Stunden war für ihn deshalb Chance, nicht Risiko. Zur Halbzeit begutachten Hartmut Neumann und seine Kollegen den Arbeitsprozess der Teilnehmer, sprechen mit jedem Einzelnen über Motive, Ziele, Stilvorstellungen und Methoden. Was sie dabei zu finden hoffen, formuliert Lutz Röttger, kurz, knapp und bündig in einem Satz. „Wir suchen Bewerber mit Lust an der Auseinandersetzung, nicht aber solche, die schon einen fertigen Plan haben.“

Mariyam Obregón Lutzin hat dieses Feedback als sehr hilfreich empfunden. „Ich brauche derartige Reaktionen auf meine Arbeit, um mir neue Perspektiven erschließen zu können“, berichtet sie. Hartmut Neumann liefert die kunstwissenschaftliche Begründung. Kunst, argumentiert er, sei zwar eine individuelle Disziplin, aber sie bedürfe immer und an jedem Ort des Diskurses. Denn: „Kunst will eine Debatte initiieren.“ Die Freiheit der Kunst sei deshalb die Verpflichtung des Künstlers, Fragen zu stellen, auch solche, die unangenehm seien oder polarisierten. Fleiß heißt für einen Künstler also, sich mit dem, was er schaffen will, in jeder Werkphase intensiv auseinanderzusetzen. Nur auf diesem Fundament gelingt es, einen eigenen Anspruch zu entwickeln. Ein gutes Bild, viele gute Bilder in einer Supermappe, reichen der HBK aus diesem Grund noch lange nicht. Bewerber müssen deren Ziel und Sinn kommunizieren können.

Der Erfolg setzt das Begreifen voraus

Professor Hartmut Neumann: Einer, der genau hinschaut (Foto: hmb)

Professor Hartmut Neumann: Einer, der genau hinschaut (Foto: hmb)

„Die Professoren“, erklärt es Lutz Röttger, „geben im Studium zwar Impulse, doch dann muss sich der Student schnell selbst auf den Weg machen und seinen ganz eigenen Weg finden.“ Die Freiheit der Kunst sei deshalb immer auch Aufforderung zur intensiven Kommunikation. Weshalb Hartmut Neumann während der zwei Tage von Frühstart Kunst nicht allein die Arbeiten der Teilnehmer in Augenschein nimmt, sondern auch nach deren Sprach- und Kritikfähigkeit schaut. Das ist freilich keine Einbahnstraße. „Mir bot Frühstart Kunst die Gelegenheit“, beschreibt Till Terschüren die Dinge aus seiner Perspektive, „mich umgekehrt mit den Professoren meiner zukünftigen Hochschule zu beschäftigen und zu prüfen, ob wir gemeinsam etwas miteinander anfangen können.“ Das ist für ein Kunststudium in der Tat wichtig, zeichnet es sich doch durch eine hohe Dichte personaler Interaktionen aus.

Ohne Zweifel handelt es sich beim Frühstart Kunst auch um den legitimen Versuch der Hochschule, ebenso begabte wie leistungsfähige Bewerber bereits frühzeitig an sich zu binden. Aus Sicht der Bewerber kann man sich darauf kurzfristig nicht speziell vorbereiten. Vielmehr lasse das Verfahren klar erkennen, welcher Bewerber sich kontinuierlich mit Kunst beschäftigt. Diese Bewerber hätten einen erkennbaren Vorteil, bedeuten mir meine Gesprächspartner. Neben der Selbstvergewisserung des Einzelnen hilft das auch der Hochschule, rechtzeitig die Spreu vom Weizen zu trennen. Im Übrigen haben Carla Schumann, Mariyam Obregón Lutzin und Till Terschüren die Atmosphäre an beiden Tagen als sehr angenehm empfunden. „Die Professoren waren wirklich neugierig auf uns“, beschreibt Carla Schumann ihre Eindrücke. „Ich habe mich wohl gefühlt, alles war sehr gut organisiert, es stand immer ein Ansprechpartner zur Verfügung“, blickt Mariyam Obregón Lutzin zurück. Und Till Terschüren lobt die Möglichkeit, einen unverstellten Eindruck von den Studienmöglichkeiten in Braunschweig erhalten zu haben.

Wird es die Jury überzeugen? (Foto: hmb)

Wird es die Jury überzeugen? (Foto: hmb)

Die HBK überzeugt

Das Ergebnis gibt Hartmut Neumann und seinen Kollegen recht. Till Terschüren, als Selbständiger gewohnt, genau hinzuschauen, hat sich für ein Kunststudium und die Braunschweiger Kunsthochschule entschieden. Und die HBK für ihn! Terschüren erhielt die sofortige Zulassung. „Die Studienbedingungen sind optimal, das Angebot breit gefächert.“ Mariyam Obregón Lutzin fühlt sich in ihrem Plan bestärkt, Kunst fürs Lehramt an Gymnasien studieren zu wollen. Für die HBK wäre sie sogar bereit, in ihrem Zweitfach von der geliebten Mathematik auf die Germanistik zu wechseln, weil ersteres in Braunschweig nicht angeboten wird. Und auch Carla Schumann sieht ihre Teilnahme am Frühstart Kunst positiv, obwohl sie sich nicht für Freie Kunst, sondern für den Studiengang Kommunikationsdesign bewerben wird. Doch auch sie nennt die HBK als ihre Wunschhochschule.

 


Weiterführende Informationen
Termin: einmal jährlich Ende Januar.
Anmeldung: ist erforderlich; bei Anmeldung wird ein Kostenbeitrag Verpflegung und Material erhoben.
Voraussetzung: Mindestalter von 17 Jahren.
Besonderheiten:

  • bei herausragender künstlerischer Eignung kann eine direkte Studienzulassung erfolgen;
  • bei besonderer künstlerischer Eignung kann die Zulassung zur künstlerischen Aufnahmeprüfung ohne vorherige Mappenvorlage erfolgen;
  • die direkte Zulassung sowie die Zulassung zur künstlerischen Aufnahmeprüfung ohne Mappenvorlage sind nicht auf andere Studiengänge oder spätere Bewerbungsverfahren übertragbar, gelten also nur für die Studiengänge Freie Kunst sowie KUNST.Lehramt und nur für das Jahr der Teilnahme am Frühstart Kunst.

Informationen und Anmeldung jeweils unter: www.frühstart-kunst.de

 

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