Carl H. Hahn – Erfolg braucht einen klaren Kompass

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2012

Er war Mister Golf. Er traf die Entscheidung für die Mehrmarkenstrategie. Er erkannte als einer der ersten europäischen Industriekapitäne die Bedeutung des chinesischen Marktes und gründete alsbald ein deutsch-chinesisches Joint Venture. Er integrierte Skoda und SEAT in den Konzern. Er erweiterte nach der Wiedervereinigung ohne Zögern die innerdeutschen Produktionsstätten um die Standorte Zwickau und Chemnitz. Mit all dem und noch vielem mehr legte Carl H. Hahn das Fundament für den heutigen Erfolg von Volkswagen und machte das Unternehmen schon früh zu einem Global Player. In dieser Zeit stand er als Vorstandsvorsitzender im Zenit seiner Karriere, wie er glaubhaft versichert, ohne sie geplant zu haben. Gründe für seinen Berufserfolg gibt es gleichwohl viele.

Carl H. Hahn hat mich in sein Büro im Gebäude des einst von ihm initiierten Kunstmuseums Wolfsburg eingeladen. Dort empfängt mich ein Mann, reich an Jahren, dazu mit wachen Augen und scharfem Verstand, freundlich und zugewandt wie eh, einer der seine Worte wägt, ohne indessen um den heißen Brei herumzureden. Womit sich sein beruflicher Erfolg erklären lasse, möchte ich von ihm wissen, und was junge Menschen am Anfang ihres Berufslebens davon lernen könnten. „Darüber rätsele ich auch“, sagt er und lacht sein jugendlich schelmisches Lachen, das ansteckt.

Neugier auf die Welt

Carl H. Hahn (Foto: privat)

Carl H. Hahn (Foto: privat)

Lieber erzählt er von seinen Berufswegstationen – und nach zwei Stunden, am Ende unseres Gespräches weiß ich, das ist die viel genauere Erklärung. Gewiss ist manches den damaligen Umständen geschuldet und lässt sich heute nicht wiederholen. Anderes aber, zeigt Hahn sich überzeugt, verliere seine Gültigkeit nicht. „Die Werte des zwischenmenschlichen Zusammenhalts sind permanente Werte, von den Zeiten unabhängig.“ Zwar mag das für moderne Ohren wie aus der Zeit gefallen klingen, doch der Grand Old Man des deutschen Automobilbaus ist sich dessen sicher. Auch wenn er vor den veränderten Anforderungen einer zunehmend globalisierten Wirtschaft nicht die Augen verschließt. Erfolgreiches Management aber sei heute wie in der Vergangenheit ohne gegenseitiges Vertrauen, ohne Glaubwürdigkeit, ohne Fairness und Verlässlichkeit innerhalb des eigenen Unternehmens ebenso wie gegenüber Geschäftspartnern nicht möglich. Wer sollte es wohl besser wissen als er?

Carl Horst Hahn wuchs in einer industriellen Welt auf. Sein Vater, ein Ingenieur, hatte gerade die Auto Union, heute Audi, mitgegründet. Was Hahn von anderen mit gleichem familiärem Hintergrund unterschied und Zeit seines Lebens auszeichnete, war seine unstillbare Neugier – auf alles, was die Welt besser verstehen half. Die Gespräche der Eltern, bei denen es oft um geschäftliche Dinge ging, sog er auf, auch wenn der kleine Knirps noch nicht jeden Zusammenhang verstand. Bei den Besuchen der Produktionshallen, zu denen ihn der Vater öfter mitnahm, konnte er sich kaum satt sehen. Hahn studierte Wirtschaftswissenschaften in England, Deutschland und der Schweiz sowie Politikwissenschaften in Frankreich.

Aus Selbstbewusstsein in die eigene Stärke wächst Mut

Als sein Vater nach dem Krieg mit dessen langjährigem Mitstreiter Richard Bruhn und einem kleinen Team daran ging, die Auto Union zu neuem Leben zu erwecken, gab es in den Wirren jener Jahre so manche Herausforderung auch für ihn. Wie laut sein Herz dabei geschlagen haben mag, darüber schweigt er. Ohne eine gehörige Portion Mut, die im Selbstbewusstsein der eigenen Leistungsfähigkeit gründet, aber ging es wohl nicht. Noch so eine Eigenschaft, die den Manager Hahn kennzeichnete.

1972 schien Hahns Karriere, er war gerade 46 geworden und Vertriebsvorstand in der Wolfsburger Zentrale, schon wieder beendet. Er schied wegen Strategiedifferenzen mit dem Vorstandsvorsitzenden, so die offizielle Verlautbarung, aus dem Unternehmen aus. Hahn formuliert es heute weniger verklausuliert: „Es war ein Rausschmiss.“ Zwar erhielt er bald ein Angebot vom Hannoveraner Reifenhersteller Continental, dort den Vorstandsvorsitz zu übernehmen. Doch das kam eher einem Himmelfahrtskommando gleich als es ein Karrierefortschritt war. Denn Continental stand kurz vor der Pleite. Freunde rieten ihm ab, aber Hahn nahm an. Nicht allerdings ohne zuvor Chancen und Risiken eingehend analysiert und gegeneinander abgewogen zu haben. Zur ungeprüften Nachahmung mag er sein damaliges Handeln dennoch nicht weiterempfehlen.

Erfahrung und immer wieder Erfahrung

50 Millionen Volkswagen - Carl H. Hahn auf dem Höhepunkt (Foto: Volkswagen)

50 Millionen Volkswagen – Carl H. Hahn auf dem Höhepunkt (Foto: Volkswagen)

Seine Familie sah ihn in dieser Zeit nur selten. Dabei hätten ihn seine Kinder dringend gebraucht. „Ein Lehrer“, erinnert er sich, „sagte zu meiner Tochter: spätestens in vier Monaten ist Conti bankrott.“ Hahn brauchte zur Restrukturierung viel Geld, was das Unternehmen nicht hatte, und die Banken zögerten. Hahn legte eine Wandelanleihe auf. Die Währung eines solchen Finanzinstrumentes für die Geldgeber, Ökonomen wissen das, heißt einzig Vertrauen. Und Hahn erhielt es. Sein Konzept überzeugte. Alle namhaften deutschen Automobilbauer zeichneten die Anleihe, nach dem sie Conti zuvor schon verloren gegeben hatten. Hahn gewann nach hartem Einsatz und Volkswagen trug ihm knapp zehn Jahre später den Vorstandsvorsitz in Wolfsburg an.

Selbstverständlich benötige ein Manager eine erstklassige Ausbildung, gibt Hahn zu. Ohne die gehe es nur ganz selten. Er selbst immerhin schloss sein Studium der Politikwissenschaften an der École des Sciences Politiques in Paris als einer der besten ab und promovierte 1952 in Bern an der volkswirtschaftlichen Fakultät. Dann aber heiße es, durch Erfahrung zu lernen. Und das setze das Tun voraus. „Ein Manager lebt vor allem von seinen Instinkten und die sind die Summe der akkumulierten Analysen seiner Erfolge und Misserfolge“, heißt Hahns Philosophie. Von Managern, die viele Berater nur dafür bezahlen, jeden Tag mindestens einmal in der Zeitung erwähnt zu werden, hält er deshalb wenig.

Teamfähigkeit und Bescheidenheit

Natürlich gehöre auch das berühmte Quäntchen Glück zu einer großen Karriere, blickt Hahn mit Demut auf seinen Weg zurück. Die Zulassung an der Pariser Elitehochschule war so eine Fügung. „Ich sprach nur drei Worte Französisch“, erzählt er. „Da war ich froh, als einziger Bewerber mit deutschem Pass von der sonst unabdingbaren Aufnahmeprüfung frei gestellt zu werden.“ Zur Examensfeier löste der Rektor das Rätsel auf seine Nachfrage hin auf. Er sei in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen, beschied er dem jungen Diplomanden. Hahn hat das bis heute nicht vergessen. Schließlich hätte die Entscheidung gerade deswegen auch ganz anders ausfallen können.

Die Arroganz von Herkunft und Beruf ist dem Manager Hahn genau so fremd wie dem Menschen Hahn. Er sucht den Kontakt zu seinen Wolfsburger Mitbürgern, wann immer sich dazu die Gelegenheit bietet. Zuhören, hinschauen, nachdenken und dann erst handeln, alles gewürzt mit einer Prise Humor, in dieser Reihenfolge führte der Topmanager Hahn – mit außerordentlichem Erfolg. Darüber hinaus verstand er sich immer als Teamplayer. „Ich habe stets auf Dialog und gegenseitige Achtung gesetzt“, sagt der Mann, der in allen Stationen seines langen Berufslebens als Mann der leisen Töne galt. Und auch darin bestätigt ihn der Erfolg. Führung bedeutete für den bekennenden Perfektionisten stets,  seinen Mitarbeitern Räume für die Entwicklung intelligenter Lösungen zu geben.

Manager sind wie Hochleistungssportler

Carl H. Hahn im Gespräch mit Michail Gorbatschow (Foto: Volkswagen)

Carl H. Hahn im Gespräch mit Michail Gorbatschow (Foto: Volkswagen)

Carl H. Hahn ist das, was man gemeinhin einen weltläufigen Menschen nennt. In seiner Studentenzeit war es noch etwas Außergewöhnliches, ins Ausland zu gehen. Hahn schaffte es dennoch. „Ich wollte die Welt kennenlernen“, erklärt er, „auch wenn für uns damals die Welt noch an den Grenzen Europas endete.“ Hahn studierte in Zürich, Bristol und dann Paris. Danach kamen Berufsstationen bei Fiat in Turin, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris, später mehrere Jahre bei Volkswagen America hinzu, wo er auch seine Frau kennenlernte und wo die Verkäufe unter seiner Leitung auf 600.000 Fahrzeuge gesteigert werden konnten. „Ein Manager heute muss in der Welt zu Hause sein“, lautet sein Credo. „Und sprachlich sollte man in der Lage sein, in den wirtschaftlichen Machtzentren kommunizieren zu können.“ Dabei denkt er besonders an China, Russland und die spanischsprachigen Länder.

Ich stelle eine letzte Frage, die, wie Manager mit ihrer Macht umgehen. „Die Macht des Managers ist sein Erfolg“, lautet die knappe nüchterne Antwort. Bleibe der aus, entgleite auch die Macht. Erfolge aber beruhten auf den besseren Analysen und den zutreffenden Argumenten sowie den richtigen Entscheidungen. Das erfordere jedem Manager höchsten Einsatz und vollste Konzentration ab. So ähneln Topmanager wohl Hochleistungssportlern, die sich immer wieder mit den besten ihrer Disziplin messen müssen, voneinander lernen möchten und im Wettkampf bestehen wollen.

Überraschend verbindet Hahn das mit einer sehr bodenständigen Interpretation der Rolle eines Managers. „Wir verwalten das Kapital einer Gesellschaft“, formuliert er die. „Und unser Auftrag lautet, es zu mehren.“ Das aber gehe weit darüber hinaus, lediglich die Höhe des Papiergeldberges weiter wachsen zu lassen. „Aus Kapital müssen Manager mit viel Kreativität neue Arbeitsplätze, also Existenzgrundlagen schaffen. Gelingt uns das nicht, hätten wir versagt.“ Hahn fühlt sich auch in seinem Ruhestand noch immer mitverantwortlich. Und gibt das bis in diese Tage in unterschiedlichen Funktionen an zahlreichen Hochschulen und Business Schools an den Nachwuchs weiter. Für den nächsten Tag ist bereits der Flug nach Madrid gebucht. Das internationale Beratergremium des Instituto de Empresa, Business School, hat eingeladen.