Charakter und Beruf – Berufseignung eine Frage des Charakters?

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2016

Wenn es Berufswählern an einem nicht mangelt, dann sind es gute Ratschläge. Im Stakkato prasseln sie auf die jungen Leute ein, nicht selten ungebeten. Die Eltern empfehlen ihren Kindern eine sicherheitsbetonte Entscheidung. Und tatsächlich, in einem jahrzehntelangen Berufsleben kann viel passieren. Die Unternehmen wiederum raten dem Berufsnachwuchs zu einer marktorientierten Entscheidung. Nur das verspreche Erfolg, tönen sie mit lautstarker Unterstützung der Medien. Doch in Wirklichkeit denken sie zu allererst an die Besetzung ihrer eigenen aktuellen Arbeitsplätze. Und die Erfahrung vieler, die sich darauf verlassen? Was heute der Geheimtipp, erweist sich gar nicht selten morgen bereits als Flopp. Schließlich drehen sich die Räder der Berufswelt immer schneller. Der Blick in die Glaskugel hilft da zunehmend weniger. Bleiben die Experten der Berufsberatung. Sie predigen seit Jahr und Tag die Ausrichtung an persönlichen Begabungen und Interessen. Nur das garantiere Karriere und berufliche Zufriedenheit. So weit so gut. Aber fehlt da nicht doch noch etwas?

Claudia Harzer (Foto: privat)

Claudia Harzer (Foto: privat)

Ja, und ob. Kluge Chefs wussten schon immer darum, auch wenn es dieses Thema nie auf die Agenda von Personalmanagementkongressen schaffte. Die promovierte Psychologin Claudia Harzer will es nun wissenschaftlich beweisen. Was? Dass die Charakterstärken große Bedeutung sowohl für den beruflichen Erfolg als auch die persönliche Zufriedenheit besitzen. Vorausgesetzt sie entsprechen dem Anforderungsprofil des jeweiligen Berufes. Diese damit verbundenen Fragen interessierten die Psychologin bereits als Studentin an der Universität Bielefeld. Anschließend schrieb sie darüber ihre Doktorarbeit an der Uni Zürich. Und auch jetzt als Vertretungsprofessorin für psychologische Diagnostik an der Universität Kassel lässt sie das Thema nicht los. Deshalb weiß kaum einer so gut wie sie über die Zusammenhänge solcher Charakterzüge wie Fairness, Bescheidenheit, Ausdauer, Führungsvermögen oder soziale Intelligenz mit dem beruflichen Erfolg Bescheid. Immerhin basieren die Ergebnisse auf der Befragung von nicht weniger als 100.000 Berufstätigen.

Berufe erfordern unterschiedliche Charakterprofile

Die Ergebnisse flossen in sogenannte Stärkeprofile für 173 Berufe ein. Die Schweizer Berufsberater arbeiten bereits damit. Unstrittig ist, dass die allermeisten Buchhalter vorsichtig, ausdauernd und ehrlich sind, Altenpfleger sich durch Freundlichkeit, Spiritualität und eine überdurchschnittliche Vergebungsbereitschaft auszeichnen, Schauspieler wiederum mit Humor, Kreativität, Tatendrang und Sinn für das Schöne brillieren. Da sich die Züricher Befragung auf Berufserfahrene konzentrierte, ist gleichwohl die Frage, besaßen die Befragten diese Charakterstärken schon vor ihrer Berufstätigkeit oder formte sie erst der Beruf aus? „Dazu müssen wir die Ergebnisse einer weiteren Studie abwarten“, antwortet Claudia Harzer, „die klären will, wie sich die Charakterstärken im Beruf entfalten.“ Für Manager mit Personalverantwortung besitzt das große Bedeutung. Immerhin müssen sie nicht allein das aktuelle Leistungspotenzial ihrer Mitarbeiter beurteilen als vielmehr deren zukünftige Entwicklung einschätzen. Für Berufswähler ist die Antwort auf diese Frage freilich ohne jede praktische Relevanz.

Denn die gesicherte Erkenntnis ist, Buchhalter, Altenpfleger und Schauspieler sind so, wie oben beschrieben. Punkt. Den Personen, die ein davon abweichendes Charakterprofil besitzen, bleiben angesichts dieser Tatsache offensichtlich nur drei Optionen. Die klügste Variante besteht unbestritten darin, das Naheliegende zu tun und diesen Beruf wegen einer zu geringen Schnittmenge erst gar nicht in die Berufswahl einzubeziehen. „Die zweite Möglichkeit“, erklärt Claudia Harzer, „man passt sich den Anforderungen des Berufes an und entwickelt die erforderlichen Charakterstärken. Der dritten Gruppe, die den Beruf ergriffen hat, sich aber nicht anpassen möchte oder kann, bleibt am Ende nur die Aufgabe und berufliche Neuorientierung.“ Gerade in Pflegeberufen erweist sich das inzwischen als Massenphänomen. Die Zahl derer, die den Beruf wechseln ist ebenso hoch wie die durchschnittliche Verbleibsdauer in dieser Tätigkeit gering ausfällt. Doch ist das Dilemma nicht auf Pflegeberufe beschränkt. Jeder vierte Ausbildungsvertrag wird vorzeitig aufgelöst.

Blick auf die eigene Person

So sind denn Berufswähler gut beraten, vor ihrer Entscheidung einen Blick auf die Struktur ihres Charakterstärkenprofils  zu werfen. Was zeichnet sie aus? Besitzen sie die Liebe zum Lernen, Urteilsvermögen, Bescheidenheit, Fairness, Selbstregulation, Tapferkeit, Führungsvermögen und Humor? Sind sie ausdauernd, neugierig, freundlich, durchsetzungsstark und bindungsfähig? Zwar können Persönlichkeitspsychologen wie Claudia Harzer derzeit noch nicht sagen, wie es um die Balance und Wertigkeit zwischen diesen Charakterstärken auf der einen Seite sowie Begabungen und Interessen auf der anderen aussieht. Dass dieser Indikator aber eine entscheidende Bedeutung für den Berufserfolg hat, ist indessen unbestritten. Gewiss macht auch hierbei Übung den Meister. Stärken können genauso verbessert wie brach liegen gelassen werden. „Aber“, weist die Kasseler Professorenvertreterin auf einen wichtigen Punkt, „wo etwas ganz natürlich zusammenpasst, wird wertvolle  Energie gespart. Der Berufstätige bleibt aus sich heraus authentisch.“

Soll heißen, wer an seinem Persönlichkeitsprofil „arbeiten“ muss, dem fehlt die dafür aufgewendete Zeit und Kraft an anderer Stelle. Und wird deshalb am Ende doch noch immer nicht so überzeugend sein, wie einer, der die erforderlichen Charakterstärken bereits mitbringt. Doch wie findet man diese Charakterstärken? Müssen nun alle Berufswahltests umgeschrieben werden? Claudia Harzers Antwort fällt anders als erwartet aus. „Nein; man kann diese vielmehr ergänzen um den Themenbereich der Charakterstärken. Es gibt einen Fragebogen, bei dem man nicht ankreuzt, welche der Charakterstärken man meint zu haben. Vielmehr werden Verhaltensweisen und Denkmuster präsentiert, denen man in unterschiedlichem Maße zustimmen kann. Daraus ergeben sich dann die persönlichen Werte für 24 unterschiedliche Charakterstärken.“ Auf eine Bewertung der Ausprägung dieser oder jener Stärke a‘ la „trifft zu, trifft weniger zu, trifft vollständig zu“ wurde also verzichtet. Hilfreich und geboten ist an dieser Stelle das Feedback des sozialen Umfeldes, gilt es doch, die Selbstwahrnehmung unbedingt durch die Fremdwahrnehmung zu ergänzen.

An den Stärken ansetzen

Claudia Harzer ist überzeugt, dass sich eine Analyse der Charakterstärken nur bedingt für die Personalauswahl eignet. Umgekehrt ist ihre Aussagefähigkeit für den Einzelnen über die Chancen, in diesem oder jenem Beruf glücklich werden zu können, umso größer. Anders formuliert, wer als Altenpfleger nicht vergeben mag, wer als Manager nicht führen will, wer als Lehrer nicht fair zu urteilen in der Lage ist, wer als Polizist keine Hoffnung hat, wird nur selten zur beruflichen Zufriedenheit finden. Das aber setzt zumeist eine teuflische Abwärtsspirale in Gang, an deren Ende erst mangelnde Leistungen, dann fehlende Anerkennung und am Ende das Magengeschwür oder der Berufswechsel stehen. Claudia Harzer empfiehlt deshalb, sich an seinen Stärken auszurichten. „Wir sind es viel zu sehr gewohnt, defizitorientiert vorzugehen“, warnt die Kasseler Psychologin damit vor einer Verabsolutierung des Marktes. „Das zwingt uns permanent, die Schwächen zu verringern, statt unsere Stärken zu vervollkommnen.“ Dabei kennt es jeder: Erfolge sind die Grundlage für weitere Erfolge, Niederlagen aber lassen verzagen.

Bleibt freilich eine Frage. Auf berufliche Zufriedenheit folgt nicht zwangsläufig eine große Karriere. Das ist eine Binsenweisheit. Häufig gilt sogar das Gegenteil. Es ist bekannt, Lehrer, die den hohen Anforderungen des täglichen Unterrichtens nicht gewachsen sind, fliehen oft in Funktionsstellen, in die Schulverwaltung oder ins Kultusministerium. Ärzte, denen die Empathie für ihre Patienten fehlt, streben vielfach in die Chefarztfunktion. Altenpfleger, die der Vergebungsbereitschaft entbehren, streben meist einen Job in der Heimleitung an. Warum ist das so? Wie kann es diesen Leuten gelingen, die Arbeitsprozesse und das Arbeitsumfeld so zu organisieren, dass es berufliche Höchstleistungen ermöglicht? Und was bewirkt das für die Arbeitsatmosphäre und den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens? Wie will einer, der der erforderlichen Charakterstärken ermangelt, Mitarbeiter, die genau diese benötigen, motivieren können? Auf diese und weitere Fragen sollten Unternehmen schnell Antworten finden. Der Wettbewerb könnte ihnen sonst eine bittere Rechnung präsentieren.

 

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