Berufsberatung – Strategien für eine tragfähige Berufswegplanung

Von Rainer Hoppe | 15. Mai 2017

Rainer Hoppe (Foto: privat)

Rainer Hoppe (Foto: privat)

Zum Autor: Rainer Hoppe arbeitet seit 1986 als Berufsberater für Abiturienten in der Agentur für Arbeit Vechta. Zuvor studierte er Sozialwissenschaften mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt und Literaturwissenschaften an den Universitäten in Münster und Osnabrück und schloss als Diplom-Sozialwirt ab. Während des Studiums war er u.a. Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) der Universität Osnabrück. Darüber hinaus engagierte er sich als studentischer Vertreter  in den Gründungskommissionen der Universität Osnabrück für die Studiengänge Wirtschaftswissenschaften und Jura sowie im Verwaltungsrat des Studentenwerks Osnabrück.

 

Immer wieder lese ich in Internetforen kritische Beiträge über die Berufsberatung. Da wird über skurrile Berufsempfehlungen geklagt, über Unfreundlichkeit und mangelnde Professionalität. Gewiss, wo gearbeitet wird, werden auch Fehler gemacht. Aber in dieser Häufung? Ich bin überrascht. Andererseits fällt mir keine Begründung ein, aus welchem Interesse die Foristen die Berufsberatung systematisch verunglimpfen sollten. Ich suche nach Erklärungen. Die erste: Wahrscheinlich nehmen Außenstehende jedes Gespräch mit einem Mitarbeiter der Arbeitsagentur als Berufsberatungsgespräch wahr. Auch das Gespräch bei einem Arbeitsvermittler, der für schon berufserfahrene Arbeitslose zuständig ist und diese in eine neue Beschäftigung vermittelt. Die zweite Möglichkeit: Die Berufsinformationszentren (BIZ) der Arbeitsagenturen verfügen über ein hohes Besucheraufkommen. Die Mitarbeiter müssen viele Auskünfte geben. Eine Berufsberatung aber bieten sie nicht an.

Damit die dritte Erklärung, die die Berufsberatung selbst betrifft. Berufsberater offerieren in den Schulen Sprechstunden und in den Agenturen Bereitschaftsdienste für kurze Clearinggespräche, Informationen und Auskünfte, an den Hochschulen Kontakte vor allem für potentielle Studienabbrecher. Eine Berufsberatung ist aber auch das alles noch nicht. Das gilt ebenso für die regelmäßigen gruppenorientierten Informations- und Orientierungsveranstaltungen in den Schulen wie in den Berufsinformationszentren. So wird klar, Gelegenheiten für Missverständnisse und Verwechslungen gibt es zahlreiche! Umgekehrt wird aber auch deutlich, die Erwartungen an Berufsberatung und Berufsberater sind hoch. Was also kann Berufsberatung? Was sollte sie können, was muss sie können? Meine Antwort: Alles, nur nicht jemanden sagen, was er denn nun machen kann/soll/muss …

Helfer für Weitblick und Umsetzung

Doch wenn nicht das, was macht sie dann? Berufsberater helfen Menschen über die Analyse der eigenen Interessen, Fähigkeiten, Wünsche aber auch Träume auf der einen Seite, durch die Vermittlung von für sie relevanten Informationen auf der anderen Seite und durch eine systematische Heranführung an eine selbständige Entscheidungsfindung den eigenen Weg in das oder eine Neuorientierung im Berufsleben zu finden. Oftmals nicht nur für den ersten Schritt, sondern immer wieder auch durch eine langfristige Betrachtung von Perspektiven, die über die Realisierung der ersten Entscheidung weit hinausgeht. Berufsberater müssen bei jedem Gesprächspartner neu und auf die Individualität der einzelnen Person ausgerichtet den Spagat zwischen strategischem Weitblick und kleinteiliger Umsetzung leisten. Das ist ebenso spannend wie schwierig. Immerhin ist die Berufsplanung stets Teil von ganzheitlichen Lebensentwürfen.

Da die Wege sehr vielfältig und die Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten auch für Berufsberater beinahe unüberschaubar sind, gibt es für verschiedene Personengruppen jeweils spezialisierte Fachkräfte. Es gibt Berufsberater für Schüler der Sekundarstufe I, Berater für Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Leistungsminderung sowie Berater für den Bereich der Sekundarstufe II und für Studierende, offiziell Berater für akademische Berufe genannt. In diesem Artikel werde ich mich auf diese Beratergruppe beschränken. Berufsberatung beginnt angesichts deren Bedeutung sehr früh, aus Sicht von Schülern oftmals viel zu früh. Und natürlich weiß kaum einer so gut wie die Berufsberater, dass Berufsberatung keine ausschließlich theoriegeleitete Wissensvermittlung ist. Berufsberatung braucht die persönliche Betroffenheit dessen, der eine Entscheidung über das Wohin nach der Schule zu treffen hat.

Allgemeingültige Informationen individualisieren

An manchen Schulen begleiten Berufsberater Schulpraktika, erklären einschlägige Informationsmedien. In einer ersten Orientierungsveranstaltung, meist im Kurs- oder Klassenverband, in der Regel knapp zwei Jahre vor dem Schulabschluss, bekommen alle Schüler einen umfassenden Überblick über alle Wege vermittelt, die ihnen nach der Schule offen stehen. Hier wird über die verschiedenen Möglichkeiten eines Studiums (dual, an Fachhochschulen und Universitäten) ebenso informiert wie über betriebliche und schulische Ausbildungswege. Aber auch Überbrückungsmöglichkeiten zwischen Schule und einer Ausbildung oder einem Studium werden vorgestellt. Sehr wichtig werden diese Veranstaltungen mit Blick auf die insbesondere für betriebliche und schulische Ausbildungen sowie duale Studienplätze oft frühen Bewerbungstermine. Und auch viele Überbrückungsalternativen im In- und Ausland haben längere Vorlaufzeiten.

Zu Beginn des vorletzten Schuljahres erhalten alle Schüler, überreicht durch ihre Schulen, aber herausgegeben und finanziert durch die Kultusministerkonferenz und die Bundesagentur für Arbeit, die Informationsbroschüre „Studien- und Berufswahl“ kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Publikation erscheint inzwischen in der 46. Auflage. Dieses Buch enthält eine schriftliche Aufführung aller Möglichkeiten, die sich nach der Schule bieten, verbunden mit sehr umfassenden Adressenlisten. In diesem Buch werden auch alle mehr als 10.000 verschiedenen grundständigen Studienalternativen, systematisiert in 120 verschiedene inhaltliche Studienrichtungen, vorgestellt und erläutert. Die Beschäftigung mit diesem Buch lohnt sich! Ich gebe zu: Ich mag es sehr gerne, aber ich weiß auch, dass es im ersten Moment auf viele unübersichtlich wirkt. Deswegen erkläre ich es auch gerne und immer wieder!

Soziales Umfeld in den Entscheidungsprozess einbeziehen

Berufsberatung bietet, je nach Agentur, personeller Ausstattung und  Arbeitsschwerpunkten der Berater unterschiedliche Informationsformate an. Das reicht von Orientierungsveranstaltungen an Schulen und Hochschulen, geht über Messebeteiligungen, zielgruppenspezifischen Veranstaltungen in den Berufsinformationszentren (BIZ) bis hin zu Elternabenden oder auch Beteiligungen an mehrtätigen Seminaren in freien Bildungseinrichtungen. Hier geht es nicht nur darum, Ideen anzuregen, vielfältige Informationsquellen vorzustellen oder auch Kontaktmöglichkeiten zwischen Besuchern und den Referent anzubahnen. Ziel dieser Veranstaltungen ist stets, die eigene Berufswahl als einen Prozess, als ein Werden mit individuellen Höhenflügen und manchmal auch schmerzhaften Abstürzen deutlich werden zu lassen. Je mehr ich mich informiere, desto vielfältiger werden meine Möglichkeiten!  Desto schwieriger wird eine Entscheidung …

Für mich als Berufsberater sind diese Veranstaltungen für Schüler und Eltern immer wichtiger geworden. Die Zeiten, in denen Schüler ihre Entscheidungen über ihre Zukunft oftmals gegen die Eltern getroffen haben, sind längst vorbei. Eltern, das zeigen alle Untersuchungen der letzten Jahre, sind die wichtigsten Ratgeber und Verbündeten bei der Studien- und Berufswahl. Zuhause wird ein einvernehmliches Miteinander  praktiziert. Die Zeiten haben sich allerdings verändert. Nichts ist heute noch so, wie es zu den Zeiten war, als die Eltern ihre Studien- und Berufswahlentscheidungen getroffen haben. Viele Berufe haben sich verändert. Viele der damaligen Berufe gibt es heute nicht mehr. Im Studium sind an die Stelle der früheren Magister- und Diplom-Abschlüsse Bachelor und Master getreten. Die Studienorganisation und die Studieninhalte besitzen ein neues Gepräge.

Menschen sprachfähig machen

Damit Eltern ihren Kindern ein kompetenter Gesprächspartner sein können, benötigen auch sie Hilfe, um informationell up to date zu sein. Die Besucherzahlen der von mir bis auf die Ferienzeiten monatlich im BIZ angebotenen Informationsabende zeigen, wie groß der Bedarf ist. Vechta, dort wo ich arbeite, ist keine Großstadt. Wir sind nur eine kleine Agentur und unser Bezirk liegt in einer Fläche mit lausigem öffentlichen Personennahverkehr. Trotzdem kommen jedes Mal zwischen 60 bis 90 Schüler mit ihren Eltern. Gleichwohl bleibt die tragende Säule der Berufsberatung das auf Wunsch des Ratsuchenden vereinbarte individuelle und für einen festen Zeitrahmen von 45 Minuten vereinbarte Beratungsgespräch. Das oft nicht nur ein einziges Gespräch bleibt, weil Berufswahl ein dynamischer Prozess in Etappen und einer immanenten Entwicklung ist. Auch an diesen Gesprächen nehmen immer mehr Eltern teil, ist eine Erfahrung aller Berufsberater.

Mir persönlich sind vor allem Schüler lieb, die das Gespräch mit der Erkenntnis beziehungsweise mit dem Bekenntnis beginnen, sie wüssten noch gar nicht, wie es nach der Schule weitergehen könne. Da ist dann Berufsberatung von Anfang an gefordert! Und meist stellt sich schnell heraus, dass Vorstellungen, Ahnungen, Vorlieben und Abneigungen doch längst vorhanden sind, man sie nur noch nicht verbalisieren konnte. Manche Schüler aber haben auch schon konkretere Vorstellungen („Nichts mit Mathe …“), manche haben sehr konkrete Fragen („Bei welchen Firmen/Unis kann ich mich wann bewerben?“). Egal wie, für alle Gespräche gilt uneingeschränkt die Maxime, der Schüler, nicht der Berufsberater, bestimmt den Inhalt der Beratung. In den „von ganz vorne“ beginnenden Beratungen geht es regelmäßig darum, Interessen und Fähigkeiten zu erkunden, aber auch Wünsche und Träume für die Zukunft zu ergründen

Träume Grundlage aller Berufsplanungen

Ich stelle dabei immer öfter fest, dass es Ratsuchenden zunehmend schwerer fällt zu träumen. Woran liegt das? Gar nicht selten geht es auch darum, Vorurteile als solche zu erkennen und von Urteilen zu unterscheiden. In einem vertrauensvollen Gespräch kommt es aber genauso oft vor, über individuelle Sorgen und Ängste zu reden, mehr noch ihren Einfluss auf eine so weitreichende Entscheidung wie die Berufswahl deutlich zu machen. Muss ein Kind aus einer Akademikerfamilie ebenfalls unbedingt studieren, wo es doch lieber Tischler werden möchte? Oder wie fühlt es sich an, als erstes Familienmitglied eines Facharbeiterhaushaltes sich für den Weg an die Uni zu entscheiden? Genau in dieser Art der Fragestellung sehe ich den Unterschied zwischen der Berufsberatung der Arbeitsagenturen und den Studienberatungen der Hochschulen. Mein Freund Martin Scholz hat im letzten „Berufsreport“ die Arbeit der Studienberatungen vorgestellt (siehe: „Zentrale Studienberatung“).

Danach befassen sich die Studienberater der Hochschulen viel stärker mit bereits konkreten Studieninteressen sowie der Verwertbarkeit des Studiums am Arbeitsmarkt. Berufsberatung ist dagegen durch eine eher strategische Ausrichtung gekennzeichnet. Berufsberater müssen Antworten für eine langfristige Lebens- und Entwicklungsplanung finden. Deren Konkretisierung wird in der Regel in einem aktuellen Berufs- oder Studienwunsch einmünden, muss darüber hinaus aber stets auch „erweiterbar“ bleiben. Die Zugehörigkeit zur Arbeitsverwaltung sowie das hauseigene Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) garantieren den Berufsberatern die enge Verbindung zum Arbeitsmarktgeschehen. Diesen Vorteil besitzt keine andere Beratungsinstitution. Während die Berufsberater aber auch dem Arbeitsmarktausgleich von Nachfrage und Angebot verpflichtet sind, genießen Studienberater die im Grundgesetz festgeschriebene Autonomie der Hochschulen.

Nur Entdecker finden Weg und Richtung

Ich beobachte oftmals ein gewisses Konkurrenzverhältnis zwischen den Studienberatern der Hochschulen und den Berufsberatern der Arbeitsagenturen. Das bedauere ich. Denn trotz einer unterschiedlichen Aufgabenstellung, verbinden uns viele Gemeinsamkeiten. So stehen alle Berater da wie dort im Dienste ihrer Ratsuchenden, die das Geschehen bestimmen. Berufs- wie Studienberater müssen unbändig neugierig, müssen Abenteurer und Entdecker sein, müssen damit also Eigenschaften besitzen, die man gemeinhin nicht mit einer Beschäftigung im öffentlichen Dienst verbindet. Sie müssen Lust haben, gemeinsam mit den Menschen, die zu ihnen kommen, neue Wege in bislang unbekanntes Gelände zu erkunden. Deshalb benötigen Studien- wie Berufsberater ein gerüttelt Maß an Berufs- und Lebenserfahrung. Am besten aus dem wirklichen Leben! „Schornstein“-Karrieren nur in einer Verwaltung oder nur in der Hochschule sind deshalb meiner Meinung nach eine völlig unzureichende Vorbereitung auf die Beratertätigkeit.

Und natürlich sollte jeder Berater über Solidarität und Empathie gegenüber den Menschen verfügen, die seiner Hilfe(n) bedürfen. Schließlich kommen nur die wenigsten Ratsuchenden zu uns, um sich und ihre Ansichten bestätigen zu lassen. Vielmehr suchen sie ein Echo darüber, ob der angedachte Weg gangbar ist und welche Pfade es abseits der Hauptwege gibt. Das Internet hat es nicht einfacher gemacht. Tausende Seiten mit mehr oder minder spannenden Angeboten locken, viele Seiten versprechen das Beste, manche auch das Blaue vom Himmel. Die Ratsuchenden erwarten darüber hinaus Alternativen. Was ist genauso gut, vielleicht besser, aussichtsreicher, bisher aber meinem Blick entgangen? Und sie wünschen sich Reflektionen, ob der angedachte Weg zu den vorhandenen Interessen und Fähigkeiten oder Abneigungen passt. Hier sind die professionellen Kenntnisse der BeraterInnen gefragt!

Argumentieren, nicht schwätzen

Wer also als Berufsberater tätig ist, sollte nicht nur wissen, dass ein Zahntechniker sehr viel Feinhandgeschick benötigt, auch das Allergierisiko sollte ihm bekannt sein. Und wer über Studiengänge beraten möchte, sollte die qualitativen und quantitativen Unterschiede  der zu erwartenden Mathematik in einem Maschinenbau-, Psychologie- oder wirtschaftswissenschaftlichen Studium kennen. Hier jeweils nur zu behaupten, „dafür benötigt man viel Mathematik!“ würgt jede Beratung in einem frühen Stadium ab. Genaue Kenntnisse der Berufe und Studiengänge, ihrer Genese und Entwicklungsgeschichten sind dafür ebenso nötig wie sichere Struktur- und Politikkenntnisse. Wie entstehen Berufe? Wer kann wann und wie hierauf Einfluss nehmen? Wie funktioniert eine Hochschule? Wie und nach welchen Gesichtspunkten entstehen oder verschwinden Studiengänge?

Bleiben wir angesichts der Tatsache, dass sich inzwischen mehr als jeder zweite Abiturient für ein Studium entscheidet, noch einen Augenblick bei den Hochschulen. Die Universität Lüneburg, zuletzt wegen ihres spektakulären und vom Stararchitekten Daniel Libeskind entworfenen Neubaus in den Schlagzeilen, ist gegenwärtig die einzige staatliche Hochschule, die ihren Studierenden eine umfassende Studieneinführung und –orientierung gewährt. An den Hochschulen des Mittelalters war das Aufgabe der sogenannten Artistenfakultäten. Hier erlernten die Studieninteressierten nicht etwa den Flickflack, sondern das Handwerkszeug, das sie für ein Studium benötigten. Das war die Sprache, damals natürlich Latein als Lingua Franca, heute von Englisch abgelöst. Dann Mathematik. Ja, auch damals schon ging nichts ohne Mathe. Weiter die Astronomie. Die könnte man heute durch die Informatik ersetzen. Weiter mit Logik, Grammatik, Rhetorik und Dialektik, die wohl wichtigsten Handwerksgeräte im Studium!

Eigene Erfahrungen unverzichtbar

Wem das Wort Artisten-Fakultät zu sperrig oder fremdartig ist, nenne es einfach eine Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten! Eine kurze Renaissance erlebte das Anliegen der Artistenfakultäten in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts an den neugegründeten Reformuniversitäten. Bald aber opferten sie es auf dem Altar von Kosten und Effizienz (die Zeit, das Personal, das Geld). Die Universität Lüneburg hat diese Gedanken bislang als einzige für sich wiederentdeckt. Mit Blick auf die noch immer steigende Zahl von Studienabbrechern hat sie für mich damit ein Monument gebaut, das ich für mindestens so spektakulär halte wie den Bau von Daniel Libeskind! Es geht schließlich um mehr als nur die mathematischen Propädeutika, die von zahlreichen Hochschulen vor Studienbeginn heute angeboten werden (müssen). Es geht darum zu erlernen, wie ich an einer Hochschule arbeite, was von mir erwartet wird, wie gelernt wird. Es geht darum, möglichst früh überprüfen zu können, ob der eingeschlagene Weg tatsächlich zu mir passt.

Warum schreibe ich hierüber im Zusammenhang mit diesem Artikel? Nicht, um noch einmal die Notwendigkeit von Kenntnissen der Wissenschaftsgeschichte zu betonen. Nicht, weil ich Berater in der Rolle der Scholaren an den Artisten-Fakultäten sehe, obwohl es gewisse Ähnlichkeiten durchaus geben mag. Nein, sondern weil ich davon überzeugt bin, dass Studien- und Berufsberater qualifiziert sein müssen, Wege durch den Hochschuldschungel zu finden, nicht nur für das Studienfach, sondern auch für Arbeitsweisen, Hindernisse und erfolgversprechende Lösungsstrategien. Wer, egal ob in einer Beratung oder bei einer Informationsveranstaltung, nicht über die Notwendigkeit selbstorganisierter studentischer Arbeitsgruppen redet, wenn es um den Studienerfolg, um eine Form des Selbstmanagements oder auch gegen die Vereinzelung an einer Massenuniversität geht, der hat nicht nur etwas ausgelassen, der hat seine Arbeit nicht richtig gemacht!

Sich auf Andersartigkeit einlassen können

Das alles erfordert meiner Meinung nach zwingend, dass die Berufsberater für akademische Berufe sich auch selbst in einem wissenschaftlichen Studium an einer Universität erlebt haben müssen. Und nicht nur sich, sondern auch die Kommilitonen, die Professoren, die (eigenverantwortliche) Studienorganisation, die Hochschulverwaltung und –struktur, dazu selbstverständlich auch die dortigen Beratungseinrichtungen. Wer über die Notwendigkeit selbständigen Lernens und eigenverantwortlichen Arbeitens beraten will, muss selbst eigenverantwortlich gelernt haben! Wer würde sich schon gerne vom Pathologen statt einem berufserfahrenen Chirurgen operieren lassen. Und noch etwas kann ein Berater nirgendwo besser als an einer Universität erlernen und einüben. Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Prof. Bernhard Kempen, hat es jüngst treffend so formuliert: „Wer eine Universität betritt, muss bereit sein, mit Vorstellungen konfrontiert zu werden, die seinem persönlichen Weltbild zuwiderlaufen, und in der Lage sein, sich mit ihnen sachlich auseinanderzusetzen.“ Ein Berater braucht heute mehr als je zuvor Toleranz und die so wichtige Transferfähigkeit.

Die Bundesagentur für Arbeit (siehe auch den Beitrag: „Lohnt Berufsberatung“) beurteilt diese Dinge seit geraumer Zeit anders. Forderte sie bis 2006 als Einstellungsvoraussetzung noch einen Universitätsabschluss, heute wäre es der Master, und ein Mindestmaß an externer Berufserfahrung, überträgt sie diese Aufgabe im Zuge einer tariflichen Neustrukturierung seitdem Mitarbeitern mit einem Bachelorabschluss, mehrheitlich ehemaligen Berufsberatern für den Sekundarbereich I. Die haben im Anschluss an das Abitur, ausgestattet mit einem Arbeitsvertrag und einer recht üppigen Ausbildungsvergütung, eine „Ausbildung“ an der Bundesagentur eigenen Hochschule mit weitgehend vom Arbeitgeber vorgegebenem Stundenplan und verbunden mit an dienstrechtlichen Aspekten ausgerichteten regelmäßigen Beurteilungen durchlaufen. Die Unterschiede zu einem eigenverantwortlichen Studium im wissenschaftlichen Sinn liegen auf der Hand! Freilich bleibt es Ratsuchenden unbenommen, Berater danach zu fragen, welches Studium/welche Ausbildung sie besitzen und aus welchen Erfahrungen sie ihre Argumente, Vorschläge und Folgerungen ableiten.

 

Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreiben Sie dem Autor eine Mail: info@berufsreport.com