DAAD-Lektor – In der Fremde Deutsch oder eine Fachwissenschaft mit Deutschlandbezug lehren

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2016

Universitätsbibliothek der USAC auf der „Plaza de los Mártires“ in Guatemala City – Susanne Reischmann arbeitet hier seit vier Jahren (Foto: Wikipedia/Sebastian Oliva)

Universitätsbibliothek der USAC auf der „Plaza de los Mártires“ in Guatemala City – Susanne Reischmann arbeitet hier seit vier Jahren (Foto: Wikipedia/Sebastian Oliva)

Es stimmt. Ihre Zahl ist klein. Um genau zu sein, derzeit zählt die Community der DAAD-Lektoren nicht mehr als 466 Frauen und Männer. Doch obwohl sie über die ganze Welt verstreut arbeiten und in vielen Ländern als die Botschafter für Sprache und Kultur das Gesicht Deutschlands prägen, sind sie den Medien nur selten eine Schlagzeile wert. Selbst in den Inner Circles der Universitäten und dort speziell unter den Germanisten ist ihr Bekanntheitsgrad nicht eben groß. Dabei sind DAAD-Lektoren ein wichtiger Baustein der deutschen auswärtigen Kultur-und Bildungspolitik, ist die Tätigkeit für die meisten ein attraktiver Karrierebaustein und ein ausreichend gut entlohntes Abenteuer obendrein. Gesucht werden dafür neben Germanisten, Fremdsprachenphilologen und Absolventen von DaF-Studiengängen (DaF = Deutsch als Fremdsprache), in geringerem Maße auch sprachaffine Juristen, Historiker, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler sowie Politologen.

Was DAAD-Lektoren machen? Sie lehren an ausländischen Hochschulen deutsche Literatur und Sprachwissenschaft, geben deutschen Sprachunterricht, halten in ihren Fachwissenschaften Vorlesungen und Seminare mit Deutschlandbezug ab, beraten über hiesige Studien-, Forschungs- und Fördermöglichkeiten, organisieren Kongresse, Informationsmessen und Netzwerke ehemaliger Deutschlandstudenten. Freilich gibt es nicht den DAAD-Lektor. Jedes Lektorat hat entsprechend den Wünschen der ausländischen Gasthochschule fachlich einen anderen Zuschnitt. Sucht die eine einen promovierten Linguisten, benötigt die andere einen DaF-Spezialisten, erwartet die dritte einen Juristen mit Lehrerfahrung für eine fundierte Einführung in das deutsche Strafrecht. „Interessenten“, rät deshalb Ursula Paintner aus der DAAD-Zentrale in Bonn allen Bewerbern, „sollten sich deshalb die Stellenausschreibungen für die einzelnen Hochschulen beziehungsweise Lektorate ganz genau anschauen.“ Sie sind ab September des jeweiligen Vorjahres auf dem Online-Portal des DAAD einzusehen.

Nicht nur Germanisten gesucht

Guido Schnieders arbeitete lange Jahre als DAAD-Lektor (Foto: privat)

Guido Schnieders arbeitete lange Jahre als DAAD-Lektor (Foto: privat)

Dort finden sich dann Angebote für vier unterschiedliche Arten von Lektoraten. Die Mehrzahl der Stellen sind sogenannte Regellektorate. Sie wenden sich vor allem an Germanisten und Absolventen von DaF-Studiengängen. Ihre Aufgaben liegen in der Lehre der germanistischen Institute und der Deutschlandkunde, der Ausbildung von Lehrern, Dolmetschern und Übersetzern sowie dem Sprachunterricht für Studenten aller Fakultäten. Die Lehr- und Unterrichtsverpflichtung umfasst zwischen 12 bis 15 Semesterwochenstunden zuzüglich Vor- und Nachbereitung. Das Aufgabenspektrum der Fachlektoren gleicht dem der Regellektoren mit einem einzigen Unterschied. Die Lehre konzentriert sich auf deutschlandbezogene Schwerpunkte in der jeweiligen Fachdisziplin, also vorwiegend den Rechts-, Geschichts-, Politik- sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Einen anderen Zuschnitt haben die IC-Lektorate. IC-Lektoren leiten eines der 56 weltweiten Informationszentren des DAAD. Ihre Aufgabe ist es, Deutschland als Hochschulstandort bekannt zu machen. Sie informieren über die Studien- und Forschungsmöglichkeiten in Deutschland und entsprechende Förderprogramme. Ihr Lehrdeputat beträgt deshalb nur 6 bis 8 Semesterwochenstunden. „Bewerber für ein IC-Lektorat sollten erste Erfahrungen im Wissenschaftsmanagement mitbringen“, beschreibt die Leiterin des DAAD-Netzwerkreferates Ruth Krahe das Anforderungsprofil. Diese Stellen seien nichts für reine Bücherwürmer und auch nichts für absolute Fachwissenschaftler, steuert Guido Schnieders eigene Erfahrungen bei. „Hierfür braucht man Interesse fürs Marketing, dazu Freude an Organisations- und Repräsentationsaufgaben, an Auftritten auf Messen und werbenden Vorträgen vor Studierenden.“ Was lockt, sind die im Vergleich zum Regel- und Fachlektorat größeren Gestaltungsmöglichkeiten.

Jedes Lektorat ist anders

An der Universität Szeged begann Guido Schnieders Lektoren-Karriere (Foto: Wiki/Varadi Zsolt)

An der Universität Szeged begann Guido Schnieders Lektoren-Karriere (Foto: Wikipedia/Varadi Zsolt)

Nur je einmal finden sich in Großbritannien, Frankreich, China, Japan, Brasilien und der Region Moskau Stellen für zbV-Lektorate (zbV: zur besonderen Verwendung). Sie haben eine um die Hälfte reduzierte Lehrverpflichtung und unterstützen ansonsten die DAAD-Außenstellen bei der Betreuung der Lektoren. Mit der Erfahrung dreier Lektorate empfiehlt Guido Schnieders allen Bewerbern eine genaue Analyse der Stellenprofile. Die Stationen des promovierten Germanisten und jetzigen Leiters des Referats für internationales Hochschulmarketing des DAAD  hießen Szeged (Ungarn), Jakarta (Indonesien) und zuletzt Kuala Lumpur (Malaysia). „Während in Szeged das Institut ein hohes germanistisches Niveau erreichte und die Studenten bereits zu Studienbeginn sehr gute Sprachfertigkeiten mitbrachten“, erinnert sich Schnieders, „dominierte in Jakarta und Kuala Lumpur der Sprachunterricht und germanistische Veranstaltungen auf Einführungsniveau.“ Gleichwie sind alle DAAD-Lektoren Mitarbeiter der jeweiligen örtlichen Hochschulen und wie diese in die lokalen Hierarchien eingebunden.

Mit diesem arbeitsrechtlichen Status unterscheiden sich DAAD-Lektoren von anderen Expatriates. DAAD-Lektoren sind keine DAAD-Mitarbeiter, sondern schließen ihre Arbeitsverträge mit der ausländischen Hochschule ab. Die Auswahl und das Vorschlagsrecht aber liegt in Händen des DAAD. DAAD-Lektoren erhalten das normale Ortsgehalt und zusätzlich eine finanzielle Förderung des DAAD. Darüber hinaus gewährt der DAAD verschiedene Zuschüsse, unter anderem für den Umzug, Schulbeihilfen und eine Auslandskrankenversicherung. Die formalen Zugangsvoraussetzungen für einen Job als DAAD-Lektor sind der Masterabschluss im ausgeschriebenen Studienfach, nicht selten auch die Promotion, die Staatsangehörigkeit eines EU-Mitgliedstaates, muttersprachliche Beherrschung des Deutschen, praktische Lehrerfahrung in Deutsch als Fremdsprache sowie in einzelnen Gastländern auch Kenntnisse der dort üblichen Unterrichtssprache.

Zur Selbstreflexion bereit

Susanne Reischmann (Foto: privat)

Susanne Reischmann (Foto: privat)

Hieran scheitern die wenigsten Bewerber. Kniffliger wird es da schon bei den social skills. Wenn beispielsweise im Umgang mit der Hochschulbürokratie Geduld und Fingerspitzengefühl gefragt sind. „Man muss ein Gespür dafür entwickeln, wann Gelassenheit und wann Durchsetzungsvermögen eher zum Ziel führen“, formuliert es Susanne Reischmann. Die Romanistin kam vor vier Jahren an die Universidad de San Carlos de Guatemala (USAC) in Guatemala City und war dort die erste DAAD-Lektorin überhaupt. Da war noch nichts eingespielt und gab es nichts, auf das sie hätte zurückgreifen können. Mit über 200.000 Studenten ist die USAC die größte Universität Mittelamerikas. So hieß es dann, untergehen oder die Ärmel aufkrempeln und kämpfen. Das tat sie zum Preis eines hohen zeitlichen Engagements – mit Erfolg. Noch schwieriger wird es für Lektoren in Krisengebieten, wo Hochschulen und Dozenten oft unter besonderer Beobachtung der politischen Akteure stehen.

Bewerber für diese Gebiete sind rar, so dass der DAAD den Gasthochschulen in Einzelfällen keine Besetzungsvorschläge machen kann. Doch sind interkulturelle Kompetenzen grundsätzlich überall gefragt. „Die Bildungskultur in Guatemala ist eine des mündlichen Lernens“, war die erste wichtige Erkenntnis von Susanne Reischmann. Lange Skripte und umfangreiche Literaturlisten fanden deshalb wenig Resonanz. Reischmann verzichtete schnell darauf und organisierte den Deutschunterricht entsprechend der örtlichen Mentalität. „Irgendwann“, sagt Reischmann, „habe ich begriffen, du wirst Guatemala nicht ändern. Du bist es, die sich anpassen muss.“ Dass solche Unterschiede nur wenig mit der Menge an Entfernungskilometern zwischen Deutschland und dem Gastland zu tun haben, dafür ist Tobias Beilicke gutes Beispiel. Seine Erfahrungen in Frankreich an der renommierten École d’ingénieurs SIGMA Clermont sind ganz ähnlich.

Integration auf Zeit

Tobias Beilicke begann an der École d’ingenieurs SIGMA Clermont als DAAD-Lektor und ist dort heute Leiter des International Office – Hier auf einer Roadshow in Mexiko (Foto: privat)

Tobias Beilicke begann an der École d’ingenieurs SIGMA Clermont als DAAD-Lektor und ist dort heute Leiter des International Office – Hier auf einer Roadshow in Mexiko (Foto: privat)

„Mit meinem dialogischen Unterrichtsstil konnten die Studenten nicht umgehen“, erzählt er. Sie waren den in Frankreich üblichen Frontalunterricht gewöhnt. „Das hat mir am Anfang schwer zugesetzt. Aber nach einem Jahr des Aneinandervorbeiredens habe ich mich der Lernkultur meiner Studenten angepasst.“ Solche Erlebnisse bleiben offensichtlich kaum einem DAAD-Lektor erspart. Auch Guido Schnieders kann davon berichten. „Indonesier kommunizieren anders als Deutsche“, beschreibt er seine Erfahrungen in Jakarta. „Meine Lehrerfragen, mit denen ich Erkenntnisprozesse initiieren wollte, funktionierten einfach nicht, weil die Sicht auf die Welt in Indonesien eine andere ist.“ Die Welt sei gut, so wie sie ist. Kein Grund etwas zu verändern. Die Harmonie darf nicht gestört werden „Deshalb sagt man nicht, was man denkt, sondern was erwartet wird.“

Im Hochschulbereich lernen außerhalb Deutschlands aktuell 1,3 Millionen Studierende Deutsch. Die regionale Verteilung der Lektorate folgt im Wesentlichen dieser Nachfrage. Die meisten Stellenangebote für DAAD-Lektoren kommen aus Westeuropa und der Türkei (149) sowie Mittel- und Osteuropa (151). Es folgen die Regionen Asien-Pazifik (57) Lateinamerika (33), Nordafrika, Naher und Mittlerer Osten (33), Nordamerika (22) und Afrika-Subsahara (21). „Europa wird weiter ein Schwerpunkt für unser Lektoren-Programm bleiben“, blickt Ursula Paintner voraus. „Eine steigende Nachfrage beobachten wir in Südostasien, China, Indien, dem Nahen Osten und den Ländern in Afrika-Subsahara.“ Der kulturelle Background dieser Länder wird die Bedeutung der viel zitierten interkulturellen Kompetenzen stark erhöhen. Ein Blick auf die damit verbundenen Herausforderungen schützt vor unliebsamen Überraschungen.

Selten ein roter Teppich, immer harte Arbeit

Universität Malaya in Kuala Lumpur war Guido Schnieders letztes Lektorat vor der Rückkehr nach Deutschland (Foto: Wikipedia/Eriang87)

Universität Malaya in Kuala Lumpur war Guido Schnieders letztes Lektorat vor der Rückkehr nach Deutschland (Foto: Wikipedia/Eriang87)

Die wichtigsten interkulturellen Herausforderungen hat der DAAD auf seiner Website zusammengestellt (Anforderungen an DAAD-Lektoren). Doch auch die fachlichen Ansprüche an einen DAAD-Lektor sind rund um den Globus hoch. „Es wird Kompetenz über die gesamte Bandbreite der Germanistik vorausgesetzt“, erinnert sich Susanne Reischmann ihrer Anfänge an der USAC in Guatemala Stadt. Und Guido Schnieders wurde nach seiner Ankunft im ungarischen Szeged gebeten, eine fachübergreifende Vorlesung über die deutsche Kulturgeschichte zu übernehmen. „Da kann man nicht Nein sagen und sitzt dann abends etwas länger und steht morgens früher auf“, erinnert er sich lachend. So wird schnell klar, die vornehmste Aufgabe eines DAAD-Lektors ist die, wenn auch zeitlich begrenzte, Integration in die Gepflogenheiten des Gastlandes. Für die allermeisten Lektoren besteht genau darin die Herausforderung, die sie suchen.

Leidenschaft avanciert deshalb zu einer wichtigen Voraussetzung, eine starke Persönlichkeit ebenso. „Ein Lektor muss sehr selbständig arbeiten“, bringt es Susanne Reischmann auf den Punkt. Soll heißen, vor Ort sind DAAD-Lektoren zunächst einmal auf sich allein gestellt. Ein bisschen Lebenserfahrung hilft da sehr. Tobias Beilicke bestätigt das. „Es beginnt manchmal bei ganz simplen Dingen“, erinnert er sich, „zum Beispiel beim Kampf um ein eigenes Büro.“ Ursula Paintner weiß von einer Lektorin im griechischen Thessaloniki, die während der Wintermonate wegen Geldmangels der Universität nur einen unbeheizten Hörsaal zur Verfügung hatte. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass etwa jeder dritte Lektor zuvor schon zehn Monate als DAAD-Sprachassistent (Sprachassistent) im Ausland war. So wie Tobias Beilicke an der international bekannten Universität  im schwedischen Uppsala. Doch es geht auch anders. Susanne Reischmann bereiste Mittelamerika als Backpackerin, und arbeitete während des Studiums als Praktikantin beim Goethe-Institut im mexikanischen Guadalajara. Guido Schnieders studierte unter anderem in Wien und London.

Deutschland überzeugend repräsentieren

Tobias Bütow begann am CIFE in Nizza als Lektor. Heute ist er an gleicher Stelle Studiendirektor (Foto: privat)

Tobias Bütow begann am CIFE in Nizza als Lektor. Heute ist er an gleicher Stelle Studiendirektor (Foto: privat)

Germanisten, die mit einem DAAD-Lektorat liebäugeln sollten auf aktuelle Entwicklungen vorbereitet sein. In vielen Ländern nimmt die Nachfrage nach der traditionellen Germanistik ab, während die Nachfrage nach Deutsch in fach- und berufsbezogenen Kontexten zunimmt. „Damit steigt die Bedeutung von DaF-Kenntnissen ebenso wie die Nachfrage nach Fachlektoren zunimmt“, bestätigt Ruth Krahe. Und erhält Unterstützung von Tobias Bütow. Der lehrte als Fachlektor von 2010 bis 2015 Konflikt- und Gewaltforschung in Nizza am von der Europäischen Kommission finanzierten Europa-Institut CIFE. „Fachlektoren“, ist der Politikwissenschaftler Bütow überzeugt, „sind im Zeitalter von Europäisierung und Globalisierung wichtiger geworden. Als Fachwissenschaftler bieten sie Studierenden an, sich mit ergänzenden Analysen unserer dynamischen Gegenwart vertraut zu machen.“ Eine stärkere Berücksichtigung im Lektoren-Programm des DAAD hält er deshalb für ratsam. Heute leitet Bütow in Nizza einen Euro-Mediterranen Studiengang, der in Zusammenarbeit mit Hochschulen in Tunis, Istanbul und Rom Multiplikatoren der euro-mediterranen Kooperation ausbildet.

Dass Dozenten in Frankreich sich nicht nur auf die Fachwissenschaften konzentrieren können, sondern darüber hinaus auch umfangreiche Managementaufgaben wahrzunehmen haben, kam für Tobias Bütow zwar überraschend, aber dennoch nicht ungelegen. Immerhin zielten seine beruflichen Überlegungen schon länger auf eine Funktion im Wissenschaftsmanagement. Anders und doch auch wieder vergleichbar liegen die Dinge bei Kathrin Hamenstädt. Die an der Uni Maastricht promovierte Juristin arbeitet derzeit als Fachlektorin am renommierten King’s College in London. Die Rechtsstrukturen für ein vereinigtes Europa sind seit ihrer Tätigkeit im wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages ihr Spezialgebiet. „Der Umgang mit jungen Menschen und die Lehre“, sagt sie, „und beides sogar auf internationalem Parkett, machen mir sehr viel Freude.“

Die Rückkehr rechtzeitig vorbereiten

King’s College London/Somerset House mit der School of Law – Hier arbeitet die Fachlektorin Kathrin Hamenstädt (Foto: Wikipedia/KiloCharliLima)

King’s College London/Somerset House mit der School of Law – Hier arbeitet die Fachlektorin Kathrin Hamenstädt (Foto: Wikipedia/KiloCharliLima)

Doch auch für Kathrin Hamenstädt war das erste Jahr hart. Neben der Unterrichtsvorbereitung, dem Unterrichten und administrativen Aufgaben, hat sie sich parallel noch auf die Verteidigung ihrer Dissertation vorbereitet. Da blieb wenig Zeit für anderes. Sie wird entschädigt durch eine angenehme Arbeitsatmosphäre, ein internationales Kollegium und wissbegierige Studierende. Im Übrigen hatte sie von Beginn an das Gefühl, willkommen zu sein. Doch auch für Kathrin Hamenstädt ist nicht alles Gold, was am Finanzplatz London glänzt. „Die Lebenshaltungskosten sind hoch“, verrät sie, „und bezahlbare Wohnungen klitzeklein.“ In der Tat, schon Studenten bezahlen für ein neun (!) Quadratmeter großes Zimmer im Studentenwohnheim zwischen 800 bis 900 Euro Miete. Die junge Juristin lässt sich davon allerdings nicht schrecken. Sie hat ihren Vertrag gerade um ein Jahr verlängert.

Nach Ende seines DAAD-Lektorats wurde Tobias Beilicke französischer Staatsbürger. Was er für sich ausschließt, was Tobias Bütow zunächst verschob, was Susanne Reischmann zögern lässt, woran Kathrin Hamenstädt noch nicht denken mag, hat Guido Schnieders bereits hinter sich. Die Rückkehr nach Deutschland, dazu die schwierige Phase der privaten und beruflichen Reintegration. Dass mit den entsprechenden Planungen nicht früh genug begonnen werden kann, macht ein geflügeltes Wort unter DAAD-Mitarbeitern deutlich. „Die Rückreise beginnt mit der Ausreise“, heißt es da. Die Lektoren-Förderung wird zunächst für zwei Jahre bewilligt, kann aber anschließend bis zu fünf Jahren Gesamtlaufzeit verlängert werden. Die DAAD-Lektoren erhalten ein maximal dreimonatiges Überbrückungsgeld und können sich daneben auch um ein Rückkehrstipendium bewerben. Auf Arbeitslosengeld besteht indessen kein Anspruch.

Der Neugier eine Richtung geben

Tobias Beilicke vor dem Triebwerk eines Airbus-Flugzeuges – Motiv mit Symbolwert, denn DAAD-Lektoren sind viel unterwegs (Foto: privat)

Tobias Beilicke vor dem Triebwerk eines Airbus-Flugzeugs – Motiv mit Symbolwert, denn DAAD-Lektoren sind viel unterwegs (Foto: privat)

Manch einer wird sich beim Durchschreiten der Passkontrolle plötzlich der Entfremdung bewusst, die während seiner Abwesenheit ganz unbemerkt eingetreten ist. Und auch beruflich heißt es, sich nun wieder einzureihen. Das Rausgehen sei viel leichter als das Zurückkommen, beschreibt Guido Schnieders seine Seelenlage bei der Rückkehr Anfang dieses Jahres. „Der DAAD besitzt international einen guten Ruf. So gelingt es den meisten Lektoren, sich im Ausland Ansehen und Wertschätzung zu erarbeiten. Bei der Rückkehr aber muss man sich dann erst neu beweisen.“ Schnieders hatte immerhin ein attraktives Stellenangebot in der DAAD-Zentrale in Bonn. Die Regel ist das freilich nicht. Denn nicht jeder Arbeitgeber bewertet die Tätigkeit eines Auslandslektors als karriereförderlich. Ganz besonders die Hochschulen, heißt es von Betroffenen, stünden der Auslandsgermanistik eher zurückhaltend gegenüber.

Gleichwohl besteht nach Beobachtungen des DAAD an den Universitäten, in den Wissenschaftsorganisationen, Ministerien, Mittlerorganisationen der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, bei Bildungsträgern, Volkshochschulen und auch in Unternehmen durchaus Bedarf am Knowhow eines DAAD-Lektors. Die Passgenauigkeit für solcherart Tätigkeiten aufzuzeigen, ist allerdings Sache des Bewerbers. Darüber hinaus will nicht jeder nach einem spannenden Lektorat in Oxford oder New Delhi zurück in die niederbayerische Provinz und dort in Integrationskursen für Migranten den Deutschunterricht übernehmen. Und nicht wenige sind nach einem fünfjährigen Lektorat noch kein bisschen auslandsmüde. Im Gegenteil. Susanne Reischmann, die mit ihrer vierköpfigen Familie nach Guatemala City ging, strebt ein zweites Lektorat an, am liebsten als Leiterin eines DAAD-Informationszentrums. Der Unterstützung ihres Mannes hat sie sich bereits versichert. Und ihre Kinder fänden es spannend, noch ein weiteres Land kennen zu lernen und erneut in eine fremde Kultur eintauchen zu dürfen.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand:01.10.2016)

Berufstätige DAAD-Lektoren: 466.

Einkommen: abhängig vom Standort und den örtlichen Lebenshaltungskosten. Das Einkommen setzt sich – abhängig von Qualifikation und Position – aus dem landesüblichen Ortsgehalt und Zulagen des DAAD zusammen, die je nach Standort und Aufgabenspektrum variieren.

Bewerbungsmöglichkeiten: die Lektorate werden mehrheitlich ab August/September ausgeschrieben unter: Freie Stellen

Weiterführende Informationen: Alles Wichtige über den Beruf

 

Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.

 

Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreiben Sie dem Autor eine Mail: info@berufsreport.com