Deshalb studieren – Ein Studium bildet Persönlichkeit

15. November 2014

Viele Eltern fühlen sich bestätigt und raten ihren Kindern zum Studium. Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit, wird jedenfalls nicht müde, bei der monatlichen Zeremonie zur Verkündigung der Arbeitslosenzahlen stets aufs Neue die um die Hälfte niedrigere Arbeitslosigkeit von Hochschulabsolventen gegenüber Facharbeitern und Ungelernten zu betonen. Auch wenn die definitorischen Grundlagen seiner Arbeitslosenstatistik angreifbar sein mögen, ist der Kern der Aussage doch zutreffend. Das Problem ist freilich vielschichtiger, als es die nackten Zahlen auf den ersten Blick vermuten lassen. Und als Empfehlung für den Einzelnen taugen diese Daten schon gar nicht. Arbeitsplatzsicherheit und Einkommen spreizen von Fach zu Fach, von Konjunkturzyklus zu Konjunkturzyklus, von Region zu Region, von Absolvent zu Absolvent. Und überhaupt wird die Stunde der Wahrheit erst in einigen Jahren schlagen, dann wenn die jetzigen starken Studentenjahrgänge auf den Arbeitsmarkt drängen. Lohnt also ein Studium?

Prof. Dr. Birger P. Priddat, Universität Witten/Herdecke (Foto: Universität Witten/Herdecke)

Prof. Dr. Birger P. Priddat, Universität Witten/Herdecke (Foto: Universität Witten/Herdecke)

Wir haben Professor Birger P. Priddat, Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Witten/Herdecke und Inhaber des Lehrstuhls für Politische Ökonomie, um eine Einschätzung gefragt. Seine Antwort ist eine Erklärung, keine Handlungsanleitung. Mag sie auch manchem im Zeitalter der Bologna-Reform wie aus der Zeit gefallen klingen, ist sie in ihrer stringenten Logik doch ebenso bestechend wie aktuell, wenngleich kein Sicherheitsversprechen. Und der Mann weiß, wovon er spricht. Bevor er nach einem Abitur auf dem zweiten Bildungsweg im Alter von 24 Jahren an der Universität Hamburg ein Studium der Volkswirtschaftslehre, Philosophie und Arbeitspsychologie begann, arbeitete er im Stahlbau und auf einer Werft. Professor Priddat ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt veröffentlichte er „Wir werden zu Tode geprüft – Wie man trotz Bachelor intelligent studiert“ (Murmann Verlag 2014). Die Fragen stellte Hans-Martin Barthold.

 

Frage: Die Informationen sind gegensätzlich. Fordert die OECD Deutschland schon seit Jahren auf, den Anteil von Hochschulabsolventen zu erhöhen, preisen Arbeitgeber und Wirtschaftsverbände seit kurzem die duale betriebliche Ausbildung als den beruflichen Königsweg. Warum sollte man sich also für ein Studium entscheiden?

Prof. Priddat: Wir brauchen beides: Hochschulabsolventen und dual Ausgebildete, Wissenschaftler und Facharbeiter. Wer sich für Karriere entscheidet, studiert an den Hochschulen allerdings oft nur ‚auf Durchzug’: er nimmt lediglich das mit, was für den Abschluss notwendig ist. Diejenigen, die das Universitätsstudium eindimensional nur als Karrieresprungbrett verstehen, können sich später deshalb kaum erinnern, warum sie gerade eine Universität besuchten. Studieren ist aber etwas anderes: in die Welt des Geistes eintreten. Ich verwende bewusst eine solche für viele Ohren altmodisch klingende Formel. Denn es ist witzlos zu studieren, wenn man sich nicht neugierig und intellektuell anspruchsvoll mit grossen Themen, Wissenschaften und Zusammenhängen beschäftigen will. Alle anderen – deren Motive sind ehrbar und gesellschaftlich gefördert – sollten sich anderswo ausbilden. Sie belasten die intellektuelle Atmosphäre. Universitäten sind intellektuelle Anregungszustände. Alles andere ist modisches Beiwerk. Deshalb plädiere ich schon seit Jahren für höhere Anforderungen, einer Universität beitreten zu dürfen. Und nicht über stress-tests, sondern über intellektuelle Gespräche, die zeigen, wes Geistes Kind jemand ist, der studieren will. Ich halte nichts von einer Öffnung der Bildungschancen, wenn nicht letzthin Bildung herausspringt: also intellektuelle Auseinandersetzung höherer Ordnung. Alles andere gehört in Fachhochschulen, duale Ausbildungen etc. Ich sage nichts gegen deren gute Ausbildung; aber was hat das mit Universitäten zu tun?

 

Frage: Sie behaupten, ein Studium sei keine Berufsausbildung. Stattdessen, sagen Sie, der wichtigste Mehrwert eines Studiums in der heutigen Wissensgesellschaft sei es, das Lernen ebenso wie das Entlernen lernen und zu einer selbstbewussten Persönlichkeit reifen zu können. Sie nennen das „Universität studieren“. Die Erfahrung vieler Absolventen bei der Jobsuche sieht allerdings ganz anders aus. Gewünscht sind vor allem junge, noch formbare, vor allem aber anpassungswillige Bewerber, die weder fachlich noch persönlich eine Gefahr für den Chef darstellen. Was macht Sie so sicher, dass der von Ihnen propagierte Absolvententyp dennoch, aus Ihrer Perspektive sogar gerade deswegen, erfolgreich sein wird?

Seminarsitzung: Wettbewerb um das beste Argument (Foto: Universität Witten/Herdecke)

Seminarsitzung: Wettbewerb um das beste Argument (Foto: Universität Witten/Herdecke)

Prof. Priddat: Selbstbewusste Persönlichkeiten bekommen immer ein Projekt, eine Arbeit. Außerdem kann man immer auch ein Unternehmen gründen, selbständig werden – wenn man eine gebildete Persönlichkeit ist. Damit meine ich nicht den alten bürgerlichen Bildungsbegriff, sondern eine hohe Wachheit (awareness), Dinge zusammenzudenken, über das Fach, das man beherrscht, weit hinaus. Und urteilsfähig zu sein! Man bekommt keinen Job für ein Zertifikat, sondern für seine Ausstrahlung, Kompetenz und performance. Bildet eine Universität nicht dieses Selbstbewusstsein aus, war sie zu verschult, abstrakt leistungsorientiert, hat sie ihre Substanz schon aufgegeben. Viele Universitäten sind abschnittsweise schon zu schools abgesunken. Ihren Bildungsauftrag haben sie damit nicht erfüllt. Sie haben die intellektuellen Potentiale ihrer Studenten nicht entfalten können. Ich rate den neugierigen Studenten, daraus zu fliehen. Das wird nicht ihr Ort. Wer sich nur in seinem Fach ausbildet, kann auch nichts als sein Fach. Wie soll er jemals Führung und Verantwortung übernehmen für Gebilde, die immer aus vielfältigen Dimensionen bestehen (z.B. Unternehmen, in der Politik etc.)? Wie soll jemand, der die Welt nicht aus verschiedenen Perspektiven beobachten kann, sie ändern, bewegen, entwickeln? Universitäten sind nicht dazu da, Angestellte auszubilden, sondern Führungsverantwortliche: in der Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft. Dass wir die Universitäten geöffnet haben für junge Menschen, die gar nicht in die Welt des Geistes eintauchen wollen, macht die Universitäten zu hybriden Veranstaltungen, in denen alle möglichen Belange und Interessen verwirklicht werden sollen – nur nicht mehr (vordringlich) die Universität selbst. Ich habe überhaupt nichts gegen die Öffnung der Universitäten für jeden: aber für jeden, der geistig neugierig und anspruchsvoll ist.

 

Frage: Ein Studium bedeutet für den Einzelnen eine hohe Investition. In den USA wird von immer mehr bis über beide Ohren verschuldeten Studienabsolventen berichtet, die sich mangels ausbildungsadäquater und entsprechend dotierter Jobs bei Walmart an der Kasse wiederfinden. Ist die (Bildungs)Rendite bei einem Studium auch wirklich zuverlässig garantiert?

Prof. Priddat: Wenn man nur studiert, um später ein hohes Einkommen zu haben, verliert man schnell den Sinn dafür, die geistige Welt in sich aufzunehmen. Man rauscht nur durch, statt sich an Themen aufzuhalten, die mein Innerstes erregen, und tief in sie einzusteigen, und auch breit. Der Beruf ist nicht das Ziel einer Universitätsausbildung. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Der, der gebildet ist, findet immer eine Passung in der Welt. Damit meine ich, so gebildet zu sein, dass man in vielen Zusammenhängen arbeiten kann, weil man Zusammenhänge kennt und versteht. Ich wiederhole es noch einmal, Bildung ist heute Wachheit, Kompetenz und Weitblick. Und Persönlichkeit! Das zu entfalten, haben Universitäten heute leider immer mehr aus dem Blick verloren. Manche Kollegen allerdings wissen darum schon noch. Bei denen muß man studieren, wenn das die Studienpläne noch erlauben. Ich frage mich allerdings, wie kann man überhaupt auf die Idee kommen, die geistige Welt durch Curricula, durch feste und unveränderliche Vorgaben zu strukturieren? Die Welt und das Leben lassen sich nun einmal nicht in starre Schablonen pressen.

 

Frage: Die Bologna-Reform mit all ihren offenen und verdeckten ordnungspolitischen Hebeln zwingt die Hochschulen unerbittlich, die Inhalte des Studiums an den vielfach kurzfristig verwertungsorientierten, dazu meist unpräzisen Bedürfnissen potentieller Arbeitgeber auszurichten. Gerade Studenten aus sozial schwachen Familien müssen mit Blick auf die eng gezogenen Fördergrenzen des BAföG zügig studieren. Bis zum Bersten vollgestopfte Curricula sowie Prüfungsordnungen mit rigiden Zeitvorgaben lassen eine Berufstätigkeit parallel zum Studium kaum noch zu. Unternehmen wiederum fassen Hochschulabsolventen, die länger als die Regelstudienzeit studiert haben, meist nur mit spitzen Fingern an. Wo bleibt da noch Raum für Persönlichkeitsentwicklung?

Prof. Priddat: Ja genau, wo? Diese Frage treibt mich schon seit langem um.

 

Frage: Die meisten jungen Menschen wachsen heute in einem Umfeld auf, das alle Aktivitäten einer stringenten Kosten-Nutzen-Analyse unterzieht. Man studiert deshalb das, was gute Arbeitsmarktchancen verspricht, auch wenn es den eigenen Neigungen nur bedingt entspricht. Als Ökonom denken auch Sie gewinnorientiert. Wie passt das mit Ihrer Empfehlung zusammen, sich bei der Studienwahl von den eigenen Interessen leiten zu lassen und seien das welche für Philosophie, wo alle zu wissen meinen, dass diese Absolventen später allenfalls als Taxifahrer enden werden?

Prof. Dr. Birger P. Priddat, Universität Witten/Herdecke (Foto: Universität Witten/Herdecke)

Prof. Dr. Birger P. Priddat, Universität Witten/Herdecke (Foto: Universität Witten/Herdecke)

Prof. Priddat: Weil man später nur gut arbeiten kann, wenn man einigermaßen bei sich selbst angekommen ist. Und was heisst gute Arbeitsmarktchancen? Man bildet die jungen Menschen doch nicht bloß auf die nächsten 5 Jahre hin aus, sondern auf die nächsten 30 Jahre. Das ist die Substanz, die entfaltet werden muß: eine Kompetenzkompetenz. Und nebenbei dieses. Universitäten können nicht für den Arbeitsmarkt ausbilden, weil die meisten Professoren gar nicht wissen, was das ist. Sie agieren als Beamte und sind praxisfern (Ausnahmen ausgenommen). Wenn man für den Arbeitsmarkt ausbilden wollte – und das ist das Konzept der Fachhochschulen -, müsste man Praktiker auf die Professuren berufen. Doch die Universitäten lehren die Zusammenhänge der Welt, nicht die dann je spezifischen Anforderungen, um anschließend irgendwo als Angestellter arbeiten zu können. Wer sich spezifisch ausbilden will, sollte eine Lehre machen: eine sowieso unterbewerte Lernform, aus der heraus man ein sehr zufriedenes Arbeiten und Leben gestalten kann. Viele, die unglücklich studiert haben, fernab vom Leben des Geistes, wären damit sehr viel besser beraten.

 

Frage: Für viele Eltern ist die Entscheidung, ihrem Kind zu einem Studium zu raten, eine Sicherheitsempfehlung, das Studium also eine Plattform für größere Arbeitsplatzsicherheit, ein besseres Einkommen, eine weiterführende Karriere. Sie sprechen dagegen vom Studium als einem Wagnis – und raten begabten Abiturienten dennoch dazu. Ist das Studium also nicht nur eine Entscheidung für eine bestimmte (akademische) Ausbildungsform, sondern ein bestimmtes Lebensmodell?

Prof. Priddat: Was sollen Eltern, die aus einer anderen Welt kommen, ihren Kinder raten? Am besten gar nichts! Die jungen Menschen müssen selber entscheiden,  was sie eingehen wollen. So schwierig das ist. Aber Eltern sind falsche Berater. Was wissen sie schon von der intellektuellen Neugier ihrer Kinder? Was wissen Eltern über die Zukunft der Arbeit? Darauf kann man sich nicht vorbereiten, da sich vieles rasant ändert. Die jungen Leute müssen ihre eigenen Navigationen entwickeln.

 

Universitätsleben: Fachlicher Austausch und Diskussionen immer und Überall (Foto: Universität Witten/Herdecke)

Universitätsleben: Fachlicher Austausch und Diskussionen immer und Überall (Foto: Universität Witten/Herdecke)

Frage: Immer mehr Unternehmen aber auch Abiturienten setzen auf duale Studiengänge. Auch der Wissenschaftsrat plädiert für deren Ausbau. Diese Studiengänge sind straff organisiert, absolut anwendungsbezogen und gezielt auf die speziellen Bedürfnisse des jeweiligen Unternehmens ausgerichtet. Die Gestaltungsspielräume für die Studenten sind minimal. Viele Unternehmen werben mit glänzenden Karrierechancen bis hin zu Führungsfunktionen mit der Begründung, diese dualen Studenten würden das Unternehmen kennen und über die so wichtigen unternehmensinternen Netzwerke verfügen. Wo bleibt da Platz für die Absolventen, die Ihrem Rat folgen und „Universität studiert“ haben, sich nicht für eine Ausbildung, sondern für Bildung entschieden haben und kein Millionenerbe erwarten können?

Prof. Priddat: Wer sich für ein duales Studium entscheidet, wird Angestellter. Er wird in diesem dualen Studium darauf vorbereitet, sich als Gegenleistung für die Zahlungsversprechen, die man ihm bietet, anstellig zu verhalten. Das ist verständlich. Dagegen ist nichts zu sagen. Wer aber etwas anderes will, eine starke eigenständige Persönlichkeit mit gebildetem Urteilsvermögen, soll die Finger davon lassen. Denn was hat das mit Universitäten zu tun? Es muß Orte in der Gesellschaft geben, die Raum und Zeit lassen, sich über die wichtigen und tiefen Themen auseinandersetzen zu können. Wer sich mit der Welt auseinandergesetzt hat, ist gut. Warum soll er Angst haben, keine Arbeit zu finden? Wer setzt solche Gerüchte in die Welt? Selbstbewusste, urteilsfähige Persönlichkeiten finden immer ihren Weg! Das zu bilden, müssen Universitäten leisten. Und nichts anderes.

 

Frage: Können Sie unseren Lesern zum Schluss noch einmal den idealtypischen Abiturienten beschreiben, dem Sie ein Studium, so wie Sie es verstehen, empfehlen würden?

Prof. Priddat: Nein. Denn nur der, der spürt, dass er geistig etwas will, sollte studieren. Alle anderen haben wunderbare andere Optionen, die die Gesellschaft aber häufig klein redet. Warum soll einer, der die Begabung zum Tischler hat, sich an der Universität quälen? Umgekehrt: auch für die Universität muß man Talent haben. Spürt man das in sich, muß man alles daran setzen, das zu realisieren. Die entscheidende Frage ist die: wie spürt man, was man eigentlich will? Was treibt einen, bewegt einen eigentlich? Die junge Generation Y tickt optional. Man will sich viele Optionen offen halten. Nun gut, dann fängt man an zu studieren, bis man sieht, dass es das nicht ist und entscheidet sich dann anders. Warum nicht? Aber letztlich gibt es immer eine Option, die höher steht als andere. Die gilt es zu ergreifen, gegen alle Arbeitsmarktprognosen oder klugen Ratschläge hipper Zukunftsforscher und smarter Unternehmensberater. Wenn man das studiert, was wirklich zu einem passt, wird man das auch ausstrahlen und seinen Weg machen. Nur das zu studieren, was man meint, arbeitsmarktoptimal anzugehen, muß ja nichts mit den eigenen inneren Antrieben zu tun haben. Dann wird man darin auch nicht gut. Warum aber soll man etwas studieren und später in einem Umfeld arbeiten, wenn man nicht innerlich überzeugt ist, dass es genau das Richtige ist? Da wird die Neurose ja fast bewußt angelegt.