Der Akademisierungswahn – Potentialgenaue Ausbildung statt bildungspolitischer Gleichmacherei

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2016

Es ist zum Mantra geworden. Berufene und noch viel mehr selbsternannte Experten werden nicht müde, es immer und immer zu wiederholen. Die Botschaft heißt: Akademiker verdienen am besten und sind seltener von Arbeitslosigkeit bedroht. Davon beeindruckt raten Eltern ihren Kindern zum Studium. Wer wollte es ihnen verdenken, zumal die Zeitspanne bis zum Bachelorabschluss nicht mehr länger ist als die bis zur Facharbeiterprüfung. Eine betriebliche Ausbildung, früher schlicht Lehre genannt, hat ihre Attraktivität nicht zuletzt auch deswegen weitgehend verloren. Die sinkende Zahl abgeschlossener Ausbildungsverträge wie die Rekordhöhen neu immatrikulierter Studenten sprechen eine deutliche Sprache. Auf diesen pauschalen Klotz setzt Julian Nida-Rümelin einen ähnlich groben Keil. Der ehemalige Kulturstaatsminister in Gerhard Schröders erstem Bundeskabinett und jetzige Professor für Philosophie und politische Theorie an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität spricht medienwirksam vom Akademisierungswahn. Und musste sich anfänglich vorhalten lassen, doch bloß die eigenen akademischen Privilegien nicht mit anderen teilen zu wollen.

Julian Nida-Rümelin lehrt Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Foto: Wikipedia/Perikles

Julian Nida-Rümelin lehrt Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Foto: Wikipedia/Perikles)

Man mag darüber spekulieren, ob die Weiche hin zur Neidschiene reflexhaft zufällig oder doch eher mit Absicht so gestellt wurde. Als ehemaliger Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission sollte Nida-Rümelin eigentlich über solche Verdächtigungen erhaben sein. Tatsächlich liegt ihm nichts ferner, als zielstrebige junge Menschen vom Studium fernzuhalten. „Jeder, der die Begabung dafür besitzt“, betont er in unserem Gespräch, „sollte unbedingt studieren.“ Was ihn freilich ärgert, ist die grobschlächtige Pauschalisierung vieler Studienbefürworter, dazu die zunehmend offenkundiger werdenden bildungspolitischen Verwerfungen an den Hochschulen genauso wie bei der betrieblichen Ausbildung. „Und das“, ist Nida-Rümelin überzeugt, „hilft weder den jungen Menschen noch den Hochschulen, schon gar nicht den Unternehmen bei ihrer Suche nach leistungsfähigen Fachkräften.“ (Aus-)Bildungsmäßig alles über einen Kamm zu scheren, glaubt der scharfzüngige Philosoph und Physiker, produziere auf allen Seiten nur Verlierer.

Beruflicher Erfolg braucht starke Persönlichkeit

Immerhin sei es doch gerade das Wesen von (Aus-)Bildung, das „SO-bin-ICH“ zu finden. Denn nur dann könne man anschließend durch zielgerichtetes Lernen die eigenen Stärken noch stärker machen. Doch stattdessen beobachtet der Professor mit praktischer Politikerfahrung Nivellierung und Anpassung. „Die Globalisierung“, erklärt er, „bestimmt unser gegenwärtiges Denken und ebnet die kulturellen Besonderheiten ein.“ Mehr noch, anstatt das, was Deutschland in der Vergangenheit stark gemacht habe, ebenso selbstbewusst wie mutig zu bewahren und auszubauen, regiere die Verzagtheit. Was er damit meint, ist die kampflose Aufgabe der Humboldt’schen Symbiose von Lehre und Forschung an den Universitäten. Immerhin bedürfen sogar die Fachhochschulprofessoren für ihre Berufung Forschungserfahrung. Mit der Bologna-Reform, also der Einführung des Bachelor-Master-Systems, gehe der Weg stattdessen in die umgekehrte Richtung. „Denn 80 Prozent der Studierenden in den USA tun dies an Colleges, an denen keine nennenswerte Forschung geleistet wird“, formuliert Nida-Rümelin den Zentralpunkt seiner Kritik. Und will damit sagen, Hochschule ist, anders als uns die OECD weiß machen möchte, eben nicht gleich Hochschule.

Worüber niemand gerne spricht, mit Blick auf knapper werdende Ressourcen geht es im amerikanischen Bildungssystem wie inzwischen auch hierzulande zu allererst um Kosten und deren Reduzierung. Aber schon der Volksmund weiß, Sparen will gelernt sein, kluges Sparen allzumal. Julian Nida-Rümelin ist fest davon überzeugt, dass die Instrumentalisierung von Bildung auf den alleinigen Zweck einer verengten beruflichen Verwertbarkeit aller Bildungsinhalte nicht allein bildungspolitisch, sondern auch ökonomisch der falsche Weg ist. Dass es kurzsichtig ist, junge Menschen nur für bestimmte Tätigkeiten „abzurichten“, statt sie umfassend zu bilden. „Wir befinden uns auf einem gefährlichen Weg“, befürchtet er, „der am Ende sowohl die akademische wie die berufliche Bildung beschädigen könnte.“ Deshalb plädiert er, der gegen den Akademisierungswahn auch publizistisch auf die Barrikaden geht, sogar für eine stärkere Wissenschaftsorientierung der betrieblichen Ausbildung, ohne sie aber verwissenschaftlichen zu wollen. Was für ihn als den Protagonisten der Philosophie einer humanen Bildung kein Widerspruch als vielmehr dialektische Klammer ist.

Die persönlichen Potentiale weisen den Bildungsweg

Das Buch zum Thema (Foto. Edition Körber)

Nur eine Kochmütze unter hundert Doktorhüten – Das Buch zum Thema (Foto: Edition Körber)

„Wer Humboldt richtig verstanden hat“, löst Nida-Rümelin den scheinbaren Gegensatz auf, „weiß, dass es in der Bildung insgesamt, aber auch an den Hochschulen ebenso wie in den Betrieben, nicht um bloße Arbeitsfähigkeit gehen sollte. Ziel von Bildung ist zuvorderst die Ausbildung einer Persönlichkeit.“ Denn, schließt er den Ring seiner Argumentation, nur eine Persönlichkeit vermag Verantwortung zu übernehmen – auch für ihr berufliches Handeln und ihre berufliche Bildung. Mehr denn je benötige die moderne Arbeitswelt genau solche Fachkräfte, gleichermaßen gültig für Hochschulabsolventen wie Facharbeiter. Freilich unterscheiden sich die Menschen in ihren Begabungen und Interessen. Nicht jedem liegt anwendungsorientiertes technisches oder kaufmännisches Tun. Aber andererseits will auch nicht jeder tagtäglich so abstrakt denken müssen, wie es Albert Einstein für die Entwicklung seiner Relativitätstheorie musste. Weswegen Berufswähler und ihre Eltern gut beraten sind, sich der eigenen Potentialstrukturen zu vergewissern. Beruflicher Erfolg gelingt in den seltensten Fällen durch selbstverleugnerische Anpassung, viel öfter durch die Konzentration auf die eigenen Stärken.

Die Tendenzen, immer mehr Ausbildungen zu akademisieren, also von einer betrieblichen Ausbildung in Hochschulstudiengänge zu überführen, beobachtet Julian Nida-Rümelin deshalb mit wachsendem Unbehagen. In der Abkehr vom Konkreten, vom Haptischen, vom Handwerklich-Technischen sieht er die praktische Anwendungsfähigkeit gefährdet. Deshalb lautet sein Plädoyer: Vielfalt statt Einfalt! Eine Fußballmannschaft wird keinen Erfolg haben, wenn der Trainer elf Spielmacher aufs Feld schickt, statt eine gesunde Mischung aus Technikern und Kämpfern zusammenzustellen. Nida-Rümelin weiß freilich, dass das eines gesellschaftlichen Mentalitätswandels bedarf. „Die Humanisierung des Bildungswesens“, ist er überzeugt, „ist nicht durch Entdifferenzierung und Nivellierung zu erreichen, sondern durch eine Kultur gleicher Anerkennung unterschiedlicher Leistungen, Fertigkeiten und Fähigkeiten.“ Dazu sollten Eltern ihren Kindern Mut machen und die Unternehmen zeigen, dass auch sie es verstanden haben. Ein intelligenter Straßenfeger prüft als erstes die Windrichtung. Und läuft dann ans andere Ende der Straße, um mit dem Wind zu fegen. Der weniger kluge spart sich den Weg aber kommt nicht vom Fleck, weil der Wind die Blätter immer wieder in seinen Rücken weht.

Bildungspolitische Fehllenkung beschädigt Studium wie Ausbildung gleichermaßen

Mit Blick auf die Jugendarbeitslosigkeit fühlt sich der Münchener Professor in seiner Argumentation bestätigt. Obwohl Jahr für Jahr von der US-dominierten und bildungspolitisch allmächtigen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) angemahnt, die Quote der Hochschulabsolventen zu erhöhen, verfügt Deutschland im internationalen Vergleich über die geringste Zahl arbeitsloser Jugendlicher. Umgekehrt weisen die Länder mit hohen Anteilen von Studienabsolventen die höchsten Werte junger Menschen ohne Arbeit und Beschäftigung auf. Nida-Rümelin wertet diese Fakten als Bestätigung seiner Forderungen. Dazu gehört auch, dass die Gehälter von Meistern, Technikern und staatlich geprüften Betriebswirten nicht selten gleiches Niveau wie das von Akademikern erreichen. Doch engagiert warnt er vor den Gefahren, die die Bildungspolitik seiner Meinung nach leichtfertig heraufbeschwört. Wenn immer mehr Jugendliche an die Hochschulen drängten, bestehe die Gefahr, dass das duale Ausbildungssystem lediglich als Auffangbecken für diejenigen fungiere, die den „normalen“ Weg über Abitur und Studium nicht schaffen. Eine Abwertung beruflicher Bildung wäre die Folge.

Julian Nida-Rümelin plädiert für eine faktenbasierte Analyse statt Ideologie (Foto: privat)

Julian Nida-Rümelin plädiert für eine faktenbasierte Analyse statt Ideologie (Foto: privat)

Das Gleiche, wenn auch aus völlig anderen Gründen, diagnostiziert Nida-Rümelin für die Hochschulabsolventen. Habe in der Humboldt’sche Tradition das Studium mit der wissenschaftlichen Grundlagenausbildung begonnen und sei es erst anschließend um die praktische Anwendung gegangen, kehre die Bologna-Reform diese Reihenfolge um und stelle damit das System von den Füßen auf den Kopf. Dass darunter die berufliche Kompetenz leidet, steht für ihn außer Frage. „Die Substitution von Facharbeitern durch Bachelorabsolventen bedeutet für die meisten Berufsfelder einen Qualitätsverlust.“ Allerdings gibt er zu, dass diese Erkenntnis in den Unternehmen erst zaghaft Raum greift. Freilich geht die Kritik Nida-Rümelins tiefer. Anders als die Bildungspolitik suggeriere, stehe am Ende der Bologna-Reform die bildungsmäßige Zwei-Klassen-Gesellschaft. „Die Bologna-Reform bringt für die meisten nicht mehr Bildung“, lautet sein Resümee, „und Exzellenz bleibt ein knappes Gut für nur noch Wenige.“

Gestalten statt anpassen

Bestätigt Julian Nida-Rümelin damit am Ende doch wieder die alte Hierarchie? Markiert die höchste Stufe der Abstraktion also nicht doch die höchste Form von Bildung? Nein, denn Bildungsexzellenz versteht er als Anspruch für sämtliche Bildungsangebote, die an den Hochschulen wie die in der dualen Ausbildung. Und jeder junge Mensch, bedeutet Nida-Rümelin, habe in der am besten zu seinem persönlichen Potential passenden Ausbildungsform ein uneingeschränktes Recht auf Exzellenz. Der Azubi genauso wie der Student. Da verwundert es nicht, dass er die Modularisierung hier wie dort als verheerende Fehlentwicklung brandmarkt. Ähnlich schlecht kommt die im Zuge der Bologna-Reform erfolgte Ausweitung der sogenannten Kontaktzeiten zwischen Lehrenden und Lernenden an den Hochschulen weg. Immerhin habe sie aus der selbstverantworteten Freiheit zum Besuch von Lehrveranstaltungen den von außen vorgegebenen Zwang zum Besuch derselben gemacht, jedes einzelne Mal durch Unterschrift juristisch nachprüfbar zu bestätigen. Schlimmer aber, mehr Zeit für den persönlichen Diskurs mit dem Professor lässt dieser Akt der Entmündigung beiden Seiten noch immer nicht.

Was bleibt Berufswählern wie Eltern? Zu allererst die Erkenntnis, es gibt keine besseren und schlechteren Bildungsabschlüsse, kein Oben und kein Unten. Es gibt stattdessen ein breites Spektrum von Wegen in den Beruf, die unterschiedliche Interessen wie Begabungen spiegeln, damit nur ein „Passt“ oder „Passt nicht“. „Die um sich greifende Bildungspanik“, macht Nida-Rümelin Mut, „ist unbegründet.“ Niemand müsse deswegen absteigen, weil er nicht studiere. Die Aufgabe sei, die Ausbildungsform zu finden, die die je individuellen Potentiale des Jugendlichen am vollständigsten aufnimmt. So viele Menschen, so viele Fähigkeiten. „Wer sich darauf einlässt“, glaubt Nida-Rümelin, „wird es erfahren. Wo die Passung stimmt, fühlt man sich wohl. Wer sich wohl fühlt, schöpft sein Potential aus. Und wer sein Potential ausschöpft, hat Erfolg.“ Im Übrigen laufe die Zeit für junge Menschen. „Die demografische Entwicklung“, schließt er unser Gespräch, „hat eine Botschaft: Ihr werdet gebraucht!“ Umso größer die Freiheit, das machen zu können, was jedem Einzelnen liegt. Soll heißen, nie waren die Chancen so groß wie gegenwärtig, die „Autorschaft“ über das eigene Leben erlangen zu können.

 


Weiterführende Informationen

Julian Nida-Rümelin: Der Akademisierungswahn. Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung, edition Körber-Stiftung, Hamburg 2014, ISBN 987-3-89684-161-2

 

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