Europäisches Zentrum für Berufe in der Denkmalpflege Thiene/Italien – Wo Handwerker zu Restauratoren werden

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2014

Villa Fabris (Thiene/Italien) – Europäisches Zentrum für Berufe in der Denkmalpflege (Foto: Europäisches Zentrum für Berufe in der Denkmalpflege, Thiene/Italien)

Villa Fabris (Thiene/Italien) – Europäisches Zentrum für Berufe in der Denkmalpflege (Foto: Europäisches Zentrum für Berufe in der Denkmalpflege, Thiene/Italien)

Es ist August und die Sommersonne scheint von einem bilderbuchblauen Himmel immer noch heiß auf die flache Landschaft des Veneto, wie die Venezianer das Hinterland in ihrer venetischen Mundart nennen. Das dunkle Grün des Frühlings ist schon lange dem hellen Braun des Spätsommers gewichen. Die letzten Touristen, die aus dem Norden die A22 vom Brenner oder aus Westen die A4 vom Luganer See herunterkommen, haben dafür allerdings kaum einen Blick. Sie wollen noch vor dem Abend Venedig oder einen der Strände an der Adriaküste erreichen und drücken deshalb aufs Gaspedal ihrer meist bis unters Dach vollgeladenen Karossen. Eine Stunde Fahrt noch, dann haben sie es geschafft. Auch die beiden Wagen von Berthold Mäntele und David Meyer liegen schwer auf der Straße. Doch ihr Ziel ist weder die weltbekannte Lagunenstadt noch einer der Großzeltplätze am Teutonengrill. Und statt Urlaubsutensilien füllen Werkzeugkoffer die Ladefläche ihrer Autos.

Bei Vicenza wechseln die beiden Männer auf die A31 und fahren wieder Richtung Norden. Bald wird die lange Reise auch für sie ein Ende haben. Noch wissen sie aber nichts voneinander. Der eine kommt aus Schuttertal im Schwarzwald, der andere aus Leipzig in Sachsen. Ihr Ziel ist freilich ein gemeinsames. Beide haben sie Thiene als Endstation in die Navigationsgeräte eingegeben. Eingeweihte kennen die Stadt als Geburtsort von Francesco Stella, der bekanntlich den Architektenwettbewerb für das Berliner Stadtschloss gewann. Noch ist die Landschaft flach, türmen sich die Berge Südtirols erst in der Ferne. So läuft der Kilometerzähler schnell  und nach einer guten halben Stunde weiterer Fahrt passieren sie das Ortsschild der nur 23.000 Einwohner zählenden Kleinstadt. Es folgen noch ein paar enge Straßen. Wenige Augenblicke später bremsen sie, rollen auf einen freien Parkplatz vor der Villa Fabris, ziehen den Zündschlüssel ab, steigen aus und drücken den steif gewordenen Rücken erst einmal kräftig durch. Angekommen, endlich!

Insieme: gemeinsam leben, lernen und arbeiten

Berthold Mäntele bringt Marmorinoputz auf die Außenwand eines venetianischen Palazzo (Foto: privat)

Berthold Mäntele bringt Marmorinoputz auf die Außenwand eines venetianischen Palazzo (Foto: privat)

Das Centro Europeo per i Mestieri del Patrimonio (Europäisches Zentrum für Berufe in der Denkmalpflege), vor dem sie nun stehen, wird für die nächsten drei Monate ihr Zuhause sein. Auch wenn die einheimischen Thienesi nicht wüssten, welche Gäste an diesem Tag anreisen, sie würden es mit ihren Augen sehen. Woran? An den breiten Händen, die kräftiges Zupacken gewöhnt sind, ebenso an der natürlichen Bräune ihrer Haut, erkennbar nicht aus dem Sonnenstudio, sondern von der Arbeit im Freien. Berthold Mäntele ist Steinbildhauer, David Meyer Kirchenmaler. Beide sind überwiegend in der Restaurierung alter Bausubstanz tätig. Statt aber auf den heimischen Baustellen zu arbeiten, werden sie nun zwölf Wochen lang in den Werkstätten des Centro Europeo in Thiene fachsimpeln, lernen, ausprobieren und sogar an einem echten Bauprojekt mittun. Ein Stipendium des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, das vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) verwaltet wird, macht es möglich.

Rechtzeitig vor dem Abendbrot sind alle siebzehn Teilnehmer des Baudenkmalpflegekurses eingetroffen. Die Kursleitung hat einen Grillabend zum ersten gegenseitigen Kennenlernen organisiert. Man sitzt an einem langen Tisch zusammen. Das hat Symbolcharakter. Insieme, zu Deutsch gemeinsam/zusammen, wird es künftig oft heißen. Berthold Mäntele schwärmt von dieser Atmosphäre noch heute. „Du machst den Kurs nicht allein“, beschreibt er das Gemeinschaftsgefühl, „der Zusammenhalt war einfach phantastisch.“ Das erleichtert die fachliche Horizonterweiterung. Das Curriculum des Kurses ist bewusst so aufgebaut, dass die verschiedenen Gewerke auch voneinander lernen. „Als Maler verstehe ich jetzt besser, wie die verschiedenen Untergründe Holz, Metall, Kalk oder Stein mit meinen Farben korrespondieren“, erklärt David Meyer die Erweiterung seiner ganz persönlichen Kompetenz. Das Malen auf Kalkputz als eine Art Fresco-Technik war Teil des Werkstattcurriculums. Seine Projektarbeit in einem Thiener Castello umfasste das Retuschieren von Aquarell-, Kalk- und Temperafarben auf trockenem Kalkputz. „Diese Erfahrung kann ich für meine Arbeit in Kirchen und Schlössern zu Hause gut gebrauchen“, zieht er eine positive Bilanz seiner Zeit in Thiene.

Das Besondere: Jeder Stein atmet Geschichte

In diesem Thiener Castello retuschierte David Meyer Aquarellfarben (Foto: Europäisches Zentrum für Berufe in der Denkmalpflege, Thiene/Italien)

In diesem Thiener Castello retuschierte David Meyer Aquarellfarben (Foto: Europäisches Zentrum für Berufe in der Denkmalpflege, Thiene/Italien)

Auch Berthold Mäntele ist des Lobes voll. Und das will etwas heißen. Denn Mäntele als ältester deutscher Teilnehmer hat immerhin schon über fünfundzwanzig Jahre Berufserfahrung auf dem Buckel. Der Steinbildhauer und geprüfte Restaurator im Handwerk hat den Kurs „Stuck“ belegt. Dort hat er gelernt, wie man Stuckstäbe zieht und Stuckmarmor abgießt. Sein Baustellenprojekt war ein Palazzo in Venedig, seine Aufgabe, Marmorinoputz aufzubringen. Warum unterzieht sich einer wie er dem Stress des Auswahlverfahrens beim ZDH, steigt für drei Monate aus dem Beruf aus, verzichtet auf drei Monatslöhne und setzt sich in Thiene wieder auf die Schulbank? „Es geht mir nicht um eine Gehaltsaufbesserung“, gibt er eine Antwort, die die der meisten ist, „ich möchte einfach in meinem Beruf besser werden.“ Und in welchem Land könnten die Rahmenbedingungen für Restauratoren günstiger sein als in Italien, wo jeder Stein Geschichte atmet?

Es ist aber nicht allein der Austausch zwischen den unterschiedlichen Gewerken, der den Kurs in Thiene so wertvoll macht. Es ist auch die internationale Zusammensetzung der Teilnehmer. Zuletzt waren es neben Deutschen auch Italiener, Österreicher, Schweizer und Franzosen. Die promovierte Architektin Nicoline-Maria Bauers, beim ZDH verantwortliche Programmleiterin, würde die nationale Vielfalt gleichwohl gerne noch weiter steigern. Aber auch jetzt schon kann jeder vom anderen lernen und erweist sich die Weiterbildung in Thiene gleichsam als Ort einer komprimierten Nachholung der Gesellenwanderschaft früherer Jahre. Ähnlich wie auf der Walz erleben die Teilnehmer in Thiene unterschiedliche Problemlösungen. So ist man in Deutschland in der Denkmalpflege meist noch immer bestrebt, originalgetreu zwar, aber doch möglichst vollständig wieder herzustellen. „Denn“, bringt es Berthold Mäntele auf den Punkt, „es darf ja nix auch nur ein Schandfleck sein.“  Südlich der Alpen legt man das Schwergewicht stattdessen stärker auf die Erhaltung der Originalsubstanz, und sei es auch nur ein Torso.

Handwerk: Das eigene Tun reflektieren

Gemeinsam in einer Werkstatt der Villa Fabris (Foto: Europäisches Zentrum für Berufe in der Denkmalpflege, Thiene/Italien)

Gemeinsam in einer Werkstatt der Villa Fabris (Foto: Europäisches Zentrum für Berufe in der Denkmalpflege, Thiene/Italien)

Den unterschiedlichen Problemlösungsansätzen in der Praxis entsprechen voneinander abweichende Ausbildungskonzepte. Setzt man in der Weiterbildung zum geprüften Restaurator im Handwerk hierzulande vor allem auf ein breites theoretisches Fundament und besteht die Projektarbeit deshalb ausschließlich in einer umfangreichen schriftlichen Ausarbeitung, betont man in Italien das praktische Tun. „Man übt die Techniken solange, bis man sie wirklich beherrscht“, sind die Erfahrungen David Meyers. Und was die Weiterbildung in Thiene betrifft, macht Nicoline-Maria Bauers eine wichtige Ergänzung. „Zwar unter enger Begleitung erfahrener Restauratoren arbeiten die Teilnehmer dort doch stets am Original.“ Allerdings erschöpft sich die Weiterbildung in der Villa Fabris nicht in der praktischen Anwendung, schon gar nicht in einer aus dem Bauch heraus. Auch im Centro Europeo gilt es, auf anspruchsvollem fachlichem Niveau eine Bestandsaufnahme zu machen, die geplanten Maßnahmen zu begründen sowie die anschließend durchgeführten Arbeiten den Gepflogenheiten in der Denkmalpflege entsprechend zu dokumentieren.

Die Berichte meiner beiden Gesprächspartner lassen auch Monate später noch die komprimierte Dichte des fachlichen Austauschs spüren. Das Ende des offiziellen Unterrichts war noch lange nicht das Ende der Weiterbildung. Manche Diskussionen seien bis tief in die Nacht gegangen, erzählen sie. Und auch die Türen der Werkstätten hätten jederzeit offen gestanden. Bleibenden Eindruck haben darüber hinaus die offiziellen Exkursionen nach Venedig, Mailand und Florenz hinterlassen. Kaum weniger erkenntnisreich die selbst organisierten Ausflüge an den Wochenenden. Dazu die hohe Qualität der Dozenten, auch sie international zusammengesetzt. All das hat indessen auch eine Kehrseite. Der Baudenkmalpflegekurs in Thiene ist nichts für Anfänger und nichts für Leute mit ausgeprägter Konsumhaltung. Man muss sich einbringen, man muss vor allem lernen, innovativ mit dem umzugehen, was man vorfindet. Nicht in jeder Situation entspricht das verwöhnten deutschen Ansprüchen. Dann ist die Bereitschaft zur Improvisation gefragt.

Thiene: Phantasie ist allgegenwärtig

Restauratoren müssen kräftig zupacken können (Foto: privat)

Restauratoren müssen kräftig zupacken können (Foto: privat)

Interessenten, die sich beim ZDH um ein Stipendium bewerben wollen, müssen eine handwerkliche Ausbildung in den Bereichen Farbe, Holz, Metall, Naturstein und Stuck oder ein vergleichbares Studium nachweisen können, dazu mindestens ein Jahr lang in der Denkmalpflege gearbeitet haben. Italienische oder englische Sprachkenntnisse sind von Vorteil, aber kein Muss. Im Unterricht und, sofern erforderlich, auch in den Werkstätten stehen Dolmetscher zur Verfügung. Den jährlich etwa zwölf Stipendien stehen zwischen dreißig bis fünfundvierzig Bewerber gegenüber. Sorgfältig zusammengestellte aussagekräftige Bewerbungsunterlagen erhöhen die Chancen ebenso wie der Nachweis bereits in Deutschland erworbener Weiterbildungszertifikate. Sowohl der Badener Mäntele als auch der Sachse Meyer konnten entsprechende Zeugnisse vorlegen. Das überzeugte. Neben handwerklicher Geschicklichkeit und erlangten Auszeichnungen zählen ein überdurchschnittliches Engagement sowie gute Referenzen zu den wichtigsten Auswahlkriterien. Die Bewerbungsfrist endet in der Regel Anfang April.

Inzwischen ist es November geworden. An manchen Tagen liegt schon Nebel über Thiene und der Villa Fabris. Es heißt, Abschied zu nehmen. Das Stipendium, das die Kursgebühren, Unterkunft, Verpflegung, Reisekosten und einen Aufwendungszuschuss umfasst, ermöglichte es Berthold Mäntele und David Meyer, sich während der Zeit in der Villa Fabris ganz auf ihr Handwerk und die Restaurierung alter Bausubstanz zu konzentrieren. Sie wissen, das wird nun wieder anders. Wie bei der Anreise sind ihre Autos vollgeladen. Keinen Platz beansprucht und nur im übertragenen Sinn schwer wiegt die Erfahrung, die sie aus Thiene mit nach Hause nehmen. Auch wenn dieser Qualifikation in Deutschland noch immer die offizielle Anerkennung versagt ist, den Kompetenzzuwachs kann Berthold Mäntele und David Meyer niemand mehr nehmen. Die Chancen, die Phantasie zu konservieren, die die beiden Männer in Thiene ständig umgab, stehen deshalb gut. Und ganz sicher wird eines bleiben, die Erinnerung an eine außergewöhnliche Zeit – ein Berufsleben lang!

 


Weiterführende Informationen
www.zdh.de/themen/gewerbefoerderung/denkmalpflege/stipendienprogramm-thiene.html

 

Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.