Dolmetscher und Übersetzer – Vermittler ohne Diplomatenpass

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2017

Es ist ein Spruch des großen Mark Twain und Katrin Harlaß hat ihn auf die erste Seite ihres Internetportals gestellt. Die Berlinerin findet, nichts könnte ihren Beruf besser erklären als dieser Satz. „Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen Wort ist der zwischen einem Blitz und einem Leuchtkäfer.“ Allerdings arbeitet Katrin Harlaß weder als Schriftstellerin noch als Journalistin. Nein, die studierte Englischlehrerin verdient ihren Lebensunterhalt als Literatur-Übersetzerin. Und ist wie alle professionellen Vertreter ihres Berufs Perfektionistin. „Übersetzer und Dolmetscher müssen die Intention des geschriebenen Textes oder des gesprochenen Wortes möglichst originalgetreu von einer Sprache in die andere übertragen“, beschreibt sie das Ziel ihrer Arbeit. Das sich im Übrigen nicht von dem ihrer auf Technik, Wirtschaft, Recht, Medizin oder Naturwissenschaft spezialisierten Kollegen unterscheidet.

Fachübersetzer für Technik Manfred Braun (Foto: privat)

Fachübersetzer für Technik Manfred Braun (Foto: privat)

Aber gerade deswegen sind das Übersetzen und Dolmetschen keine mechanischen 1:1-Übertragungen und die professionellen Vertreter der sprachmittelnden Berufe keine Roboter. „Unsere Tätigkeit“, beschreibt der Technische Fachübersetzer Manfred Braun aus dem bayerischen Wasserburg sein und seiner Kollegen Tun, „ist ein hochgradig kreativer Prozess.“ Schließlich soll der Zieltext das Original nicht lediglich inhaltlich korrekt wiedergeben. Er soll auch sprachästhetisch höchsten Ansprüchen genügen. „Erst wenn mir beides gelingt, bin ich zufrieden“, sagt Braun. Ganz ähnlich liegen die Dinge bei der Münchner Konferenzdolmetscherin Ingrid Körber. „Unser Anspruch ist es, mit den gedolmetschten Formulierungen möglichst druckreifes Niveau zu erreichen.“ Wie sehr sich die Tätigkeiten von Dolmetschern und Übersetzern dabei unterscheiden, wird so schnell deutlich. „Als Dolmetscherin“, sagt Körber, „habe ich keine Korrekturmöglichkeit.“

Die Erfolgsformel heißt Vorbereitung und Recherche

Wohl wahr. Doch ist es unzulässig, daraus abzuleiten, das Dolmetschen sei mit höheren Anforderungen verbunden als das Übersetzen. Die beruflichen Qualifikationen sind in beiden Fällen hoch, wenn auch jeweils unterschiedlich und deswegen im Detail nicht vergleichbar. Geht es bei den Einen um absolute Präzision, müssen die Anderen im Live-Geschehen einer Konferenz oder Verhandlung den authentischen Sinngehalt des gesprochenen Wortes von jetzt auf gleich übertragen. „Parallel zuhören, erfassen, übersetzen und sprechen zu können“, sagt Ingrid Körber, „ist neben einer gewissen Begabung vor allem eine Frage intensiven Trainings.“ Das Dolmetschen und Übersetzen präsentieren sich so als zwei unterschiedliche Arten der Sprachmittlung. Während aber Übersetzer notwendig werdende Recherchen während des Translationsprozesses vornehmen können, bleibt Dolmetschern nur die intensive Vorbereitung. „Die kann bei schwierigen Aufträgen durchaus einige Tage in Anspruch nehmen“, weiß Ingrid Körber aus langjähriger Berufserfahrung.

Tatsächlich bleibt beim Simultandolmetschen in der schalldichten ISO-Kabine, beim Konsekutivdolmetschen mithilfe von Notizen oder auch beim Flüsterdolmetschen an der Seite des Kunden für zeitaufwändige Nachforschungen keine Zeit mehr. Da kann allenfalls noch die Hilfe des Kollegen retten. Immerhin sind die Kabinen stets doppelt besetzt, bei Tagungen internationaler Organisationen gar nicht selten sogar dreifach. Auch wenn es für Außenstehende locker und leicht daher zu kommen scheint, der Beruf von Dolmetschern und Übersetzern ist Schwerarbeit. Konferenzdolmetscher werden in der Regel spätestens nach dreißig Minuten für eine Pause abgelöst. Die Konzentration beim Übersetzen können auch die Besten kaum länger als sechs bis sieben Stunden aufrecht erhalten. Dennoch lieben die etwa 41.000 Dolmetscher und Übersetzer ihren Job. Warum? „Weil ich das kann“, formuliert es Katrin Harlaß voller Stolz. Wohl wahr, denn erst Frauen und Männer wie sie machen aus Literatur Weltliteratur.

Den Subtext entschlüsseln

Dolmetscherin und Übersetzerin Dorothée Langhoff (Foto: Juliane Menzel)

Dolmetscherin und Übersetzerin Dorothée Langhoff (Foto: Juliane Menzel)

Dorothée Langhoff, beim Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) verantwortliche Referentin für Ausbildung, nimmt den Faden ihrer Kollegin auf. „Wir gewährleisten die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Lebenswelten“, erklärt die an der Universität Mainz diplomierte Übersetzerin. Soll heißen, von einer Sprache in die andere zu übertragen, ist nicht nur eine Sache von Worten, sondern eine Frage des kulturellen Transfers. Dolmetscher und Übersetzer sprechen in diesem Zusammenhang vom Subtext, den es unbedingt zu verstehen gilt. „Wenn ich einen englischen Roman übersetze“, macht es Katrin Harlaß konkret, „muss ich wissen, wie die englische Gesellschaft funktioniert.“ Genau darum geht es auch in den anderen Fachgebieten. In einem Satz: Was jemand sachlich nicht versteht, kann er auch trotz bester Sprachkenntnisse nicht brauchbar übersetzen. Deswegen auch sind für angehende Dolmetscher und Übersetzer Studien- und/oder Arbeitsaufenthalte in den Ländern ihrer Zielsprachen ein unbedingtes Muss.

Ein Werdegang wie der von Ralf Lemster ist für die Berufsgruppe der Sprachmittler deshalb nichts Außergewöhnliches. Lemster, seit 1997 mit einem eigenen Büro in Frankfurt als Übersetzer tätig, arbeitete zuvor zehn Jahre im Investment Banking der Dresdner Bank AG, vier davon in London, zuletzt in der Funktion eines Bereichsleiters nur noch zwei Hierarchieebenen vom Vorstand entfernt. Heute ist er ausgewiesener Spezialist für Texte mit Finanzmarktbezug, insbesondere für strukturierte Finanzprodukte und Investmentanalysen. Auch wenn er solche beruflichen Vorerfahrungen wie seine eigenen nicht für zwingend notwendig hält, so profitiert er doch noch immer davon. „Ich weiß, worauf es meinen Kunden ankommt“, sagt er. Wichtiger vielleicht noch: „Ich kenne die Zusammenhänge des Finanzgeschäftes und die Codes der Akteure.“

Keine Übersetzung ohne ausreichende Sachkenntnis

Wie wichtig dieses fachliche Hintergrundwissen für Dolmetscher und Übersetzer ist, macht auch Technikübersetzer Manfred Braun deutlich. „Wenn ich die Unterlagen einer Patentanmeldung übersetze, ist jeder einzelne Begriff wichtig, genauso wie seine Bezüge zu anderen Begrifflichkeiten.“ Soll heißen, ohne profunde Sachkenntnis gelingt weder die korrekte Übertragung noch die entsprechende Zuordnung, besonders dann nicht, wenn die Begriffsbildung den technischen Erkenntnissen zeitverzögert hinterher hinkt. Was in einigen Sprachen gar nicht so selten vorkommt. Der Sprachwissenschaftler Braun ist deshalb froh über seine Zusatzausbildung zum Technischen Redakteur (siehe auch: „Technischer Redakteur – Technikversteher und Sprachhandwerker“) und über einige Jahre Berufserfahrung in der technischen Dokumentation. Das macht es ihm möglich, bei einer noch fehlenden Begrifflichkeit die technischen Vorgänge funktional beschreiben zu können.

Literaturübersetzerin Katrin Harlaß (Foto: Ebba Drolshagen)

Literaturübersetzerin Katrin Harlaß (Foto: Ebba Drolshagen)

Während für Manfred Braun also das Erfassen und Verstehen technischer Zusammenhänge im Vordergrund steht, geht es bei der Literaturübersetzerin Katrin Harlaß um das „Aufspringen auf die Welle des Autors“, damit das Einfühlen in den Text. „Daran kann man auch scheitern“, weiß die Herausgeberin des im BDÜ-Fachverlag erschienenen Handbuchs Literarisches Übersetzen, „denn in manche Texte findet man trotz größter Anstrengungen einfach nicht hinein.“ Solche Aufträge lehnt Harlaß dann auch schon einmal ab. Noch anders liegen die Dinge bei der Dolmetscherin Ingrid Körber. Sie muss schon bei den ersten Sätzen einer umfangreichen Rede, die der Sprecher während seines Vortrages gerade spontan entwickelt, schnell erfassen, worum es geht und was gemeint ist. Verwendet der Sprecher dabei Metaphern, geflügelte Worte, Witze oder benutzt er gar „Bilder“, werden die interkulturellen Kompetenzen umso wichtiger. Da hat es Ralf Lemster etwas leichter. Bis auf die rechtlichen Rahmenbedingungen nähern sich die Denkmuster der Finanzwirtschaft in einer globalisierten Welt immer stärker an.

Sprachbeherrschung, Spezialisierung und Zuverlässigkeit

Gleichwohl gilt für Dolmetscher wie Übersetzer das Gebot einer stringenten fachlichen Spezialisierung. Im Wirtschaftsbereich kann man sich wie Ralf Lemster auf die Finanzwirtschaft konzentrieren. Marketing wäre ein weiteres Feld. Manfred Braun übersetzt vorwiegend technische Dokumentationen, Ausschreibungsunterlagen und Patente bevorzugt für den Maschinen- und Anlagenbau, die Fahrzeugtechnik, die Luftfahrt und den Schiffbau sowie die Bauwirtschaft. Doch gibt es in den einzelnen Sprachmärkten große Unterschiede. „In kleinen Sprachen wie zum Beispiel Lettisch finden sich deutschlandweit kaum mehr als vier Übersetzer“, weiß Manfred Braun. „Das geringe Auftragsaufkommen verbietet hier eine Spezialisierung, da muss man flexibel sein.“ Typischerweise werden diese Nischen deshalb vielfach von Muttersprachlern besetzt. So rückt die Arbeit von Technikübersetzern immer stärker in die Nähe des interlingualen Technical Writing. Das weist auf die hohe Verantwortung bei der Sprachmittlung.

Immerhin stehen Unternehmen durch das Produkthaftungsgesetz in der Pflicht, ihre Produkte mit einer eindeutigen, klaren und adressatengerechten Produktdokumentation auszustatten. Nicht auszudenken, wenn es wegen einer fehlerhaft übersetzten Wartungsanleitung zum Absturz eines voll besetzten Passagierflugzeugs käme. Oder wenn der Beipackzettel eines Medikaments dessen Einnahme missverständlich formuliert und es in der Folge zu schweren gesundheitlicher Schädigungen kommt. Oder wenn ein Anleger wegen eines schlampig übersetzten Verkaufsprospektes viele Millionen Euro verliert und Regress fordert. Oder es in einer wichtigen Konferenz aufgrund mehrdeutiger Formulierungen des Dolmetschers zu politischen Irritationen käme. Verlässlich und vertrauenswürdig müssen die Dolmetscher und Übersetzer auch hinsichtlich der sensiblen Informationen sein, von denen sie Kenntnis erhalten. Denn die möchten die Auftraggeber nicht auf den allen zugänglichen Marktplätzen ausgebreitet sehen.

Der Markt stellt hohe Ansprüche

Dolmetscherin Ingrid Körber (Foto: privat)

Dolmetscherin Ingrid Körber (Foto: privat)

Vor diesem Hintergrund stellt sich für Auftraggeber wie die Community der sprachmittelnden Berufe die Frage, ob aus der Fremd- in die Muttersprache oder doch besser umgekehrt aus der Mutter- in die Fremdsprache übersetzt/gedolmetscht werden sollte. Während ihrer Ausbildung lernen Dolmetscher und Übersetzer beides. Und es gibt gute Argumente für das eine wie das andere. Ingrid Körber dolmetscht ebenso häufig wie gerne in die Fremdsprache. „Das hat den Vorteil, dass ich das in der Muttersprache Gesagte spontan verstehe und dann genau so schnell in die Zielsprache übertragen kann.“ Die meisten Übersetzer bevorzugen indessen die Übertragung in die Muttersprache und argumentieren ähnlich wie die Dolmetscherin Körber. „Die Sicherheit in der Idiomatik, also den Eigentümlichkeiten einer Sprache, ist in der Muttersprache nun einmal am größten“, begründet Manfred Braun.

„Im Literaturbereich und bei anderen Texten mit hoher Emotionalität wie beispielsweise in der Werbung, bei Jubiläen, Familienfeierlichkeiten, gar bei Trauerreden erweist sich diese Übertragungsrichtung deshalb sogar als unerlässlich“, ergänzt Dorothée Langhoff. Stellt sich die Frage, welche Kompetenzen in den sprachmittelnden Berufen außer der dafür erforderlichen überdurchschnittlichen muttersprachlichen Formulierungsfähigkeit und interkulturellen Sensibilität noch benötigt werden? Es sind vor allem Durchhaltewille, Disziplin, Selbstorganisationsfähigkeit, Neugier, eine stete Lernbereitschaft und unternehmerischer Mut. Deutlich mehr als die Hälfte der Dolmetscher und Übersetzer arbeiten als Selbständige – auf eigene Rechnung, aber auch eigenes Risiko. Wie umkämpft der Markt ist, bekommen besonders Berufsanfänger zu spüren. Die betriebswirtschaftliche schwarze Null bald zu erreichen, bedarf es großer Anstrengungen.

Dem Termindruck standhalten

Sich über die Berufsverbände wie den BDÜ oder VdÜ zu vernetzen, auf Konferenzen, Mitgliederversammlungen und Workshops Kontakte zu berufserfahrenen Kollegen zu knüpfen, ist in diesen Berufen unerlässlich. Daneben benötigen sie betriebswirtschaftliches Knowhow und die Bereitschaft, aktiv auf potentielle Auftraggeber zuzugehen. Tatsächlich zwingt der allgegenwärtige Termindruck oft zur Weitergabe von (Teil-)Aufträgen. Selbst im Literaturbereich ist das gängige Praxis, wie sich an Katrin Harlaß letztem Projekt, der nachgelassenen Autobiografie Nelson Mandelas, zeigt. Es ist im Oktober nahezu zeitgleich mit der englischen Ausgabe erschienen. „Zwischen Vorliegen des lektorierten Originalmanuskriptes, Abgabe der Übersetzung und Drucklegung bleibt dann nur wenig Zeit“, bedeutet die Berliner Übersetzerin. Deswegen hat sie sich diesen spannenden Auftrag mit einem Kollegen und einer Kollegin aus ihrem Netzwerk geteilt. Das setzt eine professionelle Kooperationsfähigkeit voraus. Gegenseitiges Lektorieren soll schließlich stilistische Brüche verhindern helfen.

Wirtschaftsübersetzer Ralf Lemster (Foto: privat)

Wirtschaftsübersetzer Ralf Lemster (Foto: privat)

Enge Zeitpläne begleiten Übersetzer und Dolmetscher ein Berufsleben lang. „Denn“, erklärt Manfred Braun, „als Nachschaffende stehen wir stets am Ende der Produktionskette.“ Freiberufler, als die die allermeisten arbeiten, können dann nicht immer etwas delegieren. Ihnen bleibt lediglich die Möglichkeit, sich selbst Überstunden oder Wochenendarbeit zu verordnen. Ralf Lemster wie auch Ingrid Körber, beide Vizepräsidenten des BDÜ, sind überzeugt, dass sich an den kleinständischen Strukturen sowie den damit verbundenen Arbeitsbedingungen der Branche auch in Zukunft wenig ändern wird. „Viele mittelständische Auftraggeber wünschen Kontinuität und einen engen persönlichen Kontakt zu den Übersetzern“, begründet Lemster. Die wenigen großen Agenturen hätten darüber hinaus erhebliche Probleme, Qualität und Konsistenz über einen längeren Zeitraum zu garantieren. Schließlich vergeben sie die Großaufträge meist je nach Verfügbarkeit an mehrere sehr unterschiedlich spezialisierte Sprachexperten. „Deshalb haben hier die Auftraggeber keinen Überblick über die Qualifizierung derer, die die eigentliche Arbeit machen.“

Instabile Einkommenssituation

Dazu muss man wissen, dass zahlreiche Agenturen zur Vermeidung hoher Fixkosten nur einen kleinen Stamm fest angestellter Übersetzer und Dolmetscher beschäftigen und viele Aufträge einfach nur weiterreichen. In der Community heißen sie deshalb etwas despektierlich bloß die „Umtüter“. Ein leidiges Thema für Dolmetscher und Übersetzer sind auch die Honorare. Ihre Berechnung erfolgt abhängig von der Sprache und dem Schwierigkeitsgrad des Textes oder Verhandlungsgegenstandes. Während Dolmetscher in der Regel Tageshonorare abrechnen, werden Übersetzer nur ganz selten nach dem tatsächlichen Zeitaufwand, der eine qualitätssichernde Recherche ermöglicht, sondern mehrheitlich nach sogenannten Normzeilen, international häufig auch nach Wörtern, honoriert. Für eine Übersetzung ins Polnische etwa liegt der Durchschnittswert bei Direktkunden aus der Wirtschaft bei mageren 1,44 Euro pro Zeile. Um Reichtümer anzuhäufen, reicht das nicht. Noch immer und besonders prekär ist die Lage vieler Literaturübersetzer.

Gar nicht wenige Übersetzer haben deshalb gerade zu Anfang ihrer Berufslaufbahn noch einen zweiten Job. Dolmetscher übersetzen häufig. Das Umgekehrte ist eher selten zu beobachten. Trotzdem ist die Berufszufriedenheit in beiden sprachmittelnden Berufen erstaunlich groß. „Bei uns gibt es keine Wiederholungen und kaum Routinen“, beschreibt der Technische Fachübersetzer Manfred Braun seinen Arbeitsalltag. „Ich schätze die Freiheit, meinen Arbeitsalltag in weiten Teilen selbst gestalten zu können“, formuliert es Dorothée Langhoff. Und Ingrid Körber genießt den täglichen Kontakt mit interessanten Menschen, dazu die mit der Tätigkeit eines Dolmetschers verbundenen Reisen. Der Lohn ihrer Mühen schlägt sich in einer zunehmenden Anerkennung ihrer Arbeit nieder. Wurden Literaturübersetzer früher, wenn überhaupt, nur im Impressum erwähnt, haben sie sich heute einen exponierten Platz in den Innentiteln erobert. Und die ganz Großen besitzen nicht selten ähnlich den Synchronsprechern im Filmgeschäft Heldenstatus.

IT wird zum wichtigsten Handwerkszeug

Umberto Eco ist in Deutschland ohne seinen Übersetzer Burkhart Kroeber nicht denkbar – Die Nennung im Innentitel ist Würdigung und Auszeichnung zugleich (Vorlage: Carl Hanser Verlag; Montage: hmb)

Umberto Eco ist in Deutschland ohne seinen Übersetzer Burkhart Kroeber nicht denkbar – Die Nennung im Innentitel ist Würdigung und Auszeichnung zugleich (Vorlage: Carl Hanser Verlag; Montage: hmb)

Der inzwischen 77-jährige Burkhart Kroeber etwa, von Hause aus Ägyptologe, Romanist und Politwissenschaftler, wurde mit der Übersetzung aller Werke Umberto Ecos ins Deutsche beauftragt, ist gewissermaßen die deutsche Stimme des berühmten italienischen Sprachwissenschaftlers und Schriftstellers. Was sich darin noch spiegelt, ist die Karriere von Übersetzern und Dolmetschern. „Die definiert sich vor allem in langjähriger Kundentreue und ebenso interessanten wie lukrativen Aufträgen“, sind sich Ralf Lemster und Manfred Braun unabhängig voneinander einig. Wer eine Führungskarriere anstrebt, sollte einen anderen Beruf ergreifen. Der Arbeitsmarktausblick fällt weitgehend positiv aus. Das Translationsvolumen steigt von Jahr zu Jahr. Schätzungen gehen allein in Deutschland von über einer Milliarde Euro Umsatz aus. Davon entfällt der größte Brocken auf Übersetzungen. Aber auch die Dolmetscher schlagen sich gut, selbst in der Lingua Franca Englisch. „Um sich ganz auf die Verhandlungen konzentrieren zu können“, berichtet Ralf Lemster, „wollen auch die des Englisch vermeintlich sicheren Vorstände nicht auf entsprechende Fachkräfte verzichten.“

Was zeigt der Blick in die berufliche Zukunft von Dolmetschern und Übersetzern? Es sind vor allem die moderne Informations- und Kommunikationstechnologie, die ihre Jobs verändern werden. Wenn auch eine maschinelle Übersetzung für komplexe Texte auf absehbare Zeit kaum möglich scheint, so verändern doch schon jetzt CAT-Tools (CAT: computer aided translation) als Arbeitshilfen die Tätigkeit der Übersetzer sichtbar. Sie erfordern eine immer bessere IT-Kompetenz der Übersetzer. Und auch bei den Dolmetschern spielt die Digitalisierung eine zunehmend wichtige Rolle. Aufträge für das sogenannte Remote-Dolmetschen werden zahlreicher. Die oftmals kurzfristige Zuschaltung per Internet und Video ist Segen und Fluch zugleich. „Bei diesen Einsätzen habe ich nicht nur weniger Gelegenheit zur fachlichen Vorbereitung, sondern kann ich auch die Atmosphäre zwischen den Verhandlungspartnern nicht mehr so authentisch aufnehmen, als wenn ich mich im selben Raum befinde“, weist Ingrid Körber auf die damit verbundenen Herausforderungen.

Viele Ausbildungswege in den Beruf

An den Zugangswegen in den Beruf wird sich auf absehbare Zeit wenig ändern. Sie werden wie bisher offen für alle bleiben, die gerne als Dolmetscher oder Übersetzer arbeiten möchten, die das entsprechende Sprachtalent besitzen, die für eine ständige Weiterbildung bereit sind, und denen es gelingt, Kunden und Aufträge zu akquirieren. Neben den unmittelbaren Dolmetscher-/Übersetzerstudiengängen an Universitäten und Fachhochschulen sowie sprachwissenschaftlichen Studienmöglichkeiten stehen auch weiterhin Ausbildungsmöglichkeiten an Akademien und Berufsfachschulen offen. Darüber hinaus bleiben Interessenten die Prüfungsmöglichkeiten vor den Industrie- und Handelskammern oder einem staatlichen Prüfungsausschuss. Jeder sollte individuell abwägen, welcher Weg ihm die besten Berufschancen eröffnet.

Treffen der EU-Justiz- und Innenminister im estnischen Tallin 2017. Typisch – Dolmetscher in ihren Kabinen stehen nur selten im hellen Rampenlicht (Foto: Wikipedia/flickr)

Treffen der EU-Justiz- und Innenminister im estnischen Tallin 2017. Typisch – Dolmetscher in ihren Kabinen stehen nur selten im hellen Rampenlicht (Foto: Wikipedia/flickr)

Wer vor Gericht oder bei einer Behörde übersetzen beziehungsweise dolmetschen möchte, bedarf schließlich in aller Regel einer gerichtlichen Ermächtigung, Bestellung oder Beeidigung. Viele Auftraggeber aus der Wirtschaft werten die Mitgliedschaft in einem der einschlägigen Berufsverbände als Qualitätssiegel. Immerhin machen die meisten die Aufnahme vom Nachweis entsprechender Abschlüsse oder Berufszeiten abhängig. Beim BDÜ ist das der Bachelor in einem Übersetzer- oder Dolmetscherstudiengang, der Master in einer der Sprachwissenschaften und/oder eine mehrjährige Berufserfahrung. Dass gilt auch für Absolventen einer nichtsprachlichen Studienfachrichtung. Die Sprachdienste der Europäischen Union und der UNO fordern für eine Einstellung ebenso wie das Bundessprachenamt und der Sprachendienst des Auswärtigen Amtes ein mit dem Master abgeschlossenes Hochschulstudium. Literaturübersetzer sind oftmals Quereinsteiger. Mehr noch als Kollegen aus anderen Fachbereichen bedürfen sie nicht allein einer guten sprachlichen Kompetenz, sondern müssen sich auch in Rechtsfragen auskennen.

Außenministerium und Bundessprachenamt größte Arbeitgeber

Das Bundessprachenamt als größter deutscher Arbeitgeber für Übersetzer und Dolmetscher bereitet überwiegend für einen Einsatz im Verteidigungsministerium und der Bundeswehr aber auch in anderen Bundesressorts vor. In mehr als vierzig Sprachen! Für Studierende ist das Bundessprachenamt darüber hinaus vor allem wegen seiner zahlreichen Praktikumsmöglichkeiten interessant. Die Mitarbeiter des Sprachendienstes im Auswärtigen Amt wiederum müssen thematisch breit aufgestellt sein. Immerhin werden sie auch im Bundeskanzleramt, dem Bundespräsidialamt und bei außenpolitischen Veranstaltungen des Bundestages eingesetzt. Das Beherrschen mehrerer Fremdsprachen verbessert die Chancen auf dem Arbeitsmarkt beträchtlich, denn die Welt rückt immer enger zusammen. Da wird der weltgewandte, wirtschaftsinteressierte, rechtskundige und technikkompetente Übersetzer/Dolmetscher mehr denn je gebraucht. Gute Aussichten also für junge Menschen mit Leidenschaft für Sprache(n), Neugier für die Recherche von Sachverhalten und Mut für das unternehmerische Wagnis eines Freiberuflers.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand:01.09.2017)

Berufstätige Dolmetscher/Übersetzer: laut Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes von 2013 ca. 41.000 (Frauenanteil: 68%).
Etwa 22.000 Dolmetscher/Übersetzer arbeiten nach Schätzungen des BDÜ als Selbständige.

Altersstruktur berufstätiger Dolmetscher/Übersetzer: keine Angaben verfügbar

Arbeitslose Dolmetscher/Übersetzer: keine Angaben verfügbar

Einkommen:

  • Bei öffentlichen Arbeitgebern angestellte Dolmetscher/Übersetzer vergleichbar dem von Gymnasiallehrern
  • Selbständige Dolmetscher verhandeln für ihre Einsätze abhängig von Zielsprache und Schwierigkeitsgrad Pauschalhonorare
  • Selbständige Übersetzer werden in der Regel nach Normzeilen vergütet, die nach Zielsprache differenzieren. Grundsätzlich ist die Art der Vergütung jedoch Verhandlungssache.

Detaillierte Angaben über die  durchschnittlichen Honorare selbständiger Dolmetscher und Übersetzer enthält der Honorarspiegel des BDÜ; siehe dazu: https://www.bdue-fachverlag.de/fachverlag/detail_book/100

Ausbildungsmöglichkeiten:
Hochschulstudium
Dolmetschen/Übersetzen: http://bdue.de/de/der-beruf/wege-zum-beruf/studium/hochschulen/
Sprachwissenschaftliche Studienangebote: Suchmöglichkeiten über https://www.hochschulkompass.de/Sprachwissenschaften
Fachakademien/Berufsfachschulen
http://bdue.de/der-beruf/wege-zum-beruf/studium/fachakademien/
und
http://kursnet-finden.arbeitsagentur.de
Staatliche Prüfung 
http://bdue.de/de/der-beruf/wege-zum-beruf/staatliche-pruefung/
IHK-Prüfung
http://bdue.de/der-beruf/wege-zum-beruf/ihk-pruefung/
Beeidigung, Ermächtigung, Bestellung
http://bdue.de/der-beruf/beeidigte/
Trainee-Programme
Einige Agenturen bieten Berufseinsteigern Trainee-Programme an. Dauer und Inhalte weichen dabei stark voneinander ab.

Weiterführende Informationen:

Darüber hinaus bieten einige Landesverbände des BDÜ eigene Mentorenprogramme an.

 

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