Dual Studieren – Berufseinstieg für ambitionierte Macher

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2012

In den Augen vieler Abiturienten sind sie der Karrierehighway. Gemeint sind die dualen Studiengänge. Und tatsächlich präsentieren die sich noch immer als ein Exklusivmodell, wenngleich eines mit wachsender Bedeutung. Gegenwärtig studieren über 60.000 Studenten dual, das heißt im Praxisverbund. Das sind nur knapp drei Prozent aller Studierenden. Vor zehn Jahren waren es gerade einmal halb so viele. Beim Studium im Praxisverbund wechseln sich Studienzeiten meist an Fachhochschulen oder Berufsakademien, in Baden-Württemberg an der dualen Hochschule, mit praktischen Ausbildungszeiten in einem Unternehmen ab. Die Ausbildungsprofis sprechen vom Shuttle-Prinzip.

Ob die Karrieren der StiP’s (Studenten im Praxisverbund), wie sie etwa bei Volkswagen liebevoll genannt werden, allerdings so weit tragen wie die von Thomas Sattelberger, wird sich erst noch zeigen müssen. Sattelberger gehörte vor über dreißig Jahren zum ersten dualen Absolventenjahrgang. Seine anschließende Karriere führte ihn über verschiedene Stationen bei Daimler-Benz, MTU, der Lufthansa und Continental bis zum Personalvorstand bei der Deutschen Telekom. Klar ist indessen, die Karriere eines StiP ist stark abhängig von Betriebsgröße und Fachrichtung, wird sich die berufliche Entwicklung in einem mittelständischen Unternehmen anders gestalten als in einem Großkonzern, werden sich einem Ingenieur andere Möglichkeiten bieten als einem Betriebswirtschaftler. Und am Ende bleibt selbstverständlich das individuelle Leistungsvermögen die alles entscheidende Karrierekenngröße.

Anwendung im Mittelpunkt

Sattelbergers Werdegang ist für Absolventen dualer Studiengänge, wie zu sehen, also keineswegs unmöglich. Typisch ist er dennoch nicht. Denn das Ziel dieser Studiengänge sind Handlungsorientierung, Berufsfähigkeit und Soziale Kompetenz. Abiturienten, die stattdessen stärker wissenschaftsanalytisch geprägte Tätigkeiten wie etwa in der Grundlagenforschung anstreben, auch solche, die gerne über das Woher und Wohin dieser Welt nachdenken möchten, die sollten lieber an die Uni gehen. Dafür sind duale Studiengänge nicht gemacht. Denn unzweifelhaft vermitteln duale Studiengänge auf anspruchsvollem Niveau, aber doch eine vor allem prozessorientierte Qualifikation mit vertieftem Fachwissen. Anders formuliert, in ihren Händen sind weder Kugelschreiber noch Schraubenschlüssel Fremdkörper, sie „können“ beides. Für die allerhöchsten Karrierestufen aber fehlen denn doch ein paar Zentimeter.

(Karikatur: Christoph Freisem)

(Karikatur: Christoph Freisem)

Absolventen dualer Studiengänge, gleich ob technischer oder wirtschaftswissenschaftlicher Provenienz, können ihre Stärken am effektivsten in produktionsnahen Bereichen und Abteilungen des operativen Geschäfts zur Geltung bringen. Dort also, wo es wichtig ist, „sehen, fühlen und schmecken zu können“, wie es im Personalersprech etwas flapsig heißt. Dafür werden sie ausgebildet, dafür stellt man sie ein. In den überwiegend multifunktional geprägten Tätigkeiten dort vermögen sie ihre Vorteile einer betrieblichen Querausbildung am erfolgreichsten in die Waagschale zu werfen. Man wird Führungsnachwuchs mit „Öl unter den Fingernägeln“.

Die Struktur dualer Studienangebote, über 900 derzeit, bestätigt all das nachhaltig. Die überwiegende Mehrzahl dualer Studiengänge schließt mit dem Bachelor ab. Ein darauf aufbauendes Masterprogramm wird von den Unternehmen nur in seltenen Ausnahmen gefördert. Gleichwohl streben immer mehr duale Absolventen genau diesen Masterabschluss an. Das hat Gründe, denn dieser Mühe unterzieht man sich nur, wenn man der Überzeugung ist, mit dem Bachelor alleine seine beruflichen Ziele nicht erreichen zu können. Ein Absolvent, der allerdings namentlich nicht genannt werden möchte formuliert es so: „Das Defizit eines dualen Studiums besteht in der Vernachlässigung der Vermittlung strategischer Problemlösungskompetenzen.“ Dazu kommt oftmals die curriculare Fixierung auf nur ein Unternehmen und damit die Gefahr einer gewissen Betriebsblindheit. Doch vielleicht bieten Hochschulen und Unternehmen schon bald zukunftsfähige Weiterentwicklungen des dualen Studienmodells an. Man darf gespannt sein.

Berufsstart ohne Anlaufschwierigkeiten

Dessen ungeachtet, 97 Prozent der Stip’s sind mit ihrer Wahl zufrieden oder sogar sehr zufrieden, wie eine jüngste Umfrage des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) ergab. Das ist überwältigend. Und ihre Wertschätzung zielt immer wieder auf den gleichen Punkt. Es ist die enge Verzahnung theoretischer Inhalte mit der praktischen Ausbildung. Neben der Finanzierung durch das Unternehmen liegen die weiteren Vorteile eines dualen Studiums klar auf der Hand. Man ist im Betrieb aufgrund des vierjährigen „Gesichtsmarketings“ bereits eine bekannte Größe. Man weiß, wie das Unternehmen tickt. Umgekehrt erhält man von dort eine kontinuierliche Rückmeldung über seine persönliche Entwicklung. Das fordert, fördert und formt!

Dem Unternehmen spart es teure Einarbeitungszeit, den StiP’s verleiht es gegenüber normalen Studies einen gewichtigen Wettbewerbsvorteil: Sie bekommen beim Berufsstart ihre PS einfach schneller auf den Asphalt. Arbeitgeber schätzen denn auch ihr Qualifikationsprofil. In der Umfrage des BiBB nannten sie in der Reihenfolge vor allem folgende Kompetenzen: gute Kenntnisse betrieblicher Abläufe, selbständiges Arbeiten, hohe Eigenmotivation, großes Fachwissen, Teamfähigkeit, Selbstdisziplin und hohe soziale Kompetenzen. In der Folge gibt es bislang kaum Übernahme- und nur wenige Startprobleme. Hier kommt den Absolventen zugute, dass die hohen Kosten eines dualen Studiums von rund 130.000 € die Unternehmen von Anbeginn an zu einer sehr verantwortlichen Planung zwingen.

Instrument zur Personalgewinnung

In Zeiten eines beginnenden Mangels an qualifiziertem Personal entdecken die Unternehmen, immer stärker auch solche aus dem Handwerk, duale Studiengänge zugleich als interessantes Personalrekrutierungs- und -entwicklungsinstrument. Zwar nicht die Mehrheit, so doch einige Unternehmen bieten duale Studienangebote allerdings vorrangig unter (Personal)Marketinggesichtspunkten an. Bei dem Versuch, leistungsstarke Abiturienten an den eigenen Betrieb zu binden, möchte man in der sich wandelnden Ausbildungslandschaft nicht abseits stehen. Beruflicher Ansatz und Karriereentwicklung der StiP’s gehen dann freilich kaum über die der Lehrlinge hinaus.

Dennoch, wer beim Vergleich seiner persönlichen Berufsziele mit denen der dualen Studiengänge Deckungsgleichheit feststellt, findet in ihnen ein lukratives Angebot, schwerpunktmäßig in den Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften, mit deutlichem Abstand der Informatik. Über das dichteste Angebot dualer Studienplätze verfügt das duale Geburtsland Baden-Württemberg, gefolgt von Nordrhein-Westfalen und Bayern. In Niedersachsen ist das Angebotsnetz zum Kummer vieler Abiturienten leider noch etwas weitmaschiger. Allerdings prüfe jeder Bewerber zuvor eingehend, ob er dem Leistungsdruck dieser hoch verdichteten Ausbildung auf akademischem Niveau gewachsen ist. Zum Nulltarif ist der Erfolg in einem dualen Studium in keinem Unternehmen zu haben. Die Ergebnisse sprechen am Ende allerdings für sich. Studienabbrecher? Fehlanzeige. Examensnoten? Die besten von allen! Begründung? Durch das Nadelöhr der Auswahlverfahren gelangen nur die leistungsstärksten Abiturienten.

 


Weiterführende Informationen

(Stand: 01.11.2012)

Volkswagen AG: http://www.volkswagen-karriere.de/de/wie_sie_einsteigen/schueler/duales_studium.html

Fachhochschule Wolfsburg: http://www.ostfalia.de/cms/de/studienberatung/grundstaendige-studiengaenge/kurz_und_knapp_duale/

Welfenakademie Braunschweig: http://www.welfenakademie.de/duales-studium/

Weitere regionsübergreifende Informationsplattformen:

 

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