Eltern bei der Berufswahl – Geburtshelfer, Coach, Sparringspartner und Lotse

Von Hans-Martin Barthold nach einer Idee von Stefan de Greef, Berufsberater für Abiturienten | 15. November 2016

Stefan de Greef (Foto: privat)

Stefan de Greef (Foto: privat)

Kinder auf ihrem Weg ins Leben zu begleiten, ist ein spannendes Projekt. Jede Phase des Erwachsenwerdens ihrer Töchter und Söhne fordert Eltern andere Qualifikationen ab. Und nicht immer fühlen sich Mütter wie Väter auf die jeweiligen Anforderungen ausreichend gut vorbereitet. Freilich werden Eltern nur selten gefragt, ob sie diese vielen verschiedene Rollen bereit sind anzunehmen, ebenso wenig, ob sie die damit verbundene Verantwortung schultern wollen. Besonders groß sind die Herausforderungen am Ende der Schulzeit, dann wenn die beruflichen Weichen gestellt werden müssen. „Die Berufs- und Studienwahl ist ein familiärer Stressfaktor allerersten Ranges“, sind die Beobachtungen des langjährig erfahrenen Hannoveraner Berufsberaters für Abiturienten Stefan de Greef. Schließlich gehe es um nicht weniger als die Suche nach Orientierung im Nebel einer ungewissen Zukunft, mehr noch darum, wo und womit Eltern ihren Kindern jetzt noch helfen können. In England heißt es bei einer solchen unübersichtlichen Gemengelage mit britischem Humor „Do ore die“ (Tu was oder stirb.). Hierzulande heißt die Formulierung etwas humorloser: „Da musst du durch“.

Zwar mag es auch Eltern geben, die sich mit einem coolen Spruch ihrer Verantwortung entziehen. „Du bist jetzt erwachsen, das musst du selber wissen“, heißt es dann. Oder: „Mach, was du für richtig hältst.“ Auch „Das musst du wissen, es ist dein Leben.“ In allen Fällen, erzählen Jugendliche, fühlten sie sich damit unendlich einsam und allein gelassen. Dem steht mit den sogenannten Helikopter-Eltern, die den Kindern keinen Zentimeter Raum zum selbstbestimmten Handeln lassen, das andere Extrem gegenüber. Die Mehrzahl der Kids aber, weiß Stefan de Greef, würde in Familien aufwachsen, in denen den Eltern das Glück ihrer Kinder eine Herzensangelegenheit sei. Allerdings wäre gut gemeint nicht immer auch gut gemacht. Das gelte für die Berufswahl ganz besonders. Denn für Eltern erweise sich dieser Lebensabschnitt als Gratwanderung zwischen Anteilnahme in gebührender Distanz und gluckenhafter Überbehütung, bringt de Greef die Ambivalenz der Situation auf den Punkt. „Liebevolle Eltern tun alles für ihr Kind – und schaden ihm mit unerbetener Einflussnahme wie Kontrolle gar nicht selten mehr, als sie ihm helfen.“ Tatsächlich wollen die meisten Väter und Mütter das Beste für ihre Kinder. Aber irgendwann kommen sie bei der Berufswahl an den Punkt, nicht mehr wissen zu können, was das Beste ist.

Zur Entscheidung ermuntern

Was also machen, wenn das Kind von Berufen träumt, die aus ganz unterschiedlichen Gründen extrem schwer zu realisieren sind? Wenn es nicht weiß, wofür es geeignet ist? Wenn es keinen „Fahrplan“ hat? Wenn es hilflos ist, die Flut an Informationen sortieren und gewichten zu können? Wenn es nicht weiß, wo anfangen und wo aufhören? Wenn es sich vor einer Entscheidung am liebsten in ein Mauseloch verkriechen möchte? Stefan de Greefs Antwort an die Eltern darauf ist einfach – und gleichermaßen Entlastung wie Verpflichtung. „Eltern“, ist Berufsberater de Greef überzeugt, „müssen keine Antworten für ihre Kinder finden. Sie sollten stattdessen bereit sein, gemeinsam mit ihnen danach zu suchen.“ Ausgang offen! Weshalb Eltern nach Jahren der Stabilität wieder neu lernen müssen, mit Ungewissheiten zu leben. Der französische Humanist André Gide hat das wunderschön in einem einzigen Satz gefasst: „Man entdeckt keine neuen Erdteile ohne den Mut, alle Küsten aus den Augen zu verlieren.“

Allerdings gilt auch, um beim Beispiel zu bleiben, dass die Entdeckung neuer Erdteile nur bei bester Vorbereitung des Expeditionskorps gelingt. Der gute, aber naive Wille allein reicht nicht. Die Vorbereitung beginnt mit der Analyse der Situation. Was passiert da eigentlich bei der Berufswahl mit den jungen Menschen? Die alte Ordnung, die Schule, wenn auch nicht immer geliebter, aber doch über viele Jahre vertrauter Ort, ist unausweichlich an ihr Ende gekommen. Es muss so oder so etwas Neues gefunden werden. Stefan de Greef bezeichnet den Übergang von der Schule in den Beruf unter Anlehnung an den Organisationspsychologen Peter Kruse („Erfolgreiches Management von Instabilität“) deshalb als kreative Störung. An die Stelle alter Stabilitäten trete eine mit Unsicherheit, Angst, Zweifel und dem Gefühl von Überforderung verbundene kritische Instabilität. Die keineswegs leichte Aufgabe bestehe darin, eine neue Stabilität zu finden. „Es geht vom sicheren Hafen aufs offene Meer“, benutzt er ein Bild, „und irgendwann auch wieder in einen neuen sicheren Hafen.“

Veränderungen als Chance begreifen

Das klingt gut. Und logisch ist die Argumentation auch. Aber ganz leicht, das ahnt man, wird die Sache dennoch nicht. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. „Entwicklungen besitzen die unangenehme Eigenschaft, nicht klar vorhersehbar und damit auch nicht planbar zu sein“, beschreibt es Stefan de Greef. Deshalb hätten alle Menschen eine ausgeprägte Tendenz, bestehende Stabilitäten unbedingt erhalten zu wollen und empfänden Veränderungen eher als Bedrohung denn als Chance. Das geht wohl auch den meisten Berufswählern so. Tatsächlich bedarf es Mut und eines gesunden Selbstbewusstseins, sich zuzugestehen, dass die Zukunft etwas anderes ist als einfach nur die Fortschreibung der Gegenwart. Dass Jugendliche die Berufswahlentscheidung ausgerechnet während des Erwachsenwerdens zu treffen haben, macht alles nicht einfacher – auch und gerade für die Eltern. Immerhin müssen sie wie ein Jongleur zwischen Nähe und Distanz, zwischen aktiver Einmischung und passiver Zurückhaltung balancieren. Die Kinder möchten und müssen sich abnabeln und bedürfen doch noch immer gleichzeitig tatkräftiger Unterstützung.

„Es ist nicht einfach, sein Kind Fehler machen zu sehen, wo man ihm doch helfen möchte, die richtige Entscheidung zu treffen“, weiß de Greef. In einer Zeit und Gesellschaft ohne Fehlerkultur, wo nur der Erfolg zählt, ganz besonders! Doch Eltern, rät de Greef, sollten wissen und akzeptieren, dass das Lernen nur über das eigene Tun gelingt, auch wenn das zwangsläufig Irrtümer einschließt. Wem das noch immer nicht die Bedeutung, die den Eltern im Prozess der Berufswahl ihrer Kinder zukommt, ausreichend erklärt, sei auf zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen verwiesen. So fand die Bertelsmann Stiftung schon vor Jahren heraus, dass für drei Viertel der Berufswähler die Eltern wichtigster Ansprechpartner sind. Was die Jugendlichen sich von den Eltern erwarten? Ihre Wünsche sind anspruchsvoll, nicht selten widersprüchlich, in jedem Fall herausfordernd. Sie erwarten Unterstützung. Sie erwarten aber ebenso die Wahrung ihrer wachsenden Autonomie. Die Quadratur des Kreises zu beweisen, erscheint da kaum weniger schwierig.

Freiheit gewähren und immer wieder motivieren

Wie könnte das alles gelingen? Wie kann man Hilfe leisten und gleichzeitig Eigenverantwortung anmahnen? „Eltern“, beschreibt Stefan de Greef deren Dilemma, „stehen zwischen den Alternativen Rettungsring oder Zwangsjacke.“ Es bedarf keiner Frage, der Berufsberater plädiert für den Rettungsring. Den im richtigen Moment und zielgenau einsetzen zu können, müssen freilich auch Eltern zunächst einmal ihre eigene Position genauso ehrlich wie selbstkritisch in den Blick nehmen. „Wie ihre Kinder“, sagt de Greef, selbst mit Vatererfahrung, „haben nämlich auch Eltern Angst vor Veränderungen.“ Tatsächlich bedeutet das Studium oder der Beginn einer Ausbildung ihres Kindes auch für sie einen neuen Lebensabschnitt. „Auch Eltern stemmen sich gegen unbekanntes Neues, auch sie klammern und wollen festhalten“, beobachtet er in vielen Beratungsgesprächen. Es falle ihnen deshalb oft schwer, sich eingestehen zu müssen, die Entscheidungshoheit über den Berufswahlprozess ihrem Kind zu überlassen. Umso mehr, wenn für die Eltern das Kind, zwar meist unreflektiert, aber eben gar nicht selten als Objekt der eigenen Selbstbestätigungswünsche herhalten muss.

So ist denn die erste und gleichzeitig wichtigste Aufgabe für Eltern, den Schatten der eigenen Ängste überspringen zu lernen und ihrem Kind doch eng verbunden zu bleiben. Die Beziehung wird eine andere, aber nicht weniger intensive, viele innige Glücksgefühle eingeschlossen. Dazu gehört Mut, gewiss. Und vielleicht auch ein Blick zurück auf den eigenen Werdegang. Wie war das bei mir selbst? Was habe ich in jener Situation als hilfreich empfunden? Was war aus meiner Perspektive kontraproduktiv? Schließlich benötigen Kinder Vorbilder. Eltern sollten diese Rolle annehmen. Sie sollten zeigen, dass es möglich ist, Ängste, gar Gefühle der Ohnmacht auszuhalten, ohne in Gleichgültigkeit oder gar Fatalismus zu verfallen. Kinder werden es danken, nicht immer sofort, irgendwann ganz sicher. Für wichtig erachtet de Greef dabei eine einfache Botschaft. „Die letzte Entscheidung liegt in den Händen der Kinder und die Eltern tragen sie mit, wie immer sie auch ausfallen mag.“ Aus dem Wissen, dass Heranwachsende eigene Ziele entwickeln lernen müssen, geben Eltern Anregungen statt Vorgaben und gewähren Freiheit statt engmaschig zu kontrollieren. Ganz zuletzt rät de Greef zu beobachten und nicht wegzuschauen, auch dann nicht, wenn es eng und unangenehm wird.

Lotse und Prozessmanager

Neben diesen Aspekten ist freilich die Motivation eine der vornehmsten Aufgaben, die Eltern gegenüber ihren Kindern wahrzunehmen haben – und eine, die fordert wie keine andere. Wenn Enttäuschungen oder Rückschläge zu verarbeiten sind. Wenn Niederlagen überwunden werden müssen. Wenn es gilt, einen zweiten und dritten Anlauf zu nehmen. Wenn Frusterlebnisse geschickt in neue Energie umzuwandeln sind. Wenn Entscheidungen immer wieder auf ihre Tragfähigkeit zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren sind. Wenn es gilt, klaren Kopf zu behalten, wo Anteilnahme auch für lebenserfahrene Mütter und Väter in einer emotionalen Achterbahnfahrt enden kann. Eltern sind wie Coaches. Sie haben das Spielfeld, das Drumherum und ihren Schützling im Blick. Sie sind Lotsen in unbekanntem Terrain. „Eltern“, betont de Greef, „ermutigen ihre Kinder immer wieder aufs Neue, am Ball zu bleiben und der Aufschieberitis zu widerstehen.“

In die Entscheidungen ihrer Kinder eingreifen, gehöre indessen nicht zu ihren Aufgaben. Aber sie sollten Impulse geben und die anstehenden Probleme gleichermaßen rechtzeitig wie konkret benennen. „Sie sollten die Lok unter Dampf halten“, formuliert es Stefan de Greef. Das heißt, Eltern sollten dafür sorgen, dass das Kind dran bleibt und sich dem Prozess der Berufswahl nicht entzieht oder in einer Traumwelt Zuflucht sucht. Sie verweisen für die Abklärung von Fähigkeiten und Begabungen auf die Hilfe kompetenter Experten. Sie kennen die leistungsfähigsten Informationsportale. Sie bieten immer wieder Feedbackgespräche an und steigern mit jeder Gesprächsschleife die Tiefe der Reflexion. „Eltern sind Berufswahl-Prozessmanager und Berufswahl-Zeitmanager“, sagt Berufsberater de Greef, „stets aber ohne sich inhaltlich einzumischen.“ Wie kannst du vorgehen? Was ist wann zu machen? Welche Antworten und Informationen benötigst du? Auf denn!

 

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