Berufsausbildung – Was tun, wenn es in der Ausbildung nicht rund läuft?

Von Marion Meyer und Rainer Knoppe, Ausbildungsberater der IHK Lüneburg-Wolfsburg | 15. Mai 2014

Der Leistungsstand von Auszubildenden kann sehr unterschiedlich sein. Es gibt leistungsstarke, durchschnittliche und auch leistungsschwächere Auszubildende. Schlechte Ausbildungsergebnisse sind allerdings kein Kündigungsgrund. Um hier Abhilfe zu schaffen, ist pädagogisches Handeln erforderlich. Ausbilder müssen deshalb darüber nachdenken, wo die Ursachen liegen und wie die Abschlussprüfung doch noch erfolgreich bestanden werden kann.

  • Lernschwierigkeiten in Praxis und/oder Berufsschule

Wenn erste Leistungsdefizite sichtbar sind, sollte der Auszubildende zunächst klären, welche Dinge ihn am Lernen hindern, welcher Lerntyp er ist, wie er sein Berichtsheft und seine Unterrichtsaufzeichnungen führt, ob gar Lernlücken vorhanden sind. Aber auch der Ausbilder muss prüfen, ob er seinem Auszubildenden die berufliche Handlungsfähigkeit in angemessener Weise vermittelt. Sind dann die Ursachen erkennbar, sollten geeignete individuelle Fördermaßnahmen festgelegt werden, wie z.B. Lernaufgaben mit einem angepassten Schwierigkeitsgrad und aufgegliedert in kleine Lernabschnitte, der Vermittlung von Lerntipps, sowie gezielten Hinweisen auf die Bedeutung des Lernstoffs.

Für lernschwache Auszubildende ist die Gefahr des Versagens oft besonders groß. Um sich davor zu schützen, reagieren sie häufig mit Desinteresse und Unlust. In einer solchen Situation ist deshalb eine gute Beziehung zwischen Ausbilder und Auszubildenden besonders wichtig. Wenn beim Ausbilder der Eindruck entsteht, dass die Bewältigung der Lernprobleme die eigenen Kompetenzen und Einflussmöglichkeiten übersteigt, sollten Gespräche mit der Berufsschule, der Industrie- und Handelskammer, sowie der Agentur für Arbeit geführt werden, um weitere Hilfsmöglichkeiten abzuklären.

Dabei bieten sich vor allem an:
Ausbildungsbegleitende Hilfen (abh)
Dies ist ein Förderinstrument der Agentur für Arbeit. Es ermöglicht Stützunterricht, wenn die Noten in der Berufsschule auf der Kippe stehen, die Theorie nicht so klappt und der Ausbildungsabschluss deshalb gefährdet ist.
Besondere Förderangebote der Berufsschule
Die Berufsschullehrer sind in der Lage eine Einschätzung der Azubis abzugeben. Besonders für erstausbildende Unternehmen empfiehlt sich der Kontakt zu den Lehrern aufzubauen.
Beratungsangebot der Industrie- und Handelskammern oder Handwerkskammern
Die Ausbildungsberater der jeweils zuständigen Kammer haben einen guten Überblick über viele Berufe. Sie können somit helfen, ob ein anderes Berufsbild dem Leistungsvermögen des Auszubildenden besser entspricht und einen erfolgreichen Ausbildungsabschluss eher gewährleistet.

  • Persönliche Schwierigkeiten mit dem Ausbilder bzw. dem Chef

Wer in seiner Ausbildung Ärger mit Kollegen oder Vorgesetzten hat, dem kann die Freude an der Ausbildung schnell getrübt werden. Deshalb ist es wichtig, diesem Ärger Luft zu machen. Manchmal reicht es vielleicht schon, einfach nur mit Freunden oder der Familie zu sprechen. Manchmal aber ist es damit nicht getan und der regelmäßige Ärger mit den Mitarbeitern in der Ausbildung kann zum Problem werden. Bevor dieser Ärger den Erfolg der Ausbildung in Gefahr bringt oder dafür sorgt, dass ein Azubi nur noch mit Magenschmerzen den Betrieb aufsucht, sollte das Problem geklärt werden. Sind es Probleme auf der persönlichen Ebene, kann man den Ausbilder einfach nicht leiden? Oder kommt der Ärger von Aufgaben, die einem übertragen worden sind und rein gar nichts mit der Ausbildung zu tun haben? Sind es Probleme mit den Kollegen, die einen nicht ernst nehmen? Oder vielleicht droht der Chef gleich bei allem mit Kündigung?

Rainer Knoppe: Ausbildungsberater der IHK Lüneburg-Wolfsburg (Foto: privat)

Rainer Knoppe: Ausbildungsberater der IHK Lüneburg-Wolfsburg (Foto: privat)

Grundsätzlich sollte bei jeder Art von Ärger in der Ausbildung immer das unmittelbare Gespräch gesucht werden. Kollegen direkt ansprechen oder sich an den Ausbilder wenden, ist der richtige Weg, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. Dabei selbst immer fair und freundlich bleiben. Wenn solche Gespräche mit den Beteiligten schwer fallen, kann man auch seine Berufsschullehrer ansprechen und um Rat fragen. Möglicherweise können die bei Ärger mit dem  Ausbilder vermitteln. Und natürlich bieten auch die Ausbildungsberater der Kammern Beratungsgespräche an, in denen diese Dinge besprochen werden können.

  • Der Auszubildende möchte die Ausbildung verkürzen, der Ausbildungsbetrieb sträubt sich

Die Verkürzung der Ausbildungszeit kann zwar vom Auszubildenden initiiert werden, bedarf jedoch in jedem Fall der Zustimmung des Ausbildungsbetriebes. Immer müssen beide Parteien mit der Verkürzung der Ausbildungszeit einverstanden sein. Hier bedarf es der Überzeugungskraft des Auszubildenden, um dem Ausbildungsbetrieb die Vorteile einer eventuellen Verkürzung seiner Ausbildungszeit aufzuzeigen, oder aber seine eigene Lebensplanung darzulegen, wie etwa ein an die Ausbildung anschließendes Studium.

  • Der Betrieb hält die Vorgaben der Ausbildungsverordnung nicht ein und bereitet ungenügend auf Zwischen-/Abschlussprüfung vor

 Da in den anerkannten Ausbildungsberufen nur nach den bundeseinheitlichen Ausbildungsordnungen für den jeweiligen Beruf ausgebildet werden darf, muss in jedem Ausbildungsbetrieb die entsprechende Ausbildungsordnung eingehalten werden. Die Ausbildungsordnung regelt die Ausbildungsdauer, die zu vermittelnden Fertigkeiten und Kenntnisse, den zeitlichen Ablauf der Ausbildung und die Prüfungsanforderungen verbindlich. Mit der Unterschrift auf dem Ausbildungsvertrag verpflichtet sich der Ausbildungsbetrieb gemäß dieser Verordnung auszubilden. Wird diese Ausbildungspflicht verletzt, kann der Auszubildende einen Schadensersatzanspruch geltend machen. Bei einem Verstoß gegen die Ausbildungspflicht ist zunächst die zuständige Stelle (Kammer) zu informieren, die weitere Schritte veranlasst.

  • Der Ausbildungsbetrieb verpflichtet den Auszubildenden zu unbezahlter Mehrarbeit (Überstunden)

Überstunden sind alle Zeiten, die über die im Ausbildungsvertrag vereinbarte tägliche Arbeitszeit hinausgehen. Grundsätzlich sollte die reguläre Arbeitszeit zwar ausreichen, um die Ausbildungsinhalte zu vermitteln. In Einzelfällen können Überstunden aber zulässig sein. Für sie muss allerdings ein entsprechender Ausgleich in Freizeit oder eine gesonderte Vergütung gewährt werden. Zum Nachweis sollten Auszubildende ihre Arbeitszeiten und die jeweils verrichteten Tätigkeiten schriftlich dokumentieren.

Auch bei Mehrarbeit gelten jedoch die gesetzlichen Höchstarbeitszeiten. Bei Erwachsenen sind werktäglich höchstens zehn Stunden zulässig, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten im Durchschnitt acht Stunden täglich nicht überschritten werden. Für Jugendliche gilt eine Höchstgrenze von acht Stunden täglich und 40 Stunden pro Woche. Wenn die Arbeitszeit an einem Wochentag weniger als acht Stunden beträgt, dürfen Jugendliche an den anderen Tagen maximal achteinhalb Stunden arbeiten, zum Beispiel um für einen kurzen Freitag vorzuarbeiten. Auch Überstunden müssen immer dem Ausbildungszweck dienen, es muss also ein Ausbilder anwesend sein und tatsächlich Ausbildung stattfinden.

  • Der Ausbildungsbetrieb äußert sich nicht zur Übernahme nach Abschluss der Ausbildung

Nach Beendigung des Berufsausbildungsverhältnisses besteht grundsätzlich kein Anspruch auf Übernahme in ein Arbeitsverhältnis. Um zu klären, ob der Betrieb eine Übernahme nach der Ausbildung plant oder nicht, sollte rechtzeitig das Gespräch mit der Unternehmensleitung gesucht werden. Denn im Falle einer Nichtübernahme muss man sich überlegen, wie es beruflich weiter gehen kann/soll und entsprechende Wege vorbereiten. Es ist also ratsam, ein gutes halbes Jahr vor Ausbildungsende um ein Gespräch mit dem Ausbilder zu bitten. Hierbei kann man signalisieren, dass man an einer Weiterbeschäftigung interessiert ist. Der Ausbildungsbetrieb sollte seinem Azubi jetzt offen und ehrlich gegenübertreten: eine Übernahme würde jetzt vertraglich festgehalten und eine Nichtübernahme sollte frühzeitig angekündigt werden.

Marion Meyer: Ausbildungsberaterin der IHK Lüneburg-Wolfsburg (Foto: privat)

Marion Meyer: Ausbildungsberaterin der IHK Lüneburg-Wolfsburg (Foto: privat)

Sobald die Nichtübernahme klar ist, kann die Bewerbung um eine neue Stelle losgehen. Hierbei ist es wichtig zu wissen, dass die dafür notwendig werdenden Termine auch noch während der Ausbildungszeit vereinbart werden dürfen. Der Ausbildungsbetrieb muss seine noch-Azubis, die er nicht übernehmen möchte, nach § 629 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) für Bewerbungsgespräche von der Arbeit frei stellen und trotzdem weiter das Gehalt zahlen. Wichtig ist dafür nur der rechtzeitige Antrag und natürlich muss man genau belegen können, wann und wo das Vorstellungsgespräch stattfindet.

  • Der Ausbildungsbetrieb zahlt die Ausbildungsvergütung nicht regelmäßig

Die Vergütung für den laufenden Kalendermonat ist spätestens am letzten Arbeitstag des Monats zu zahlen und muss dem Auszubildenden an diesem Tag in bar oder auf dem Konto tatsächlich zur Verfügung stehen. Es reicht nicht, dass an diesem Tag erst die Überweisung veranlasst wird. Das Risiko des rechtzeitigen Eingangs der Zahlung hat das Ausbildungsunternehmen zu tragen. Ist die Zahlung nicht erfolgt, gerät er in Verzug, ohne dass hierfür eine Mahnung seitens des Auszubildenden erforderlich wird und es entsteht ein Anspruch auf Verzugszinsen. Ist der Arbeitgeber mit der Zahlung von zwei Monatsvergütungen im Rückstand, kann der Auszubildende ein Zurückbehaltungsrecht ausüben und sogar die Arbeit verweigern. Dies sollte dem Betrieb gleichzeitig schriftlich mitgeteilt werden. Rückständige Vergütung kann der Auszubildende jederzeit vor dem Schlichtungsausschuss/ Arbeitsgericht einklagen oder ein gerichtliches Mahnverfahren beantragen.

  • Kurzarbeit wegen mangelnder Aufträge

Auszubildenden gegenüber kann grundsätzlich keine Kurzarbeit angeordnet werden, da sie im Unternehmen zum Zweck ihrer Ausbildung angestellt sind. Denn der Auszubildende erbringt in erster Linie keine Arbeitsleistung, bei ihm ist der Erwerb der Ausbildungsinhalte bzw. der beruflichen Qualifikation vorrangig. Der Ausbildungsbetrieb ist dazu verpflichtet, alle Mittel auszuschöpfen, um die Ausbildung weiter zu gewährleisten, z.B. durch Umstellung des Ausbildungsplans und der Ausbildungsinhalte, die Versetzung in eine andere Abteilung etc. Erst wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, kann im Einzelfall Kurzarbeit auch für Auszubildende infrage kommen. Längerfristige Kurzarbeit kann allerdings die Frage nach der Eignung der Ausbildungsstätte aufwerfen, falls hierdurch der Ausbildungserfolg gefährdet wird. Eine Kündigung des Berufsausbildungsverhältnisses wäre deshalb möglich.

  • Der Ausbildungsbetrieb wird insolvent und stellt den Betrieb ein

 Geht ein Ausbildungsbetrieb in die Insolvenz, ändert sich für den Auszubildenden zunächst nichts. Er besucht die Berufsschule und geht in den Betrieb. Der Azubi erhält weiter seine Vergütung und ist auch weiterhin verpflichtet, seinen Ausbildungspflichten nachzukommen. Ernst wird es für den Auszubildenden, wenn ihm die Kündigung ausgesprochen wird.  Der Auszubildende sollte keine Dokumente im Zusammenhang mit der Kündigung unterschreiben, bevor er sich nicht fachlichen Rat geholt hat. Denn auch bei einer Insolvenz des Ausbildungsbetriebs ist die Kündigung nur bei einem wichtigen Grund möglich.

Die Insolvenz für sich allein ist nämlich kein wichtiger Kündigungsgrund, solange die Ausbildung entsprechend der Ausbildungsordnung fortgesetzt werden kann. Nur wenn dies in erheblichem Maße nicht mehr möglich ist, wird eine Kündigung aus wichtigem Grund zulässig, allerdings unter Einhaltung einer Drei-Monatsfrist. Eine fristlose Kündigung ist jedoch ausgeschlossen. Ein Aufhebungsvertrag, also eine Vertragsauflösung im gegenseitigen Einvernehmen, ist grundsätzlich jederzeit möglich, beinhaltet aber das Risiko einer Sperrzeit bei einem etwaigen Arbeitslosengeldbezug.

 Erste Ansprechpartner nach der Kündigung sind die Kammern und die örtlich zuständige Arbeitsagentur. Der Azubi sollte aber möglichst auch seinen bisherigen Chef in die Suche nach einem neuen Ausbildungsplatz einbinden. Eine rechtliche Verpflichtung besteht für diesen jedoch nicht. Im Falle einer Beendigung des Ausbildungsverhältnisses hat sich der Auszubildende unmittelbar und ohne Zeitverzug arbeitssuchend zu melden. Zudem sollte eine Kontaktaufnahme mit der Berufsschule erfolgen, damit die Möglichkeit der Fortsetzung des Berufsschulunterrichts geklärt werden kann.

  • Der Ausbildungsbetrieb lagert Teile der Ausbildung auf andere Betriebe aus, deren Ausbildungsqualität mangelhaft und schlecht koordiniert ist

Unternehmen, die ausbilden und in die eigene Nachwuchssicherung investieren wollen, können die Vorgaben der Ausbildungsordnung unter Umständen selbst nicht in vollem Umfang erfüllen. Dem einen Betrieb fehlt die notwendige Erfahrung oder Personalkapazität, ein anderer kann nicht sämtliche für die Ausbildung erforderlichen Fähigkeiten und Kenntnisse in vollem Umfang vermitteln, da er aufgrund fortgeschrittener Spezialisierung nicht in allen vorgegebenen Arbeitsbereichen tätig ist. Bei anderen Betrieben besteht zwar die grundsätzliche Bereitschaft zur Ausbildung, diese wird jedoch wegen der damit verbundenen Zeitbelastung nicht durchgeführt. In allen diesen Fällen bietet sich die Möglichkeit, die Ausbildung im Verbund mit einem anderen Betrieb gemeinsam zu gestalten. Der Verbundbetrieb muss allerdings ebenfalls als Ausbildungsstätte geeignet sein. Mangelt es jedoch an der erforderlichen Ausbildungsqualität, sollte der Auszubildende der zuständigen Stelle mitteilen, dass das Erreichen des Ausbildungszieles oder die Durchführung des Ausbildungsganges beeinträchtigt ist: Die Kammer wird dann eine Klärung der Situation vornehmen und erforderlichenfalls weitere notwendige Schritte einleiten.

 


Kontakt und weitere Informationen
IHK Lüneburg-Wolfsburg, Geschäftsstelle Wolfsburg, Rainer Knoppe: Tel. 05361 – 295411, Email: knoppe@lueneburg.ihk.de