Das passende Studienangebot finden (1) – System ins Chaos bringen

Von Rainer Hoppe | 15. August 2017

Als in diesem Frühjahr die Zahl der Studiengänge an deutschen Hochschulen auf über 19.000 anwuchs, war das nahezu jedem Provinzblatt eine Schlagzeile wert. Klar doch, Journalisten schwelgen gern in Superlativen. Die garantieren knackige Headlines und sind gut für die Auflage.  Viele Abiturienten empfinden die Vielfalt von Studiengangeboten immer öfter allerdings nicht mehr als Chance, sondern als Last. Für sie macht es Stress. Zwar wissen sie, ich will Maschinenbau, Germanistik, Biologie oder Volkswirtschaft studieren. Doch für welchen der vielen Studiengänge in diesen Fachbereichen entscheidet man sich? Gar nicht wenige Abiturienten geben deshalb schon allein wegen dieser Menge auf. Unmöglich, da das passende Studienangebot zu finden! Und hoffen deshalb auf den Zufall oder eine glückliche Fügung, die sich freilich nur selten ergeben. Oder auf Online-Tests, die in zwanzig Minuten Bearbeitungszeit die Lösung des Problems versprechen. Oder beginnen einfach irgendetwas irgendwo auf gut Glück. Die zahlreichen Studienabbrüche, über die wir an dieser Stelle schon oft berichtet haben, weisen freilich auf die Schattenseite solcher Problemlösungsversuche. Wie also Ordnung in das Chaos bringen?

Journalisten sind keine Studienberater. Dass längst nicht alle der mehr als 19.000 Studiengänge auch für Abiturienten zugängliche sind, sei ihnen deshalb nachgesehen. Abiturienten können sich schließlich nur für Studienplätze in den sogenannten grundständigen Studiengängen bewerben. In Studiengängen also, die mit dem Bachelor abschließen. Mit 10.200 Studiengängen ist auch deren Zahl noch immer beeindruckend. Doch die 9.000 Masterstudiengänge bleiben Studienanfängern verschlossen, denn sie setzen ein erfolgreich abgeschlossenes Bachelorstudium voraus. Der Hintergrund ist ebenso einfach wie einleuchtend. Seit der Bologna-Reform praktizieren alle deutschen Hochschulen ein zweistufiges Studiensystem. Bis in die Redaktionen scheint sich diese schlichte Tatsache aber noch nicht überall herumgesprochen zu haben. Da zählt offensichtlich Masse noch immer mehr als Klasse.

Arbeits- und entscheidungsfähig werden

Mit der heute beginnenden Serie „So findet man das passende Studienangebot“ wollen wir deshalb helfen, das Studiengang-Chaos besser überblicken, es systematisieren zu können. Studienwahl als Glückspiel halten wir nämlich für wenig zielführend. Immerhin sind die Chancen für einen glücklichen Ausgang dabei kaum höher, als im Lotto einen Sechser mit Zusatzzahl zu landen. Zugegeben, auch die Profis aus den Studien- und Berufsberatungen kennen nicht jedes einzelne der 19.000 Studienangebote. Das gibt auch Martin Scholz freimütig zu. Und der ist immerhin Leiter der Zentralen Studienberatung an der Uni Hannover, dazu Vorsitzender der Gesellschaft für Beratung, Information und Therapie an Hochschulen (GeBIT). Was ihn freilich von ratlosen Abiturienten unterscheidet, auch die phantasiereichsten Bezeichnungen werfen ihn nicht aus der Bahn. Ein Blick ins Curriculum reicht ihm, um zu erkennen, welchem größeren Studienbereich dieser Studiengang zugehört.

Im Ergebnis reduziert das die Studienalternativen um einen nicht unbeträchtlichen Faktor. Es bleiben nicht 19.000, auch nicht 10.000, noch nicht einmal 5.000! Die Herausgeber des jährlich überarbeiteten Lexikons „Studien- und Berufswahl“ schaffen es, die angeblich 19.000 Studienalternativen 120 Studienrichtungen zuzuordnen. Mehr noch: Diese 120 Studienrichtungen fassen sie in nur neun verschiedene Fachgruppen zusammen. Eine davon sind die Lehramtsstudiengänge, deren Eigenständigkeit aufgrund ihrer unterrichtsfachlichen Breite von der Anglistik über die Mathematik bis hin zu den Wirtschaftswissenschaften unter Fachleuten heftig umstritten ist. Nach fachinhaltlichen Merkmalen reduziert sich also die Zahl der Fachgruppen auf lediglich acht. Damit lässt sich gut arbeiten. Genauso wichtig: Diese Klassifizierung ist ebenso zutreffend wie seriös.

Hinter die Mogel(ver)packung schauen lernen

Dafür stehen die Herausgeber des Lexikons „Studien- und Berufswahl“, als da sind die Kultusministerkonferenz (KMK) und die Bundesagentur für Arbeit (BA), beides keine Hütchenspieler. So lernen wir zunächst folgendes: auch die Hochschulen beherrschen angesichts von Sparzwängen und Existenznöten das Marketing! Die Sprachschöpfungen bei der Benennung neuer Studiengänge brauchen den Vergleich zu vielen flotten Sprüchen von Werbetextern nicht zu scheuen. Für Abiturienten bei der Studiengangsuche aber ist es völlig schnuppe, ob das Studienangebot „Civil Engineering“ (Uni Duisburg) oder „Infrastrukturmanagement“ (FH Bielefeld) oder „Assistive Technologien“ (HS Jade/Oldenburg) heißt. Denn bei genauem Hinsehen entpuppen sich alle drei Studienangebote schnell als lupenreine Bauingenieurstudiengänge. Es geht hier wie dort um Fragen der Planung und der Bauausführung. Es geht um die Verwendung von geeigneten Werkstoffen, Materialien und den Einsatz entsprechender Maschinen zur Errichtung dieser Bauwerke sowie zur Rekonstruktion oder der Neuanlage von Verkehrswegen.

Noch einen Zacken unübersichtlicher wird es beim Blick auf die vielfältigen Studienangebote im Bereich der Masterprogramme dieses Fachbereichs. Hier nur eine kleine Auswahl: „Computational Science in Engineering“ (Uni Braunschweig), „Internationales Projektmanagement im Großanlagenbau“ (Uni Erlangen-Nürnberg), „Ressourceneffizientes Planen und Bauen“ (HAW Coburg) oder „Nachhaltiges Bauen und Bewirtschaften“ (HS Detmold). Was für ein grundständiges Bachelorstudium noch wenig Sinn macht, erhält im Masterstudium freilich seine Berechtigung. Masterstudenten wollen und müssen sich in dieser Studienphase vertiefen und spezialisieren. Abiturienten aber sollten mit derlei Informationen nicht ihre Zeit verschwenden. Für sie liegt das noch in weiter Ferne. Bis zum Bachelor sind es schließlich mindestens 6 Semester, aus denen in aller Regel am Ende sieben oder acht werden.

Aus 100 mach 10

Zählt man alle Studiengangbezeichnungen allein im Bauingenieurwesen zusammen, kommt man schnell auf über einhundert. Das Problem ist damit klar. Und auch die folgende Erkenntnis überrascht nicht. Als besonders kreativ bei der Neuschöpfung von Studiengangbezeichnungen erweisen sich die privaten Hochschulen. Das ist nachvollziehbar. Immerhin stehen und fallen sie mit der Auslastung ihrer Studienplatz-, das heißt ihrer Produktionskapazität. Für Abiturienten stellt sich die Frage indessen ganz anders. Warum sollen sie jeden Monat für einen simplen BWL-Studiengang 600 € oder 800 € Studiengebühren bezahlen, wenn es doch das inhaltlich gleiche Angebot an der benachbarten staatlichen Hochschulen auch gibt? Wenngleich wahrscheinlich mit einer eher biederen Bezeichnung versehen. Gleichwohl erlebe auch ich in meiner täglichen Beratungsarbeit, wie groß die Verlockungen solcher Wortschöpfungen auf junge Menschen und gar nicht selten auch auf ihre Eltern sind.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, selbst Fachleute wie ich stehen nicht selten in der Gefahr, sich von der glitzernden Verpackung blenden zu lassen. Mein Beruf aber gemahnt mich bislang noch jedes Mal rechtzeitig, nüchtern auf die Inhalte und nicht bloß die äußere Hülle zu schauen. „Business Administration“, „General Management“, „Business and Management Studies“ gehören da noch in den Bereich seriösen Geschäftsgebarens. Schön anzuhören, aber fachlich grenzwertiger wird es dagegen bei Adressierungen wie „Real Estate Management“, „Financial Services Management“, „Business Communication Management“, „Global Brand & Fashion Management“ oder „Luxury, Fashion & Sales Management“, gar „Internationales Eventmanagement“. Das atmet Luxus und Exklusivität. Wirklich? Nein, eher selten. Meist wird nur Altbekanntes geboten: Betriebswirtschaftslehre. Damit zurück zu unserem Ausgangspunkt. Die Menge der angebotenen Studiengänge bauscht es allerdings enorm auf, ohne dabei tatsächlich Neues zu liefern.

 Hinschauen statt Kopf in den Sand stecken

Dahinter verbirgt sich ein weiteres Problem. Deutsche Hochschulen genießen die Freiheit und den Luxus neue Studienangebote nennen zu können, wie immer sie wollen. Niemand kann sie daran hindern. Bei jeder Namensgebung eines Neugeborenen prüft das Standesamt den Namenswunsch der Eltern auf dessen gebräuchliche Benutzung. Im schlimmsten Fall lehnt es ab. Im Hochschulbereich sind der Bezeichnung neuer Studiengänge dagegen keine Grenzen gesetzt. Selbst auf die Zuordnung in einen allgemein verbindlichen sachlichen Zusammenhang kann niemand verpflichtet werden. So überlässt die HRK – aus Überzeugung oder nur schnödem Personalmangel? – die Einordnung ihrer Studiengänge in die Matrix der Datenbank „Hochschulkompass“ jeder einzelnen Hochschule. Nur so ist wohl auch der zyklische Wechsel von Studiengangbezeichnungen wie etwa Betriebs- und Volkswirtschaftslehre in dem einem und Wirtschaftswissenschaften im nächsten Jahrzehnt zu verstehen. Ohne auch nur den geringsten finanziellen wie personellen Aufwand, suggeriert man wissenschaftliche Innovation, Dynamik und Leistungsfähigkeit. Und verkauft doch bloß alten Wein in neuen Schläuchen. Da hilft allein genaues Hinschauen!

Für Abiturienten und ihre Eltern ist all das kein Trost. Gemeinsam stehen sie vor dem Berg der angebotenen Studiengänge und suchen verzweifelt nach einem Wegweiser in diesem Chaos. Das Lexikon „Studien- und Berufswahl“ bietet diesen gut strukturierten Rettungsanker. Jeder Schüler erhält es zu Beginn des Vorentlassschuljahres kostenlos. Also an den allgemeinbildenden Gymnasien zu Beginn des elften, an den beruflichen Gymnasien zu Beginn des zwölften Schuljahres. Im Kapitel 4 dieses Buches werden folgende Fächergruppen vorgestellt: Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften/Mathematik/Informatik, Agrar- und Forstwissenschaften, Medizin/Gesundheitswesen, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Gesellschafts- und Sozialwissenschaften, Sprach- und Kulturwissenschaften/Kunst und Gestaltung, Neuere Philologien, dazu sämtliche Lehramtsausbildungen.

Erst die große, dann die kleinen Weichen stellen

Wie bereits angekündigt, wollen wir in den nächsten Ausgaben des „Berufsreport“ jeweils einzelne Fächergruppen vorstellen, die verschiedenen Studienangebote aufzeigen, deren Studieninhalte, Anforderungen und Beschäftigungsmöglichkeiten erklären. Entscheidet sich ein Abiturient für eine oder gerne auch gegen mehrere andere dieser Fächergruppen, hat er damit die scheinbare Menge möglicher Studienalternativen bereits drastisch reduziert. Das ist ein erster wichtiger Schritt für die Entscheidungsfindung. In der November-Ausgabe werden wir die Fächergruppen Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Gesellschafts- und Sozialwissenschaften, Sprach- und Kulturwissenschaften/Kunst und Gestaltung sowie der Neueren Philologien vorstellen. Im Februar folgen die Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften/ Mathematik und Informatik, die Agrar- und Forstwissenschaften sowie Medizin/Gesundheitswesen. In der Mai-Ausgabe stellen wir abschließend die Lehramtsstudiengänge vor.

Die zu den eigenen Begabungen und Interessen passende Fachgruppe gefunden zu haben, bedeutet natürlich noch lange nicht die Lösung des Problems, ebenso wenig das Ende aller Mühen. Wie im Eiskunstlauf schließt sich an die Pflicht nun die Kür an. Jetzt kommt die filigrane Detailarbeit. Man kennt zwar endlich die Richtung, doch das Ziel zu erreichen, bedarf es noch so mancher Entscheidungen. Welche Fächer schreibt das Curriculum vor? Welche Vertiefungsmöglichkeiten bietet die Hochschule? Wie groß ist das Kollegium des Fachbereiches und wie breit damit das Fächerangebot? Wie viele Studierende sind eingeschrieben? Wie viele fachnahe Unternehmen sind im Umfeld der Hochschule angesiedelt? Möchte ich lieber wohnortnah studieren oder zieht es mich in die Ferne? Was für Möglichkeiten bieten die Kooperationen der Hochschule für ein Auslandsstudium? Und vieles andere mehr. Doch eins ist klar. Auch wenn die Medien demnächst von 20.000 Studienangeboten schreiben, wird das keine Angst mehr auslösen. Studienangebote einordnen, in Zusammenhänge stellen und bewerten zu können, dazu möchten wir Sie und Euch herzlich einladen!