Edda Müller – Mut als Fundament eines erfüllten Berufslebens

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2015

Edda Müller “on air“ (Foto: Transparency International Deutschland)

Edda Müller “on air“ (Foto: Transparency International Deutschland)

Keine geheuchelte Nähe in geschäftsmäßiger Tonlage, sondern eine Stimme, die Wärme und gewinnende Freundlichkeit ausstrahlt. Kein gelangweilter Blick in arktischer Froststarre, sondern Augen, die auch das unbekannte Gegenüber mit wohlwollender Neugier mustern. Keine Überdruss und Resignation signalisierende Körperhaltung, sondern Bewegungen, die Konzentration und Zielorientierung verraten. Keine vom Gift des Zynismus inhaltsentleerte Sprache, sondern spontane Rede, dennoch überlegt, schlüssig, ehrlich, Unangenehmes nicht verdeckend, bei all dem jedoch nie verletzend.  All diese Eigenschaften verkörpert die ebenso zierliche wie energische Frau, mit der ich an diesem Montag, wenige Tage nach dem Übergang ins neue Jahr, spreche,  wie nur wenige sonst. Umso erstaunlicher sind ihr Weg und ihre Karriere. Nach vielen beruflichen Stationen mit großer Verantwortung ist sie heute Vorsitzende von Transparency International Deutschland. Ihr Name: Edda Müller.

Beruflich begonnen hat alles im Bundesinnenministerium. Doch Edda Müllers Karrierfundamente wurden schon viel früher gelegt. Edda Müller war Kriegskind, erlebte Vertreibung und Flucht aus dem heute westpolnischen Städtchen Žary (bis 1945: Sorau) nach Meißen, 1951 ein zweites Mal aus der Stadt der königlich-sächsischen Porzellanmanufaktur nach West-Berlin, wo sie auch heute wieder lebt. Was es bedeutet, wenn die staatliche Ordnung zusammenbricht und es keine funktionsfähige öffentliche Infrastruktur mehr gibt, wenn das tägliche Überleben der Menschen wie Unternehmen von Tauschhandel und halbseidenen Geschäftemachern abhängt, prägte sich tief in ihr Bewusstsein ein, selbst wenn  es für das zehnjährige Mädchen den Geschmack von Abenteuer a la Lederstrumpf und Winnetou atmete. Das Thema der Gemeinwohlorientierung hat sie seitdem nie mehr los gelassen.

Stets nah an den gesellschaftlichen Brennpunkten

Das Bundesumweltministerium in Bonn: Wirkungsstätte wichtiger Erfolge (Foto:

Das Bundesumweltministerium in Bonn: Wirkungsstätte wichtiger Erfolge (Foto: Wikipedia/Wolkenkratzer)

Einem roten Faden gleich zieht es sich durch all ihre zahlreichen und zugleich vielfältigen beruflichen Stationen. „Nur dafür zu sorgen, dass die Vertriebszahlen eines Produktes X oder Y jedes Jahr neue Höchststände erreichen, hätte mich nicht ausgefüllt“, sagt sie in dem Wissen, dass auch diese Arbeit getan werden muss, und dem deshalb gebührenden Respekt. Der Wunsch, die Welt selbst besser verstehen und andere daran anschließend teilhaben lassen zu können, führte sie zu ihrem ersten Berufswunsch. Sie wollte Journalistin werden. Was lag nach dem Abitur näher als ein Volontariat, in dem man lernt, eine Nachricht zu erstellen, einen Kommentar zu formulieren oder ein Dossier zu recherchieren. Sie entschied sich für die in Essen ansässige Westdeutsche Allgemeine Zeitung, wo sie auch später noch gelegentlich jobbte. Allein beim Handwerkszeug aber sollte es nicht bleiben. Das Interesse für Inhalte, Zusammenhänge und Begründungen verlangte nach einem Studium.

So ging die junge Frau mit dem wachen Verstand nach München und schrieb sich an der Ludwig-Maximilians-Universität in den Fächern Zeitungswissenschaften, dem Vorläufer der heutigen Journalistikstudiengänge, und Neuere Geschichte ein. Bayern war damals noch bundesdeutsches Entwicklungsgebiet und München eine zwar liebenswerte, aber doch etwas verschlafene Landeshauptstadt. Das Leben jedenfalls pulsierte in jener Zeit an ganz anderen Orten. Die geteilte Stadt Berlin war so einer. Für Edda Müller Grund genug, an die neu gegründete Freie Universität und in das Studienfach Politikwissenschaften zu wechseln. „Dessen  generalistischer und disziplinübergreifender Ansatz sowie der größere Gegenwartsbezug entsprachen meinen Interessen in idealer Weise“, begründet Müller ihre damalige Entscheidung. Es blieb indes nicht nur bei akademischen Fingerübungen. Edda Müller war immer auch eine Frau der Tat.

Seinen Überzeugungen treu bleiben

Die schleswig-holsteinische Umweltministerin Edda Müller (Foto: NABU)

Die schleswig-holsteinische Umweltministerin Edda Müller (Foto: NABU)

Der sogenannte antifaschistische Schutzwall, der Berlin seit dem 13. August 1961 in Ost und West teilte, war für sie aufgrund ihres bundesdeutschen Passes durchlässig. Berührungsprobleme mit den Menschen jenseits der mauerbewährten Grenze hatte sie keine. Fremdgesetzte Tabus, von denen es in der Zeit des Kalten Krieges hüben wie drüben zahlreiche gab, waren da, um missachtet zu werden, und reizten allenfalls zum intellektuellen Widerspruch. Das Privileg ihrer Bewegungsfreiheit nutzte sie. Zusammen mit Gleichgesinnten suchte Edda Müller den Kontakt zu Studenten im sowjetischen Sektor. Und sie erlebte den Wunsch der Eingemauerten nach Freiheit. Viele Bundesdeutsche beließen es dann bei schönen Worten und schlugen sich verschämt in die Büsche. Edda Müller nicht. Sie entschloss sich zur aktiven Fluchthilfe, wurde verraten und landete in einer ostdeutschen Gefängniszelle. Erst ein Jahr später wurde sie über die Oberbaumbrücke wieder in den Westteil der Stadt abgeschoben. Die Ungewissheit und das Ausgeliefertsein setzten ihr zu. Klein bei gab sie dennoch nicht.

Für ihre Überzeugung einzustehen, ist ein weiteres Wesensmerkmal, das Edda Müller bis heute auszeichnet. Der Versuchung, Einsichten und Haltungen wider besseres Wissen auf dem Altar kurzzeitiger Karrierevorteile preiszugeben, widerstand sie stets – aus Überzeugung. So bei ihrem Wechsel vom Umweltbundesamt in das auch für die Reaktorsicherheit zuständige Bundesumweltministerium 1987. Der Minister trug ihr die Leitung der Öffentlichkeitsarbeit an, eine Tätigkeit, die sie interessierte und für die sie gut geeignet war. Sie jedoch lehnte mit der Begründung ab, Kernkraft nicht als Zukunftsenergie präsentieren zu können. So wurde es „nur“ die Grundsatzabteilung. Jahre später, sie war gerade als parteilose Ministerin für Natur und Umwelt in Schleswig-Holstein dem Koalitionsproporz der neuen Landesregierung zum Opfer gefallen, widerstand sie dieser Versuchung erneut. Es ging um die Geschäftsführung der Bundesgartenschau in Potsdam. Die Entscheider aus der kommunalen und Landespolitik bedeuteten ihr dezent aber nachdrücklich, ihren Lebenslauf um die DDR-Haft zu bereinigen.

Praktikable Problemlösungen entwerfen

Europäische Umweltagentur in Kopenhagen: Hier arbeitete Edda Müller von 1998 – 2000 als Vizedirektorin (Foto:

Europäische Umweltagentur in Kopenhagen: Hier arbeitete Edda Müller von 1998 – 2000 als Vizedirektorin (Foto: Wikipedia/Loozrboy)

Edda Müller zögerte keine Minute und zog ihre Bewerbung zurück. Sie blieb sich treu und ging ihren Weg wie zuvor und danach, nämlich straight ahead. Wenn man Geradlinigkeit, die aus der Perspektive des Gegenübers Verlässlichkeit ist, als die Summe von Intelligenz und Charakter definiert, dann gibt es kaum ein besseres Beispiel als Edda Müller. Geradlinigkeit verwechselte sie freilich nie mit rechthaberischem Starrsinn oder gefühlsseliger Beharrung. Aus intellektuellen Sackgassen umzukehren und Fehlentscheidungen zu korrigieren, etwa als sie 1993 ihre Mitgliedschaft in der FDP beendete, war für sie einer sich permanent entwickelten Welt geschuldet und deshalb rationale Normalität, nicht aber Ausdruck von Versagen oder Schwäche. Sie dachte immer kritisch, doch niemals destruktiv. „Ich bin ein pragmatischer Mensch“, lautet ihre Selbsteinschätzung. Doch auf eines mochte sie auch bei notwendigen Kurskorrekturen nicht verzichten. „Entscheidend ist immer herauszufinden, warum man etwas tut oder lässt!“ Unideologischer, flexibler und kompromissorientierter Pragmatismus also jederzeit, opportunistische Anpassung nie und nimmer.

Edda Müllers Karriere war eine Karriere im Politikmanagement und führte sie von der Verfassungsabteilung des Bundesinnenministeriums über die Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes sowie verschiedene Querschnittsfunktionen im Umweltbundesamt in das Bundesumweltministerium, zuletzt mit Verantwortung für Grundfragen der Industrie- und Freizeitgesellschaft sowie Klimapolitik. Anschließend wurde sie zur Ministerin für Natur und Umwelt in die schleswig-holsteinische Landesregierung berufen, gab dann eine kurze Stippvisite in Ernst Ulrich von Weizsäckers Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie, um darauf als Vizedirektorin der Europäischen Umweltagentur nach Kopenhagen zu gehen. Nach Ende dieses Vertrages wieder zurück in Deutschland, wechselte Edda Müller in den Vorsitz des Bundesverbands der Verbraucherzentralen und Verbraucherverbände, den sie bis 2007 führte. Heute, mit 72 Lebensjahren, steht sie der deutschen Sektion von Transparency International vor. „Arbeit und Beruf waren für mich nie Last, sondern Lust, weil Möglichkeit zur persönlichen Weiterentwicklung“, sagt sie und meint es genau so.

Ohne Leidenschaft kein Erfolg

Edda Müller präsentiert das Gütesiegel „Blauer Engel“ (Foto: Blauer Engel)

Edda Müller präsentiert das Gütesiegel „Blauer Engel“ (Foto: Blauer Engel)

Auch wenn es angesichts dieses Hintergrundes widersprüchlich klingen mag, ist Edda Müller aber doch gerade deswegen überzeugt: „Karrieren kann man nicht am Reißbrett planen.“ Sie hat stets das getan, wofür ihr Herz schlug. In ihrem Fall waren das gesellschaftspolitische Themen. „Im Beruf geht es schließlich immer um Inhalte.“ Nur diese Übereinstimmung lasse auch die Anstrengungen zum Erwerb des erforderlichen Wissens besser bewältigen. Edda Müller weiß, wovon sie spricht. Immerhin setzte sie sich als Dreißigjährige noch einmal für ein Jahr in die Hörsäle der französischen Elitehochschule École Nationale d’Administration (ENA). Darüber hinaus, blickt sie zurück, bedürfe eine Karriere zusätzlich unbedingt zweier Dinge: Vertrauen und Geduld – in die eigenen Fähigkeiten ebenso wie in die Gewissheit, früher oder später Menschen zu begegnen, die das eigene Potential erkennen und fördern. Manchmal hat das auch bei ihr gedauert. Mehr noch gab es Situationen, in denen sie, ehrlich sich selbst gegenüber, akzeptieren musste, zweiter Sieger zu sein. So, als ihr die damalige Umweltministerin Angela Merkel die Rückkehr ins Ministerium verweigerte.

Ihrer Leidenschaft für Beruf und Arbeit aber tat es keinen Abbruch. Noch etwas, was Edda Müller bis heute auszeichnet und was sie für einen unverzichtbaren Bestandteil jeder erfolgreichen Karriere hält. „Damit kommt man eventuell nicht ganz genau dorthin, wo man hin will, aber man wird immer etwas erreichen“, ist sie fest überzeugt. Ohne Leidenschaft kein Stehvermögen und ohne Stehvermögen kein Erfolg beim Bohren dicker Bretter. Und kaum irgendwo anders sind die Bretter so dick wie im Politikmanagement. „Rasche Erfolge sind da eher seltene Ereignisse“, sagt jemand, der gelernt hat, geduldig auf das window of opportunities zu warten – und gerade deswegen so manche Erfolge errang, die sie freilich stets nur still feierte. Auch für ihren jetzigen Job bei Transparency International sind das alles unabdingbare Voraussetzungen. Zwar erfährt Transparency‘s Arbeit inzwischen viel Lob. Doch abseits hehrer Sonntagsreden wird Edda Müller und ihren Mitstreitern keineswegs immer und überall der rote Teppich ausgerollt.

Engagement gegen Resignation

Immer mitten im Getümmel: Edda Müller ist Mitglied des Beirates, der den Umbau des ADAC begleitet (Foto: ADAC)

Immer mitten im Getümmel: Edda Müller ist Mitglied des Beirates, der den Umbau des ADAC begleitet (Foto: ADAC)

Korruption sind schließlich nicht nur das kleine oder große Bakschisch, mit dem hier Sachbearbeiter gefügig gemacht werden, oder die Hinterzimmergespräche, wo Vorstandsvorsitzende im Verborgenen Preisabsprachen treffen. „Korruption“, erklärt Edda Müller ihre Überzeugung, „ist der Missbrauch anvertrauter Macht. Das Gefährliche daran, es ist ein schleichender Prozess und einer auf leisen Sohlen.“ Er komme darüber hinaus in ganz unterschiedlichen Formen daher, immer öfter nicht bloß als individuelle Verfehlung, sondern vielmehr als strukturimmanenter Bestandteil wirtschaftlicher wie politischer Systeme. Die Ideologisierung wirtschaftswissenschaftlicher Theorien, etwa die des Vorrangs kurzfristiger Gewinne zulasten eines seriösen, freilich längerfristigen Wachstums, beobachtet sie mit Sorge, ebenso den Verlust des Primats der Politik an die zunehmende Macht global operierender Konzerne. „Mit TTIP“, befürchtet sie, „könnten sich gesellschaftliche Prioritäten als Folge einer rigorosen Interessenmaximierung noch einmal radikal verändern.“ Doch der Zweck, ist die nüchterne Erkenntnis aus einem langen (Berufs)Leben, dürfe niemals – niemals (!) – die Mittel heiligen.

Viel zu gut weiß Edda Müller, dass es nicht das eine alleinseligmachende fachliche Instrument zur Lösung gesellschaftlicher Probleme gibt. „Unsere Demokratie ist eine Wettbewerbsdemokratie“, sagt sie. Deshalb bestehe ihre Aufgabe auch bei Transparency International darin, die überzeugendsten Argumente zu finden, um damit Mehrheiten gewinnen zu können. Denn Korruption, ist sie sich sicher, gefährdet politische Stabilität und wirtschaftlichen Erfolg eines Landes gleichermaßen. Auch im digitalen Zeitalter komme alles auf die Menschen an. Sie schafften die Strukturen, nicht umgekehrt. „Deshalb sind Zivilcourage und der Mut, für seine Werte einzustehen, so wichtig.“  Die Bürger müssten Teilhabe an der politischen Willensbildung haben, freilich umgekehrt auch bereit sein, die dafür unerlässlichen Pflichten auf sich zu nehmen. Dass Minister in der Politik und Vorstandsvorsitzende in der Wirtschaft, wie heute oft üblich, nach ihrer Bestellung, eskortiert von einer Garde genauso treu ergebener wie von ihrem Wohlwollen abhängiger Prätorianer, in die Zentren der Macht einmarschieren, hält sie deshalb für Ausdruck mangelnder Lernbereitschaft und Konfliktfähigkeit. Die aber sei der Grundstein jeder parlamentarischen Demokratie.