Career Service – Die Wegweiser in den ersten Job

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2018

Die Verleihung der Bachelor- und Masterurkunden ist für Studierende der Abschluss eines langen Weges. Mit der Freude über das Erreichte verbindet sich aber oft genug die bange Frage, wie wohl der Übergang in den Beruf gelingt. Es ist ein Schritt, den viele ungeduldig herbeisehnen, vor dem sich andere ängstlich fürchten, der für alle gleichwohl unvermeidlich wird. Angebote zur Hilfe für diesen Schritt gibt es zahlreiche: von Eltern, Freunden, Bekannten und Alumnis, von der Bundesagentur für Arbeit, von privaten Personalberatungen, auch von den Personalrecruitern der Unternehmen. Keiner aber ist so nah an den Absolventen und so nachdrücklich einer ergebnisneutralen Beratung verpflichtet wie die hochschulischen Career Services. Mehr als die Hälfte aller deutschen Hochschulen besitzen inzwischen eine solche Serviceeinheit. Auch wenn sie in Reichweite und Akzeptanz noch nicht an ihre US-amerikanischen Vorbilder heranreichen, lohnt doch der Weg zu deren Beratern. Immer mehr Studierende gehen ihn deshalb. Der gebürtige Schleswig-Holsteiner Knud Ahlborn leitet den Career Service der Technischen Universität Braunschweig seit nun schon neun Jahren. „Wir sind eine fach- und fakultätsübergreifende Serviceunit“, erklärt er mir zu Beginn unseres Gespräches.

Knud Ahlborn leitet den Career Service der TU Braunschweig (Foto: privat)

Diese organisatorische Verankerung teilen die Braunschweiger mit den meisten ihrer Kollegen und Kolleginnen an den anderen bundesdeutschen Hochschulen. Im Career Service der TU Braunschweig arbeiten neben Ahlborn noch drei Teilzeitbeschäftigte und eine studentische Hilfskraft. Zusammen sind sie zuständig für 20.000 Studierende. Knud Ahlborn und seine Mitarbeiter klagen darüber nicht. Für den Außenstehenden erinnert das Zahlenverhältnis freilich an den biblischen Bericht über die Speisung der 5.000 mit nur wenigen Broten und Fischen. Und auch da sind sich die Theologen inzwischen einig, es handele sich um eine Allegorie und keinen Tatsachenbericht. Ansonsten aber zeichnen sich die Career Services vor allem durch eine beinahe unüberschaubare Vielfalt aus. In Braunschweig ist Knud Ahlborn Ansprechpartner für Studierende, Absolventen, Promovenden, Postdoktoranden und sogar Young Professionals, also ehemalige Studierende mit ein bis zwei Jahren Berufserfahrung. Ahlborns Auftrag: Er soll die Berufsfähigkeit dieser Zielgruppen optimieren helfen.

Arbeitsmarkt früh in den Blick nehmen

In allen seinen Tätigkeiten, seien das Einzelgespräche, Informationsveranstaltungen, Workshops oder die Organisation von Mentoringprogrammen, ist Ahlborns Berufs- und Arbeitsmarktexpertise gefragt. Denn stets geht es darum: Wo kann ich mein Wissen und meine Kompetenzen beruflich einbringen und wie finde ich (m)eine erste Stelle? Umgekehrt gilt es bei seinen zahlreichen Unternehmenskontakten, die von den potentiellen Arbeitgebern gewünschten Qualifikationsprofile präzise erfassen zu können. In beiden Fällen macht es sich deshalb gut, über eigene Berufserfahrungen außerhalb des Universitätsbetriebes zu verfügen. Ahlborn, Historiker und Nordamerikanistikexperte, hat sie, nationale wie internationale. Und genau deswegen weiß er, dass es allein mit dem Hinweis auf dieses oder jenes Unternehmen, das aktuell Hochschulabsolventen der Fachrichtung seines jeweiligen Gegenübers sucht, nicht getan ist. „Das ist zwar das Ziel“, sagt er, „individuelle Zufriedenheit am Arbeitsplatz und längerfristiger Erfolg am Arbeitsmarkt werden aber eher durch umfassende Berufsorientierung und eine sehr genaue Selbstanalyse  erreicht.“

Am liebsten sind Knud Ahlborn deshalb die Studierenden, die schon im zweiten oder dritten Semester ihres Bachelorstudiums zu ihm kommen. Denn da bleibt dann noch genug Zeit für all das, was mit Blick auf einen optimalen Übergang vom Studium in den Job gut überlegt sein will. „Nur von früh bis spät im Hörsaal zu sitzen“, formuliert der Leiter des Career Service locker, „reicht da nicht.“ Obschon er das dort vermittelte Fach- und Methodenwissen auch weiter für wichtig erachtet. Für den Weg in den Beruf aber gewinne paralleles Handeln und strategisch-perspektivisches Denken Vorrang. Vor den Antworten hat Ahlborn deshalb viele Fragen an die, die seinen Rat suchen. Welche besonderen Begabungen und Kompetenzen, welche Potentiale schlummern in dir? Was sind deine Interessen? Welche Art des Arbeitens liegt dir? Welche Fragen und Dinge faszinieren dich? Was für eine Unternehmenskultur suchst du? Welchen Platz in der Gesellschaft strebst du für dich an?

Chancensuche statt besserwisserischer Ratschläge

Gruppenveranstaltung – Gemeinsam ist besser als einsam (Foto: TU Braunschweig)

Dass da einer Fragen stellt, bevor er Informationen gibt, dass sich da einer als Sparringspartner anbietet, statt mit Führungsstärke die Richtung vorzugeben, mag so manchen Studierenden überraschen. Knud Ahlborn aber weiß, was er tut, und ist überzeugt, nur auf diese Weise nachhaltig helfen zu können. „Ich möchte als erstes erreichen, den Blick zu weiten und sich seiner Ziele bewusst zu werden“, erklärt er mir. „Mein Bestreben ist es, sowohl die Zahl als auch die Qualität der Chancen zu erhöhen. Ich möchte erreichen, dass Studierende in der Lage sind, ihre Berufsbiografie aktiv (mit)gestalten zu können.“ An diesem Punkt freilich klaffen Wunsch und Wirklichkeit derzeit noch weit auseinander. Denn die Kontaktaufnahme zum Career Service erfolgt in zu vielen Fällen viel zu spät. Wenn Knud Ahlborn sich deshalb etwas wünschen dürfte, wäre es die curriculare Verankerung eines Moduls „Berufsorientierung & Karrierevorbereitung“ in den Bachelorstudiengängen. Er weiß freilich, dass es dafür noch eines langen Atems bedarf.

Während die Hochschulen zur Studienberatung von Studierenden und Studieninteressenten gesetzlich verpflichtet sind, sucht man in den Hochschulgesetzen der Länder nach entsprechenden Vorgaben für die Aufgaben der Career Services  bislang vergeblich. Zur Begründung der fehlenden Verpflichtung zu einer Studienausgangsberatung verweisen die Wissenschaftsminister beharrlich auf die Vermittlungsdienste der Bundesagentur für Arbeit. Dass deren Teams „Akademische Berufe“ sowohl bei den Studierenden wie in den Recruitingabteilungen der Unternehmen ein denkbar schlechtes Vermittlerimage genießen, ficht sie dabei nicht an. Aber natürlich ist klar, es geht um Planstellen, Kosten und Finanzierungsmöglichkeiten. Also bleibt Knud Ahlborn nur die Macht des Arguments. „Ich erkenne in meiner Hochschule eine zunehmende Sensibilisierung für dieses Thema“, gibt er sich hoffnungsvoll. Tatsächlich dürfen Hochschullehrer heute nicht allein mehr in den Kategorien von Wissenschaft und Forschung denken, sondern haben auch dafür Sorge zu tragen, Studierende berufsfähig zu machen.

Perspektivenwechsel erhöht Erfolgschancen

„Die aber schließt zwingend einen persönlichen Reifeprozess ein“, betont Ahlborn. Und macht deutlich, dass die Unterstützung auf dem Weg dahin genau in seine und seiner Mitarbeiter Kompetenz fällt. Tatsächlich besitzt kaum eine hochschulische Funktionseinheit so viel Kenntnis von beiden Welten. Von der der Hochschule, die die Studierenden früher oder später verlassen müssen, und von  der der Unternehmen, in die sie hinein wollen. Die Funktion der Career Services an dieser Schnittstelle kommt einer Drehtür gleich. Immerhin wollen Ahlborn und seine Kollegen den Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen die Wege in den Beruf frei machen. Was Ahlborn gelernt hat, was eine seiner wichtigsten Kompetenzen ausmacht, ist der stete Perspektivenwechsel. Dafür möchte er auch die Studierenden und Absolventen gewinnen. „Eine Bewerbung wird schließlich nur dann erfolgreich“, weiß Ahlborn nach vielen Jahren im Career Service, „wenn sie aus dem Blickwinkel dessen geschrieben ist, der Mitarbeiter für ein ganz spezielles Stellenprofil sucht.“

Auch Unternehmensexkursionen gehören zum Portfolio des Career Service – Hier: Exkursion zur Firma Assmann (Foto: TU Braunschweig)

Sein eigenes Beispiel bestätigt die Richtigkeit dieser „Philosophie“. Als Historiker und Regionalwissenschaftler konnte der Leiter des Career Service in Braunschweig außerhalb der Forschung, die er nicht anstrebte, schließlich vor allem mit seinen ausgewiesenen Transferkompetenzen punkten. „Das allein aber ist für meinen Job noch nicht ausreichend“, weiß er. Da braucht es auch die Fähigkeit, Beratungsgesprächen den Charakter einer Aufforderung zu geben, Argumente auf ihre Sinnhaftigkeit überprüfen und anschließend selbst aktiv werden zu wollen. „Ratschläge, und seien sie noch so gut gemeint, lösen keine Probleme“, sind die Erfahrungen Ahlborns. Angesichts der derzeitigen organisatorisch eher ungeschützten Verankerung der Career Services werden darüber hinaus noch einige andere Fähigkeiten wichtig: Strukturen „lesen“ und strategisch denken zu lernen, „natürliche“ Partner zu finden, Handlungsspielräume zu nutzen.

Nachdenken kommt vor dem Tun

So pflegt Knud Ahlborn für die Analyse persönlicher Potentiale enge Kontakte mit dem Institut für Psychologie der Technischen Universität, zu den Fakultäten wie zur Zentralen Studienberatung, für den Erfahrungsaustausch mit bereits berufstätigen Ehemaligen zu Studenteninitiativen, für Studienzweifler mit den jeweiligen Fachbereichsberatern. Vor allem aber nimmt sich Ahlborn Zeit für seine Klienten. Für Einzelgespräche plant er bis zu neunzig Minuten ein. Auch für eventuell notwendig werdende Folgegespräche steht er zur Verfügung. Immer begegnen die Studierenden dann einem Mann, der Fach- und Methodenkompetenz mit Persönlichkeit und Empathie zu verbinden weiß. Der, wenn er es für geboten hält, sich auch gegen den Mainstream stellt. „Blinder Aktionismus führt zu nichts“, ist er überzeugt. Und kann dies bei allen seinen Kontakten gut begründen, auch bei denen, wo man ihm zur Erklärung seiner Argumente nicht viel Zeit lässt. „Ein präzises Ausdrucksvermögen hilft, hinter die Fassade der Dinge zu führen.“ Die Kunden des Braunschweiger Career Service wissen das zu schätzen.