Bauingenieur – Wo das Werden fasziniert

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2016

Ralf Waller, Leiter der Niederlassung Deutschland Nord der HOCHTIEF Infrastructur GmbH (Foto: Michael Bogumil)

Ralf Waller, Leiter der Niederlassung Deutschland Nord der HOCHTIEF Infrastructur GmbH (Foto: Michael Bogumil)

Ralf Waller ist Bauingenieur und mit Elbewasser getauft. Letzteres mag seine hanseatische Gelassenheit erklären, die Begeisterung für seinen Beruf aber muss andere Gründe haben. Nach Stationen in einem Ingenieurbüro, einem mittelständischen Bauunternehmen und beim Energieversorger Vattenfall leitet Waller heute die Niederlassung Deutschland Nord der HOCHTIEF Infrastructure GmbH mit Sitz in seiner Heimatstadt Hamburg. Kein Zweifel, der Job fordert den ganzen Mann. Da drängen fast immer Termine. Da gibt es gar nicht selten komplizierte Verhandlungen mit Auftraggebern, Ingenieurbüros, Subunternehmen oder Aufsichtsbehörden. Da werfen manchmal Schlechtwetterlagen alle Planungen über den Haufen und ist Improvisationstalent gefragt. Da fallen unvorhersehbar wichtige Lieferanten aus und muss kurzfristig ein gleichwertiger Ersatz gefunden werden. „Aber dennoch“, sagt Waller und lässt auch nicht den Hauch eines Zweifels, „gibt es für mich keinen besseren Beruf als den des Bauingenieurs.“

Er jedenfalls könne sich kaum eine größere Faszination vorstellen, als ein Gebäude, eine Brücke, eine Hochwasserschutzanlage oder eine Straße als Ergebnis der eigenen Arbeit entstehen zu sehen. Einige von Wallers aktuellen Projekten sind der Ersatzneubau der Rethebrücke in Hamburg als vierteilige und mit einer Öffnungsweite von 104 Metern längste Eisenbahnklappbrücke Europas, der sechs- beziehungsweise achtspurige Ausbau der Autobahn A7 von der Hansestadt in Richtung Norden, sowie zwei Hochwasserschutzanlagen im Hamburger Hafen. Ganz ähnlich formuliert es Dirk Meier, auch er Bauingenieur. „Ich würde um nichts in der Welt tauschen wollen“, sagt Meier als Chef des gleichnamigen Hannoveraner Ingenieurbüros für Baustatik und Konstruktion. „Denn erst mit dem von mir berechneten Tragwerk wird der Entwurf des Architekten baufähig.“ Schließlich gebe es beim Bau von Gebäuden für das Tragwerk immer mehrere Lösungen. Dabei die zu finden, die dem Entwurf der Architekten am nächsten komme, gleichzeitig alle Sicherheitsvorschriften erfülle und die Kosten dennoch niedrig halte, erweise sich als immer wieder spannende Aufgabe.

Kreative Macher

Michael Meiers Handschrift: Audi-Zentrum Berlin (Foto: Meier)

Michael Meiers Handschrift: Audi-Zentrum Berlin (Foto: Meier)

Dirk Meier weiß, wovon er spricht. Denn bevor er in die Geschäftsführung der väterlichen Firma eintrat, sammelte er in Berlin Berufserfahrung beim Ingenieurbüro Owe Arup unter anderem bei der Projektierung des Abgeordnetenhauses des Deutschen Bundestages, der sogenannten Dorotheenblöcke. Arup ist ein Global Player mit der Unternehmenszentrale in London. Später berechnete Dirk Meier mit hohem mathematischem Aufwand Autobahntalbrücken. Und auch Michael Krech empfindet eine tiefe Befriedigung, wenn er seine Projekte „wachsen“ sieht. Nach dem Vorbereitungsdienst bei der Stadt Wolfsburg und einer anschließenden Berufstätigkeit im Planungsreferat der Landeshauptstadt München leitet er seit mehr als zwanzig Jahren im Baudezernat der Stadt Braunschweig die Verkehrsplanung. „Von den ersten konzeptionellen Überlegungen über die Ausführungsplanung, den anschließenden Bau und späteren Betrieb bin ich an allen Projektphasen beteiligt“, genießt er das Ganzheitliche seiner Arbeit.

Mit den großen und kleinen Unternehmen der Bauindustrie, den zahlreichen Ingenieurbüros sowie dem Öffentlichen Dienst präsentieren Ralf Waller, Dirk Meier und Michael Krech die wichtigsten Arbeitgeber für Bauingenieure. Neben dieser arbeitsplatzorientierten Ordnungsebene gibt es eine zweite, eine tätigkeitsbezogene. „Je nach persönlichen Interessen und Vorlieben“, zählt Waller auf, „stehen Bauingenieuren Jobs im technischen Büro, dem Baubetrieb/der Bauleitung oder einer Stabsfunktion offen.“ Lediglich in den großen Baufirmen findet sich die gesamte Tätigkeitspalette. Ingenieurbüros wie das von Dirk Meier sind in der Regel reine technische Dienstleister für konstruktive Aufgaben und statische Berechnungen. Der Öffentliche Dienst hingegen hat einen planerischen Schwerpunkt, wird daneben aber auch in der Bauleitung, im Betrieb und der Unterhaltung tätig, vorwiegend allerdings in überwachender Funktion. Stabsstellen wie die eines Kalkulators, Vertragsmanagers, Projektcontrollers oder Einkäufers werden indessen fast ausschließlich von Unternehmen der Bauindustrie angeboten.

Breit gefächertes Berufsfeld

Hier führt Ralf Waller Regie: Die Rethe-Brücke im Hamburger Hafen (Foto: Sky View Imagine)

Hier führt Ralf Waller Regie: Die Rethe-Brücke im Hamburger Hafen (Foto: Sky View Imagine)

Berufsanfängern wird noch eine dritte Entscheidung abverlangt. Fokussieren sich ihre Interessen stärker auf den Hoch- oder auf den Tiefbau? Im Hochbau befassen sich Bauingenieure mit Baukonstruktionen über der Erde, also vor allem mit der Errichtung von Wohn- und Bürogebäuden, Sport- und Kulturbauten. Im Tief- beziehungsweise Ingenieurbau übernehmen Bauingenieure insbesondere Aufgaben für Brücken, Schleusen, Kraftwerke, im Verkehrswege- und Erdbau. Dafür sind Kenntnisse aus dem Bereich der Bodenmechanik sowie der Wasserhaltung von besonderer Bedeutung. Dazu kommen Aufgaben im Grundbau, in dem Bauingenieure die sogenannten Gründungen, für den Laien: Fundamente, berechnen und bauen müssen. Weitere Aufgaben sind die Verlegung von unterirdischen Ver- und Entsorgungsleitungen. Zu guter Letzt werden Tiefbauingenieure auch im Tunnel- und Stollenbau tätig. Hier sind sie für den Vortrieb des Tunnelbauwerkes, aber natürlich auch die erdstatischen Berechnungen zuständig. Der Eindruck trügt nicht. Bauingenieure genießen die Vorzüge eines Berufes mit vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und stark unterschiedlichen Anforderungen.

Je nach persönlichen Vorlieben und Begabungen stehen ihnen Jobs offen, in denen sie etwa in der Konstruktion und Berechnung überwiegend mit ingenieurtechnischen Lösungen beauftragt werden. Baustellenbesuche sind dafür nicht notwendig, die Arbeit findet ausschließlich im Büro statt. Das ist beim Bauleiter ganz anders. Für den wird die Baustelle zu einem zweiten Zuhause. Dort ist er vor allem als technischer Manager gefordert, der neben der Technik auch stets seine Mannschaft, die Zeitpläne und ganz besonders das Geld im Blick haben muss, wie es Ralf Waller formuliert. „Umso stärker die Tätigkeit eines Bauingenieurs operativ ausgerichtet ist, umso mehr ist er auch als Kaufmann gefordert“, weist der Chef von 150 Mitarbeitern, davon die Hälfte Bauingenieure, unter ihnen wiederum 14 Bauleiter und 8 Oberbauleiter, ohne große Umschweife auf die besonderen Anforderungen. Je nach Funktion, am stärksten sicherlich bei einer Tätigkeit als Vertragsmanager, aber auch im Öffentlichen Dienst, werden Bauingenieuren zusätzlich gute Rechtskenntnisse aus dem Bau- und Wettbewerbsrecht abverlangt.

Viele Partner verlangen gute Organisation

Auch das eine Referenz von Ralf Waller: Hochwasserschutz Niederhafen Hamburg (Foto: HOCHTIEF/Christoph Schroll)

Auch das eine Referenz von Ralf Waller: Hochwasserschutz Niederhafen Hamburg (Foto: HOCHTIEF/Christoph Schroll)

Einer besonderen Sensibilität bedürfen Bauingenieure im operativen Bereich auch für das Thema Compliance. Schließlich ist es wegen der Größe und Komplexität vieler Projekte üblich, dass sich mehrere Unternehmen zu Bietergemeinschaften zusammenschließen. Unternehmen, die nicht nur davor und danach, sondern auch zur gleichen Zeit beim Kampf um andere Aufträge Konkurrenten sind. Bietergemeinschaften können freilich nur dann erfolgreich arbeiten, wenn die einzelnen Unternehmen zu einem vertrauensvollen Umgang miteinander finden. Gleichzeitig muss es ihnen aber gelingen, den fachlichen Austausch auf das aktuelle Gemeinschaftsprojekt zu beschränken. Ein Wort jenseits davon und ein Wort zu viel, könnten bereits zum Straftatbestand werden. Darüber hinaus benötigen Bauingenieure diplomatisches Geschick noch auf anderen Feldern. Immerhin stehen ihnen mit Banken, Versicherungen, Fondsgesellschaften oder den Kommunen, Ländern und dem Bund meist ihrer Macht bewusste und deshalb sehr dominante Auftraggeber gegenüber.

Vor diesem Hintergrund bestimmen enge Zeitkorridore, hohe Qualitätsansprüche, die akribisch genaue Überprüfung der Abrechnungen, dazu Haftungsfragen den Alltag von Bauingenieuren. Auch der Umgang mit den beteiligten Architekten und Ingenieurbüros will gelernt sein. Nicht immer gelingt die Zusammenarbeit der beiden wichtigsten Akteure am Bau deshalb ohne Reibungsverluste, zu unterschiedlich dafür die Erwartungen an den einen wie den anderen. Können und sollen die Entwürfe der Architekten nicht avantgardistisch genug sein, liegt die Verantwortung für deren ebenso praxistaugliche wie kostengünstige Umsetzung allein bei den Bauingenieuren. Spannungen sind mithin vorprogrammiert. Gelten die einen als selbstverliebte Künstler, kämpfen die anderen mit dem Ruf des drögen Machers. Müssen Architekten mit dem Vorwurf leben, ihre Entwürfe weder an technischer noch wirtschaftlicher Realisierbarkeit auszurichten, sehen sich Bauingenieure mit dem Vorurteil konfrontiert, Machbarkeit und Kosten über Ästhetik und Funktion zu stellen.

Persönlichkeit, Führungsstärke, Wille zum Konsens

Michael Krech, Verkehrsplaner bei der Stadt Braunschweig (Foto: privat)

Michael Krech, Verkehrsplaner bei der Stadt Braunschweig (Foto: privat)

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus? Vor allem diese: Bauingenieure müssen überdurchschnittliche kommunikative Fähigkeiten besitzen. „Immer wieder muss ich meine Lösungsvorschläge begründen“, formuliert es Dirk Meier. Ähnlich die Situation bei Michael Krech. „Es gibt stets mehrere Perspektiven auf ein Verkehrsprojekt.“ Und: „Politische Mandatsträger müssen in ihren Entscheidungen neben fachlichen auch noch zahlreiche andere Aspekte berücksichtigen.“ Bauingenieure in Diensten einer kommunalen, Länder- oder Bundesverwaltung sollten deshalb Freude an der öffentlichen und nicht selten kontroversen Debatte haben. Schließlich prallen bei so manchem Infrastrukturprojekt sehr unterschiedliche Interessen aufeinander, die der Nutzer auf die der Betroffenen, ökonomische auf ökologische, die von Rentnern auf die der nachkommenden Generationen. So bedürfen Bauingenieure am Ende immer auch des Willens zum Kompromiss.

Der aber wächst nur auf dem Fundament von Persönlichkeit und Führungsstärke. Bauingenieure brauchen deshalb von beidem eine Menge. Tatsächlich müssen ihnen sowohl Auftraggeber wie Subunternehmer, am meisten freilich die eigenen Mitarbeiter voll und ganz vertrauen können. Nur Männer und Frauen, die fachlich ebenso wie menschlich zu überzeugen vermögen, können diese Rolle ausfüllen. Während die fachlichen Kompetenzen von Universitäten und Fachhochschulen vermittelt werden, die Grundlagen im Bachelor-, die spezialisierte Vertiefung im Masterstudium, wächst die persönliche Souveränität mit jedem Jahr Berufserfahrung. Erhöhen seltene exotische Studienschwerpunkte die späteren Berufschancen? Ralf Waller verneint und empfiehlt Studierenden stattdessen den klassischen konstruktiven Ingenieurbau. „Hier erhält man das umfassendste Rüstzeug für eine Karriere als Bauingenieur und bewahrt sich berufliche Flexibilität“, begründet er.

Stolperstein Mathematik

Ebenfalls eine Baustelle von Dirk Meier: Am Hohen Ufer in Hannover (Foto:Meier)

Ebenfalls eine Baustelle von Dirk Meier: Am Hohen Ufer in Hannover (Foto:Meier)

Auf Studienanfänger aber wartet zunächst eine ganz andere Erfahrung. „Technische Problemstellungen, derentwegen sich die meisten für dieses Studium entschieden haben, tauchen in den Curricula der ersten Semester überhaupt nicht auf“, lenkt Michael Krech den Blick auf einen wichtigen Punkt. Und weiß, dass das die Motivation nicht gerade erleichtert. In der Tat müssen sich Studienanfänger zunächst einmal in den Grundlagenwissenschaften behaupten, das sind insbesondere Mathematik, Mechanik, Hydromechanik, Dynamik und angewandte Statistik. Drei Viertel aller Studienabbrecher scheitern hier. Später erst folgen dann peu à peu die anwendungsorientierten Fächer wie Baustoffkunde, Baukonstruktionslehre, Baustatik, Vermessungskunde, Planungsmethodik, Geotechnik und Projektmanagement. Bleibt der bange Blick auf Stellenwert und Bedeutung der Mathematik für einen Bauingenieur. „Gewiss“, sagt Dirk Meier, „ein Gefühl für Zahlen, Größenordnungen und entsprechende Strukturen sollte schon vorhanden sein.“

Doch seine Schwester, diplomierte Mathematikerin, rümpfe amüsiert die Nase, wenn Bauingenieure von Mathematik sprächen. „Es ist vor allem angewandte Mathematik und Matrizenrechnung, die die einschlägigen Lehrveranstaltungen bestimmen“, erinnert er sich seines Studiums an der Universität Hannover. Gleichwohl ist eine positive Beziehung zur Mathematik für Bauingenieure eine unverzichtbare berufliche Grundvoraussetzung. Das gilt für die, die sich nach dem Studium für eine Tätigkeit in Konstruktion und statischer Berechnung entscheiden, ganz besonders. Insbesondere in der Bauleitung erweist sich eine weitere, nämlich die interkulturelle Kompetenz als unabdingbar. Das gilt nicht allein für internationale Projekte in Dubai, China oder Brasilien, sondern schon lange auch in Deutschland selbst. „Wir müssen nicht nur mit zahlreichen ausländischen Subunternehmen kooperieren“, beschreibt Waller die Situation. Darüber hinaus und ähnlich den alttestamentarischen Turmbauern von Babel „verfügen auch viele unserer eigenen Mitarbeiter über einen Migrationshintergrund und sind keine Muttersprachler.“

Bauen ist eine Mannschaftsdisziplin

Michael Krechs Alltag: Planfeststellungsunterlagen (nur) für den Neubau einer Teilstrecke der A39 (Foto: Michael Krech/Stadt Braunschweig)

Michael Krechs Alltag: Planfeststellungsunterlagen (nur) für den Neubau einer Teilstrecke der A39 (Foto: Michael Krech/Stadt Braunschweig)

Wie Waller praktizierten die Führungskräfte in den Unternehmen der Bauwirtschaft Diversity Management, lange bevor es von den Personalgurus unter großem Getöse zum Nonplusultra erhoben wurde. „Bauingenieure müssen schnell lernen, dass Bauen eine Mannschaftsdisziplin ist“, ergänzt der Braunschweiger Verkehrsplaner Krech, „oder sie gehen unter.“ Für die Karriereplanung, sind sich die drei Bauingenieure Krech, Meier und Waller einig, sollte jeder seinen persönlichen Neigungen folgen. Für Krech war es die bürgernahe Planung von kommunaler Verkehrsinfrastruktur, für Meier die mathematiklastige Konstruktion und statische Berechnung, für Waller das Baumanagement unmittelbar vor Ort. Wenn die Karriereplanungen zum Studienabschluss noch offen seien, empfiehlt der Hamburger Niederlassungsleiter von HOCHTIEF Infrastructure ein Trainee-Programm als Einstieg in den Beruf. Tatsächlich gibt die projektbezogene Mitarbeit in den verschiedensten Funktionsbereichen ausreichend Raum zur individuellen fachlichen Orientierung.

Gegenwärtig ist die Nachfrage nach Bauingenieuren groß. Davon profitieren auch die Berufsanfänger. Einen anderen Schluss lässt die kleine Zahl der arbeitslosen Bauingenieure mit keiner oder lediglich geringer Berufserfahrung jedenfalls nicht zu. Nur 14 Prozent aller arbeitslosen Bauingenieure sind jünger als 35 Jahre. Kaum eine andere akademische Berufsgruppe kann auf einen derart günstigen, weil niedrigen Wert verweisen. Die Ungleichgewichte in der Altersstruktur der Community dürften dafür sorgen, dass sich das so schnell nicht ändert. Immerhin ist fast jeder zweite berufstätige Bauingenieur älter als 50. Zwar ist die Bauwirtschaft traditionell sehr konjunkturabhängig, doch ein solcher Ersatzbedarf wird auch trotz eventueller Auftragsdellen immer noch für günstige Beschäftigungschancen sorgen. Und den Job vielleicht auch für Frauen interessanter machen. Derzeit sind sie noch eine Minderheit.

Hoher Ersatzbedarf

Dirk Meier (Foto: privat)

Dirk Meier (Foto: privat)

Schon heute können manche frei werdenden Stellen nur unter großen Mühen wiederbesetzt werden. Immer öfter passiert es, dass kommunale Bauämter Stellen mehrmals ausschreiben müssen. Dirk Meier kann es sogar konkret machen. „Die Zahl der Tragwerksplaner in Niedersachsen, gegenwärtig etwa 2.500, verringert sich derzeit jeden Monat um wenigstens 10 Kollegen“, berichtet er. Und die Lücken würden nur selten geschlossen. Ausländische Konkurrenz ist bis jetzt ein eher seltenes Phänomen. Zwar tragen die Ingenieurkammern neben Master- auch Bachelorabsolventen mit entsprechender, meist zwei- oder dreijähriger Berufserfahrung in die Entwurfsverfasserliste ein und werden so auch Bachelor bauvorlageberechtigt. Gleichwohl und trotz einer insgesamt hohen Arbeitskräftenachfrage besitzen Absolventen mit lediglich dem Bachelorabschluss kaum Einstellungschancen. „Sie sind schlicht nicht berufsfähig“, begründet Meier. Anderer Ort, gleiches Bild. Ralf Waller beschäftigt, wie bereits erwähnt, über 70 Bauingenieure. Ein einziger nur ist Bachelor. Der Grund ist schnell gefunden. „Umfang und Tiefe der Anwendungsfächer im Bachelor sind viel zu gering“, ist Dirk Meier überzeugt.

Anders die Dinge im Öffentlichen Dienst, wo es für die beamteten Bauingenieure die Laufbahnen des gehobenen und des höheren technischen Dienstes gibt. Darauf weist Michael Krech hin. Für den gehoben technischen Dienst ist der Bachelor Einstellungsvoraussetzung, für den höheren technischen Dienst der Masterabschluss. Vergleichbare Regelungen gelten für angestellte Bauingenieur im Öffentlichen Dienst. Von geringer Bedeutung scheint indessen, ob der Masterabschluss an einer Universität oder Fachhochschule erworben wurde. Für Ralf Waller ist das zumindest kein Auswahlkriterium. Wirtschaftsingenieure der Fachrichtung Bau sieht Waller nur für Stabsfunktionen wie beispielsweise im Projektcontrolling, im Einkauf oder im Vertragsmanagement gut geeignet. Auffällig ist die geringe Zahl an promovierten Bauingenieuren. „In einem Konstruktionsbüro mag der Doktortitel nicht schaden“, meint der Hamburger, „auf einer Baustelle verschlechtert er eher das Standing.“ Viel wichtiger sei da, gegenüber Fachkräften wie Polieren den richtigen Ton  zu treffen. Insider berichten, der sei manchmal etwas rau, meist aber doch herzlich.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.01.2016)

Berufstätige Bauingenieure: 196.000 (Zahlen aus 2012).
Quelle: Informationssystem Studienwahl & Arbeitsmarkt (ISA)/Universität Duisburg-Essen
Altersstruktur berufstätiger Bauingenieure:  

  • älter als 50 Jahre: 45 %
  • zwischen 40 bis 50 Jahre: 31 %
  • zwischen 30 und 40 Jahre: 18 %
  • jünger als 30 Jahre: 6 %

Quelle: Informationssystem Studienwahl & Arbeitsmarkt (ISA)/Universität Duisburg-Essen
Arbeitslose Bauingenieure: bezogen auf die Zahl berufstätiger Bauingenieure beträgt die Erwerbslosenquote 3,1 %.
Der Anteil der unter 35-jährigen erwerbslosen Bauingenieure beläuft sich auf 14 %.
Quelle: Informationssystem Studienwahl & Arbeitsmarkt (ISA)/Universität Duisburg-Essen
Studienanfänger Bauingenieurwesen: 12.466 (Zahlen aus 2014). Der Frauenanteil wird nicht gesondert ausgewiesen.
Davon an:
Fachhochschulen: 7.094

  • Bachelor: 5.458
  • Master: 1.420

Universitäten: 5.372

  • Bachelor: 3.525
  • Master: 1.350

Quelle: Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e.V.
Absolventen Bauingenieurwesen: 5.756 (Zahlen aus 2014). Der Frauenanteil wird nicht gesondert ausgewiesen.
Davon an:
Fachhochschulen: 3.517

  • Bachelor: 2.537
  • Master: 854

Universitäten: 2.239

  • Bachelor: 1.215
  • Master: 585

Quelle: Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e.V.
Einkommen (Berufsanfänger):

  • Fachhochschulabsolventen: ca. 3.000 Euro
  • Universitätsabsolventen: ca. 3.300 Euro

Studienmöglichkeiten: http://www.hochschulkompass.de/studium/suche.html?tx_szhrksearch_pi1[search]=1&genios=&tx_szhrksearch_pi1[fach]=Bauingenieurwesen&tx_szhrksearch_pi1[studtyp]=3
Weiterführende Informationen:
http://www.werde-bauingenieur.de/

 

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