DJ/Diskjockey – Musikstars ohne Instrument

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2016

Kygo beim Festival Tomorrowland 2014 (Foto: Marco Verch)

Kygo beim Festival Tomorrowland 2014 (Foto: Marco Verch)

Es sind solche Namen wie Felix Jaehn, Paul van Dyk, Robin Schulz, Westbam, David Guetta, Kygo, Calvin Harris oder Steve Aoki, die das öffentliche Bild dieses Berufes prägen. Mit sechsstelligen Gagen für nur einen Abend und einige von ihnen auch als gefeierte Resident-DJs auf dem globalen Party-Hotspot Ibiza gehören sie zur Ivy League der Community. Mit dem Berufsalltag der rund 5.000 deutschen DJs, davon nach Einschätzung Dirk Wöhlers allerdings höchstens 500 hauptberufliche, haben diese Stars freilich nur wenige Gemeinsamkeiten. Der Braunschweiger Wöhler kennt als Präsident des Berufsverbandes Diskjockey die Szene wie kaum einer sonst. Bestätigung erhält Wöhler von Stefan Bernschein. Der Magdeburger arbeitet heute als Journalist für den MDR und als freier Moderator. „Die hippen Typen, angeschmachtet von Dutzenden bildhübscher Groupies, sind untypisch für den Beruf“, weiß er nach über zehn Jahren eigener DJ-Erfahrung. Der Normalfall sind stattdessen harte Arbeit, lange Nächte und für die vielen mobilen DJs oft weite Fahrten in die Provinz. Die Minderheit der weiblichen DJs wird im Übrigen DJane oder She-DJ genannt.

Eines aber gilt inzwischen für alle Diskjockeys, nicht bloß für die Top Ten. Der Berliner Paul van Dyk* beschreibt es so: „Stand der DJ früher in der Ecke, beherrscht er heute die Bühne.“ Tatsächlich gehören die Zeiten, als Diskjockeys den ganzen Abend nur Musik auflegten, aber kaum als Performer in Erscheinung traten, schon lange der Vergangenheit an. Heute sind DJs vor allem Entertainer, „musikalische Dienstleister auf anspruchsvollem Niveau“, wie es Dirk Wöhler formuliert. Diskjockeys, egal ob Rampensau oder gehobener Unterhalter, lieben genau das, die Show. Wöhlers erste Auftritte reichen bis in  seine Studentenzeit zurück. Das ist über zwanzig Jahre her. Seitdem steht er auf den großen und kleinen Bühnen Deutschlands, ist für das Musikprogramm der Miss-Germany-Wahlen ebenso verantwortlich wie er die Backgroundmusik für die Heimspiele des VfL Wolfsburg auswählt. „Leidenschaft für die Musik ist für jeden DJ natürlich eine unabdingbare, wenn auch noch keine hinreichende Voraussetzung“, ist der ehemalige DJ Bernschein überzeugt.

Gäste bestimmen die Playlist

Felix Jaehn bei Airbeat One in Neustadt-Gleewe 2015 (Foto:

Felix Jaehn bei Airbeat One in Neustadt-Gleewe 2015 (Foto: Wikipedia/Denis Apel)

Doch sind zwei Erklärungen wichtig. Während der Musiker seine selbst komponierten  Hits spielt und seine Fangemeinde dafür zu begeistern versucht, stellt der DJ eine Playlist nach den Wünschen seines Publikums zusammen. „Deshalb darf einem DJ nie passieren, was jede Band schon mal erlebt hat, nämlich die Tanzfläche leer zu spielen“, bringt Dirk Wöhler den Unterschied salopp auf den Punkt. Vor diesem Hintergrund ist Stefan Bernschein denn auch überzeugt, müssten DJs zu allererst gute Beobachter ihrer Gäste sein, um deren meist unausgesprochene sowie je nach Situation wechselnden musikalischen Wünsche schnell und sicher erspüren zu können. Sie sollten daher auch keine Berührungsängste mit Musikstilen und Titeln haben, die sich in der eigenen persönlichen Hitliste nicht wiederfinden. Denn immer bestimmen die zahlenden Gäste die Playlist, nie umgekehrt. Darin unterscheidet sich der DJ vom Musiker. Dazu kommt ein weiteres. „Ein DJ, der nicht tanzen kann oder will“, formuliert es der DJ-Veteran Laurent Garnier*, „kann nicht DJen.“

Die Pose des DJ als Hero, dem im Pascha auf Ibiza 5.000 Gäste willig folgen, trügt denn auch. Es ist genau umgekehrt und gilt selbst für die Disco in Elmshorn. „Ein DJ muss in jedem Augenblick fühlen, was mit den Tänzern gerade passiert“, ist das Love Parade-Urgestein Dr. Motte* überzeugt. Einfacher ausgedrückt, ein DJ muss wissen, wann er welches Lied spielen darf und wann er welches Lied spielen muss. Erfolgreich ist er schließlich nur dann, wenn es ihm gelingt, die gleiche Welle wie sein Publikum zu erreichen und ihr dann den alles entscheidenden Kick geben kann. Nur so nämlich ist der Gipfel des Abends, ist der gemeinsame Flow zu erreichen. „Das ist die wahre Kunst des DJ“, ist Stefan Bernschein überzeugt. Und in der Tat unterscheidet den guten vom weniger guten DJ, wie es ihm gelingt, Emotionen aufnehmen und mit dem richtigen Timing lenken zu können. Der aus Münster stammende und heute in Berlin lebende DJ Westbam* formuliert es unprätentiöser. „Der DJ ist ein kleines Rädchen im Getriebe. Seine Aufgabe ist es, die Gute-Laune-Maschine in Gang zu halten.“

Harte Arbeit für eine perfekte Show

Dirk Wöhler, Präsident des Berufsverbandes Diskjockey (Foto: privat)

Dirk Wöhler, Präsident des Berufsverbandes Diskjockey (Foto: privat)

An diesem Punkt enden freilich die Möglichkeiten des genialen Handwerkers. Hier muss der DJ mehr als nur gekonnt auflegen können. Er muss tief in die Seele seiner Gäste eintauchen. Mehr noch, er muss deren Lebensgefühl teilen. Tattoos und modisches Styling sind nur die äußeren Zeichen dieser Verbundenheit. Die Besucher der Clubs, die vielen tausende Festivalteilnehmer, die Gäste auf Hochzeiten oder Firmenjubiläen wollen den Alltag hinter sich lassen, fröhlich sein, in vollen Zügen Party feiern. Der DJ vorne auf der Bühne verkörpert für sie die Leichtigkeit des Seins, die kunterbunte Welt von Konfetti, Glitzer, Seifenblasen und Sorgenfreiheit. „Eben Nightlife“, weiß Laurent Garnier*. Viele Gäste und auch so mancher DJ erliegen nicht selten der Versuchung, dem Flow nachhelfen oder ihn für den nächsten Tag noch konservieren zu wollen. Und gar nicht wenige auf beiden Seiten gehen dabei unter. Die Karrieren einiger hoch begabter Diskjockeys endeten im Nebel von Alkohol und Drogen, noch bevor sie richtig begonnen hatten.

Doch auch sonst stellt der Beruf des DJ harte Anforderungen. Das Gefühl nach einem Auftritt sei wie nach einem Bungeesprung, so oder so ähnlich erleben es viele. Mehr noch die Mühe, von diesem hohen Adrenalinpegel wieder herunterzukommen. Solomun* etwa berichtet, dass er dafür regelmäßig bis zum Frühstück brauche und erst danach zur Ruhe käme. Für viele beginnt dann aber schon der Flug zum nächsten Auftritt. Paul van Dyk* hat ausgerechnet, dass er im Jahr nicht weniger als 1 ½ Monate (!) komplett im Flugzeug verbringt. Da geht es dann von Ibiza nach Finnland, weiter nach Kroatien, anschließend New York, Sidney, dann über Hongkong zurück nach Berlin … Aber auch eine Liga darunter ist für zahlreiche DJs Reisen ohne Ende angesagt. Ein Blick in Dirk Wöhlers Terminplan zeigt es. Um 5:00 Uhr in der Früh aufstehen, Fahrt nach Bremen zu einer sechsstündigen Performance im Weserpark. Um 19:00 Uhr wartet in Hannover bereits das nächste Engagement. Rückkehr lange nach Mitternacht. Am Tag darauf wird er schon wieder auf der Hochzeitsmesse in Braunschweig auflegen.

Westbam im Cave Club Salzburg (Foto: Wikipedia/Arne Müseler)

Westbam im Cave Club Salzburg (Foto: Wikipedia/Arne Müseler)

Paul van Dyk in der Diskothek Amnesia auf Ibiza (Foto: Amnesia Ibiza)

Paul van Dyk in der Diskothek Amnesia auf Ibiza (Foto: Amnesia Ibiza)

Musikalische Dienstleister

„Du hast kein normales Leben mehr“, formuliert es Robin Schulz*. Und: „Man verliert vieles.“ Zu vieles? Bernd Dicks*, Veranstalter des Festivals ParookaVille, beobachtet jedenfalls, wie schwer es ist, eine DJ-Karriere mit dem ganz normalen Leben verbunden zu bekommen. Liebesbeziehungen, gar ein Familienleben, gelingen da eher selten. Es scheint der Preis für einen Beruf, der Publikum und DJ gleichermaßen in seinen Bann schlägt. Wer wie Robin Schulz oder Felix Jaehn die ganz große Karriere anstrebt, muss darüber hinaus selbst Musik produzieren, Remixe aber auch ganz eigene Songs. „Bands können sich für die Produktion eines neuen Albums drei Monate ins Studio zurückziehen“, weist Robin Schulz* auf einen wesentlichen Unterschied, „als DJ musst du das nebenbei machen.“ Das Leben eines DJ ist ein Leben im Zeitraffer. Er muss akzeptieren, dass Club-Musik Wegwerfware ist. Nach zwei Monaten will den Titel schon keiner mehr hören. Umgekehrt kann es sein, dass der DJ auf einer Hochzeitsfeier den Schneewalzer viele Male immer wieder auflegen muss.

Robin Schulz bei Mayday in der Dortmunder Westfalenhalle 2015 (Foto:

Robin Schulz bei Mayday in der Dortmunder Westfalenhalle 2015 (Foto: Wikipedia/Krd)

Wer meint, davon seien die Top Ten und die mit Eigenproduktionen ausgenommen, irrt. Denn auch deren Musik hat sich den Wünschen des Publikums unterzuordnen. Und das will vor allem tanzen, sich selber feiern, manchen Abend bis zur Ekstase. Die immer gleichen stampfenden Rhythmen sind deshalb für Remixe wie Eigenkompositionen typisch. Unabhängig von seinen persönlichen musikalischen Ansprüchen ist das die Leitschnur all seines Tuns auf der Bühne. Diesem ehernen Gesetz der DJ-Zunft hat ausnahmslos jeder seinen Tribut zu zollen, gleich ob er die normalen Alltagsaufträge bedient, in Clubs und den Festivals der Electronic Dance Music (EDM) auflegt oder sich für den Underground entschieden hat. Als DJ ist er da wie dort Teil einer mächtigen Industrie. Der US-amerikanische Konzern SFX-Entertainment beherrscht die Szene inzwischen nach Belieben. Der DJ als einer, der Konventionen just for fun missachtet, ist eine Kunstfigur der Musikverlage. Der Alltag ist ein anderer, das Umfeld der DJs folgt vom ersten bis zum letzten Takt kommerziellen Gesetzmäßigkeiten. Profit steht am Ende immer über Leidenschaft.

Feeling für Elektronik

Stefan Bernschein Stefan Bernschein (Foto: Rene Lahn)

Stefan Bernschein Stefan Bernschein (Foto: Rene Lahn)

Für ihren Job benötigen DJs neben einem ausgeprägten musikalischen Gespür unbedingt auch eine natürliche Affinität zur modernen Elektronik. Schleppten in früheren Jahren DJs Koffer voller Platten, später CDs, von einer Location zur nächsten, mussten sie Mischpulte bedienen und verschiedene Techniken wie etwa das Scratching  von Hand beherrschen, reicht ihnen heute ein Laptop. „Die Technik nimmt einem vieles ab“, bestätigt Stefan Bernschein. Statt schwerer Koffer hat die Musiksammlung von 10.000 Titeln und mehr nun auf einem klitzekleinen USB-Stick Platz. „Ich muss jetzt nur noch den Dateinamen wissen, unter dem ich die verschiedenen Songs abgespeichert habe“, ergänzt Dirk Wöhler. Unverändert aber lebt der DJ von seiner Repertoirekenntnis. Das war früher so und wird wohl auch weiter wichtig bleiben. Nur die macht es ihm schließlich möglich, situativ auf die Wünsche seiner Gäste reagieren zu können. Im heutigen Meer von Musik den Überblick zu behalten, ist dabei trotz Youtube keine leichte Aufgabe. Zum Schluss sollte ein DJ als Freiberufler gute Kenntnisse über das Vertragsrecht besitzen.

Mehr Sorgen bereitet der Berufsgruppe allerdings das unübersehbare Discothekensterben allenthalben. Im Gegenzug gewinnen die unzähligen Festivals an Bedeutung. Sie haben sich zu wahren Publikumsmagneten entwickelt. Tomorrowland in  Belgien gehört in unseren Breitengraden zu den bekanntesten. Die Zielgruppe sind junge Menschen im Alter zwischen 19 und 25. Jedes Jahr Ende Juli kommen regelmäßig mehr als 180.000 für ein Wochenende in die belgische Stadt Boom. Gut 400 DJs legen während dieser drei Tage auf. Von den Veranstaltern hierfür eingeladen zu werden, davon träumen sie alle. Es könnte nach der Ochsentour vieler kleiner und meist nur mäßig bezahlter Gigs endlich das Sprungbrett für die ganz große Karriere als Resident-DJ auf Ibiza sein. Die Plätze auf der spanischen Ferieninsel sind freilich begrenzt und hart umkämpft. „Es bis ganz oben zu schaffen, bedarf es neben Musikalität und technischer Kompetenz vor allem uralter Grundtugenden“, ist sich Stefan Bernschein sicher. Damit meint er: eiserne Selbstdisziplin, einen starken Willen und absolute Zuverlässigkeit.

Begeisterung, Leidenschaft, Kontakte

David Guetta (Foto: Wikipedia/Eva Rinaldi)

David Guetta (Foto: Wikipedia/Eva Rinaldi)

Bleibt die Frage, wie wird man DJ? Seit den Anfängen in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist der Zugang zum DJ-Pult wie der für die allermeisten künstlerischen Berufe unreglementiert und frei. Jeder, der sich berufen fühlt, einen Veranstalter und ein Publikum findet, kann loslegen. Die Bemühungen des Berufsverbandes Diskjockey um eine geregelte dreijährige Berufsausbildung zur, so der Arbeitstitel, Fachkraft für Musikunterhaltung haben noch nicht zum Erfolg geführt. „Wir verfolgen dieses Ziel aber weiterhin mit Nachdruck“, will Dirk Wöhler dennoch nicht locker lassen. Bis jetzt bleiben nur die eigene Begeisterung, genaues Hinschauen bei den schon lange Berufserfahrenen, der Mut zu immer neuen Versuchen, learning by doing eben. Viele wie Felix Jaehn oder Robin Schulz haben ihre ersten DJ-Schritte bei Familienfeiern, Geburtstagspartys und Schulfesten unternommen. Es folgten Discos und kleine regionale Festivals, dann Clubs in größeren Städten. Die anschließende Karriere erfolgte im Raketentempo. Heute sind beide Weltstars.

Häufig kommen DJs auch aus dem Lager der Produzenten. Für sie ist der Job eine gute Möglichkeit, ihr Label bekannt zu machen. Als Produzenten wissen sie, wie Musik funktioniert und was Musik beim Publikum auslöst. Die seit vielen Jahren unter den Top 100 des britischen Fachmagazins DJ-Mag gelisteten DJs Kygo, Avicii und Calvin Harris, dessen Vermögen inzwischen mit 110 Millionen Euro angegeben wird, stehen dafür als Beispiele. Viele DJs verfügen über eine gute Schulbildung, gar nicht wenige haben sogar studiert, Felix Jaehn zum Beispiel am Abbey Road Institute in London Musikproduktion und –business. Armin van Buren besitzt gar einen Hochschulabschluss in Rechtswissenschaften. Auf der Klaviatur der sozialen Netzwerke sollte jeder DJ unbedingt sicher spielen können. Der Veranstalter Bernd Dicks* formuliert es abschließend mit der Distanz eines Managers. „80 Prozent des Erfolges in diesem Beruf sind Kontakte, der Rest ist Können!“ Der DJ also als Marke? Ja doch! Und Marken müssen sorgsam gepflegt werden, im Showgeschäft ganz besonders.

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* Zitiert aus: „DJs – Die neuen Superstars“, VOX (gesendet am 03.10.2015)

 


Daten, Fakten & Links
(Stand:01.12.2015)

Berufstätige: ca. 5.000; davon ca. 500 hauptberuflich (Schätzung des Berufsverbandes Diskjockey e.V.)
Einkommen: abhängig von Berufserfahrung, Region und Veranstalter. Durchschnittsgagen liegen  zwischen 350 bis 750 Euro pro Auftritt.
Weiterführende Informationen: http://berufenet.arbeitsagentur.de/berufe/resultList.do?resultListItemsValues=8421&duration=&suchweg=begriff&searchString=%27+DJ*+%27&doNext=forwardToResultShort
und
http://www.berufe.eu/berufsbild/dj-disc-jockey.php
Berufsverband Diskjockey e.V.: http://www.bvd-ev.de/

 

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