AWP Psychiatriezentrum Königslutter – Sprechende Medizin für seelische Nöte

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2014

Mitten in einem riesigen Parkgelände: Das AWO Psychiatriezentrum Königslutter (Foto: AWO Psychiatriezentrum Königslutter)

Mitten in einem riesigen Parkgelände: Das AWO Psychiatriezentrum Königslutter (Foto: AWO Psychiatriezentrum Königslutter)

Das AWO Psychiatriezentrum Königslutter präsentiert sich auf seinem 33 Hektar großen Gelände offen, einladend, modern, mit gepflegten Blumenrabatten und einem herrlichen alten Baumbestand. Keine stacheldrahtbewährten Mauern, kein Pförtner, kein Schlagbaum, keine vergitterten Fenster. Da müssen alle umdenken, deren Bild einer psychiatrischen Fachklinik vom vielfach preisgekrönten Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ geprägt wurde. Denn der Film, der Jack Nicholson endgültig zum Star machte, zeigt, in eindrücklichen wie anrührenden Bildern zwar, so doch die Psychiatrie der Vergangenheit, jedenfalls hierzulande. Elektroschocks und Psychopharmaka zur bloßen Ruhigstellung der Patienten haben ebenso ausgedient wie chirurgische Eingriffe, im Film eine Lobotomie, durch die der Held McMurphy (Jack Nicholson) vorgeblich von seinen Aggressionen befreit werden soll, tatsächlich aber zum menschlichen Wrack gemacht wird.

„So etwas kennen unsere Mitarbeiter nur noch vom Hörensagen“, beschreibt die Sprecherin des Zentrums, Monika Hilbert-Jansen, die Entwicklung. Denn die Psychiatrie von heute sei konsequent dem Leitbild der sprechenden Medizin verpflichtet. „Deshalb suchen wir auch bewusst den Kontakt zu den Angehörigen und zur Öffentlichkeit“, erklärt sie. Wir, das sind in diesem Fall rund 1.000 Beschäftigte – Ärzte, Gesundheits- und Krankenpfleger als die zahlenmäßig größte Berufsgruppe, Ergo- und Physiotherapeuten, Sozialpädagogen, Verwaltungsfachangestellte, aber auch Gärtner, Elektroniker und Fachinformatiker. Was sich freilich nicht verändert hat und die Arbeit aller auch künftig prägen wird, bleibt das hohe Maß an Verantwortung, das den oft  ebenso komplizierten wie komplexen Krankheitsbildern der Patienten geschuldet ist.

Immer auf der Suche nach einer individuell passenden Lösung

Kinder- und Jugendpsychiatrie: Hell und modern ist nicht nur die Fassade (Foto: AWO Psychiatriezentrum Königslutter)

Kinder- und Jugendpsychiatrie: Hell und modern ist nicht nur die Fassade (Foto: AWO Psychiatriezentrum Königslutter)

Die reichen von Borderline über Depressionen, Demenz, Schlaf- und Essstörungen, Psychosen, Suchterkrankungen bis hin zu Traumafolgeproblemen. Für jede dieser Erkrankungen besitzt das AWO Psychiatriezentrum ein spezielles Therapiekonzept. Daran ausgerichtet gliedert sich das Fachkrankenhaus am Fuße des Elm in sechs Kliniken mit insgesamt dreißig Stationen. Das sind die Allgemeinpsychiatrie und Psychotherapie, die Psychosomatische Medizin, die Gerontopsychiatrie, die Klinik für Abhängigkeitserkrankungen, die Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie die Forensische Psychiatrie. Nur in der letzten Klinik, die sich auf die Behandlung psychisch kranker Straftäter spezialisiert hat, werden Patienten entsprechend den Maßregeln der Besserung und Sicherung aufgenommen.

„Dennoch sind unsere Patienten alle ganz normale Menschen“, wendet sich Anna-Sophie Stenzel gegen leider immer noch weit verbreiteten Vorurteile, „selbst in der Forensik  braucht niemand Angst zu haben.“ Anna Sophie, die ihr Abitur vor drei Jahren am Helmstedter Gymnasium Julianum ablegte, befindet sich kurz vor Abschluss ihrer Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpflegerin. Ebenso wie sie hat auch Katharina Siemers, Abitur am Schöninger Gymnasium Anna-Sophianeum, den Entschluss für eine Pflegeausbildung im AWO Psychiatriezentrum keinen Tag bereut. Schließlich folgt die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin der allgemeinen Ausbildungsverordnung, ist die Ausbildungsqualität in Königslutter anerkannt gut und lässt diese Ausbildung für die spätere Berufstätigkeit alle Wege offen. Eine einseitige Spezialisierung auf den Bereich der Psychiatrie erfolgt nämlich nicht. Für die von der Prüfungsordnung vorgeschriebenen Ausbildungsanteile in der Inneren Medizin, der Chirurgie, Urologie und Gynäkologie wechseln die Auszubildenden für mehrere Monate in Krankenhäuser der Allgemeinversorgung sowie ambulante Pflegedienste.

Gesucht sind Empathie und Fachlichkeit

Anna-Sophie Stenzel (Foto: privat)

Anna-Sophie Stenzel (Foto: privat)

Das AWO Psychiatriezentrum Königslutter ist keine Langzeiteinrichtung, in der Patienten zur Pflege auf Dauer untergebracht sind. „Wir sind eine Klinik zur Behandlung akuter Krankheiten“, erklärt Monika Hilbert-Jansen. Freilich unterscheidet sich die Arbeit in einem Psychiatriezentrum, wie dem in Königslutter, doch von dem eines Krankenhauses in der Allgemeinversorgung. Während sich Ärzte, Pfleger und Therapeuten in Kliniken der Allgemeinversorgung in immer wieder kurzen Abständen auf neue Patienten einstellen müssen, begleiten die Mitarbeiter im Psychiatriezentrum Königslutter ihre Patienten über einen deutlich längeren Zeitraum. Immerhin beträgt deren Verweildauer hier im Durchschnitt 27 Tage gegenüber 8 ½ Tagen in den Allgemeinkrankenhäusern. „Dadurch kann ich den Menschen hinter dem Patienten kennenlernen“, berichtet Anna-Sophie Stenzel von ihren Erfahrungen. Das kommt ihren Vorstellungen von einer ganzheitlichen Pflege sehr nahe. „Die Rahmenbedingungen in einem Allgemeinkrankenhaus sind andere“, so ihre Erfahrungen.

Dessen ungeachtet sind auch die Zahlen in Königslutter beeindruckend. Bei einer Kapazität von 730 Planbetten wurden im letzten Jahr über 7.000 Patienten aufgenommen, behandelt und nach entsprechender therapeutischer Stabilisierung wieder ins häusliche Umfeld entlassen. Worum Pfleger und Therapeuten in einem Arbeitsfeld wie der Psychiatrie und Psychotherapie allerdings wissen müssen, ist die Tatsache, dass Patienten bei ihrer Entlassung aus einer psychiatrischen Fachklinik noch keineswegs vollständig geheilt sind. „Unser Ziel ist es“, erklärt Katharina Siemers, „die Patienten so weit zu festigen, dass sie mit einer anschließenden ambulanten Betreuung wieder voll am Alltags- und möglichst auch am Arbeitsleben teilnehmen können.“ Das verlangt allen Mitarbeitern, insbesondere aber denen in der Pflege, besondere Kompetenzen ab. Nähe und Distanz, emotionale Sensibilität und reflektierte Selbstkontrolle, Zugewandtheit aber auch die Fähigkeit, Grenzen setzen zu können.

Katharina Siemers (Foto: privat)

Katharina Siemers (Foto: privat)

„Wir suchen keine Bewerber mit Helfersyndrom“, bringt es Sabine Löffler von der Personalabteilung auf den Punkt. Und ihre Begründung ist ebenso einfach wie einleuchtend. Solche Mitarbeiter würden über kurz oder lang selbst zum Patienten werden. In gewissen Situationen begründet nein zu sagen, gehöre zum Beruf dazu. Das aber muss in jedem Einzelfall stets neu abgewogen und entschieden werden. Überhaupt sei die Pflegetätigkeit in einer psychiatrischen Fachklinik wie der in Königslutter stärker therapeutisch bestimmt, weist Anna-Sophie auf einen zentralen Punkt. „Unsere Tätigkeit ist in hohem Maße Kopfarbeit“,  formuliert es Katharina Siemers. „Anders als bei frisch operierten Patienten treten bei uns die unmittelbaren Körperpflegearbeiten eher in den Hintergrund.“ Dafür ist die Palette medizinischer Diagnosen und Indikationen weniger breit als in Krankenhäusern der Allgemeinversorgung.

Professionelle Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Therapeuten und Pflegern

Über allem und immer wieder aber steht eine hohe Verantwortlichkeit. Die sieht in den einzelnen Arbeitsfeldern zwar unterschiedlich aus, ihr Stellenwert ist jedoch stets der gleiche, nämlich ein alles dominierender. Schließlich kommt auch die sprechende Medizin nicht ohne Psychopharmaka aus, müssen die Pflegekräfte genau beobachten und dem Arzt berichten, wie sich der Verlauf der Krankheit entwickelt. Ob die angeordnete Dosierung beibehalten wird oder verändert werden muss, entscheidet der Arzt im Behandlungsverlauf. Zwar haben Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte klar abgegrenzte Aufgaben, der fachliche Austausch über die therapeutisch erforderlichen Maßnahmen erfolgt gleichwohl auf Augenhöhe. „Dabei sprechen wir nicht abstrakt über eine Krankheit, sondern immer über den Menschen, der an dieser oder jener Erkrankung leidet“, weist Anna-Sophie Stenzel auf einen wichtigen Punkt. Das fordert bereits den Auszubildenden solide fachliche Qualifikationen wie ein gesundes Selbstbewusstsein ab. Vor dem Arzt in Ehrfurcht verstummen, ist ebenso wenig erwünscht, wie umgekehrt allerdings erwartet wird, seine Meinung pflegerisch-medizinisch sinnvoll begründen zu können.

Die Werkstätten sind mit modernen Maschinen ausgestattet (Foto: AWO Psychiatriezentrum Königslutter)

Die Werkstätten sind mit modernen Maschinen ausgestattet (Foto: AWO Psychiatriezentrum Königslutter)

Das gilt in ähnlicher Form auch für die in der Sozial- und Arbeitstherapie tätigen Mitarbeiter, zumeist Sozialpädagogen und Ergotherapeuten. Müssen viele Patienten am Anfang sogar die einfachen Dinge des Alltags erst wieder lernen, steigert sich die Komplexität des Geschehens schließlich bis zur Simulation beruflicher Anforderungen. Dafür bedürfen die Therapeuten eines überdurchschnittlichen Beobachtungs- und Einfühlungsvermögens. Immerhin bedeutet ihre Arbeit eine tägliche Gratwanderung, Patienten weder zu über- noch zu unterfordern. Trainingsmöglichkeiten bestehen in der Holz-, Leder- und Textilwerkstatt, im Büro- und Küchenbereich, der Schlosserei und Gärtnerei, der Fahrradwerkstatt sowie der Druckerei. In dieser Arbeit geht es nicht um richtig oder falsch, auch nicht um die Bestätigung irgendeiner gerade vorherrschenden Lehrmeinung, sondern nur um individuell auf den konkreten Patienten bezogen passend oder unpassend.

Hohe körperliche und seelische Anforderungen

Regional ist das AWO Psychiatriezentrum Königslutter zuständig für die Landkreise Helmstedt, Gifhorn, Peine und Wolfenbüttel sowie die kreisfreien Städte Braunschweig und Wolfsburg. In dieser Region leben rund eine Million Menschen. Erkrankt einer davon psychisch und bedarf stationärer oder teilstationärer Behandlung, ist die Fachklinik Königslutter, die im kommenden Jahr übrigens ihr 150jähriges Bestehen feiert, die erste Anlaufstelle. Tageskliniken für Patienten, die teilstationär behandelt werden können, unterhält das AWO Psychiatriezentrum Königslutter in Braunschweig, Gifhorn, Peine, Wolfenbüttel und Wolfsburg. Auch hier können Gesundheits- und Krankenpfleger eine entsprechende Beschäftigung finden, ebenso wie Ärzte, Psychologen, Sozialpädagogen und Ergotherapeuten. Anders als ihre Kollegen im Stammhaus in Königslutter fallen für sie freilich keine Nachtdienste an.

Selbst eine Schule gibt es im AWO Psychiatriezentrum Königslutter (Foto: AWO Psychiatriezentrum Königslutter)

Selbst eine Schule gibt es im AWO Psychiatriezentrum Königslutter (Foto: AWO Psychiatriezentrum Königslutter)

Die Arbeit in der Pflege erleben viele der Mitarbeiter als berufliche Erfüllung und persönliche Bereicherung. Ungeachtet dessen bleibt die Tätigkeit in der Pflege eine, die die ganze Frau oder den ganzen Mann fordert. „Man muss lernen die Probleme der Patienten nach Dienstende auch in der Klinik zu lassen und nicht mit nach Hause zu nehmen“, sind Katharinas Erfahrungen. Schon ab dem zweiten Ausbildungsjahr werden die Pflegeschüler im Schichtdienst eingesetzt. Er wird sie ein Berufsleben lang begleiten, auch wenn man nach einer beschäftigungsparallelen Fachweiterbildung beziehungsweise einem Studium Pflegemanagement an der Ostfalia Hochschule in Wolfsburg auf der Karriereleiter in die Stationsleitung oder gar zum Teammanager aufgerückt ist. Ein Berufsleben lang bleiben wird auch die von vielen Bewerbern bewusst gesuchte Fokussierung auf Menschen, die der Hilfe und Zuwendung bedürfen. Tatsächlich ist eine psychiatrische Fachklinik keine seelenlose Fabrikhalle. Die Kehrseite all dessen besteht in einer großen Herausforderung, nämlich der, dass Fehler schwerwiegende Folgen haben können – für den Patienten genauso wie das eigene Selbstverständnis. Dem gilt es standzuhalten.

Beste Weiterbildungsmöglichkeiten

Gute Erfahrung machen das AWO Psychiatriezentrum und Sabine Löffler mit Bewerbern und Bewerberinnen, die sich aus einem Freiwilligen Sozialen Jahr oder dem Bundesfreiwilligendienst heraus für die dreijährige Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger bewerben. Jedes Jahr stellt die Fachklinik zwanzig Nachwuchskräfte ein. Vorausgesetzt werden ein Mindestalter von 17 Jahren sowie ein guter Realschulabschluss, gerne gesehen auch das Abitur. Bewerbungen werden jeweils bis Ende November des Vorjahres entgegengenommen. Punktuelle Erfahrungen in der Pflege, ob zu Hause die der Großeltern, in einem Schulpraktikum oder einer Nebentätigkeit sowie die Reflektion der dabei gemachten Erkenntnisse erhöhen die Zulassungschancen sichtbar. Ein Muss sind sie freilich nicht. Darüber hinaus wird auch noch in gewerblichen Berufen (siehe die Angaben im Unternehmenssteckbrief am Schluss des Beitrages) ausgebildet.

Die Gärtnerei dient auch der Arbeitstherapie (Foto: AWO Psychiatriezentrum Königslutter)

Die Gärtnerei dient auch der Arbeitstherapie (Foto: AWO Psychiatriezentrum Königslutter)

Die Übernahme in ein festes Vollzeitarbeitsverhältnis ist für Absolventen der Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung die Regel. Was bislang nur wenige wissen, das AWO Psychiatriezentrum vergibt an in- und externe Bewerber sogar Stipendien für ein Medizinstudium. Klar, dass die eigenen Azubis, eine gute Examensnote vorausgesetzt, dafür beste Chancen haben. Man kennt sich schließlich. Katharina will sich dafür bewerben, Anna-Sophie hat sich noch nicht entschieden, obwohl auch sie ein Medizinstudium anstrebt. Doch damit noch nicht genug. Das AWO Psychiatriezentrum Königslutter ist als Weiterbildungsstätte für die ärztlichen Fachgebiete Psychiatrie und Psychotherapie sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie anerkannt. Das Gleiche gilt für die praktische Tätigkeit in der Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten. Sozialpädagogen schließlich können hier ihr Jahrespraktikum zur staatlichen Anerkennung ableisten. Und wem das alles noch immer nicht reicht, findet im Veranstaltungskalender der Psychiatrie Akademie Königslutter gewiss ein spannendes Thema. AWO Psychiatriezentrum Königslutter, das sind Praxis und Wissenschaft aus einer Hand. Wo sonst gibt es das schon!

 


Unternehmenssteckbrief
(Stand: 01.06.2014)

Firmengründung: 1865
Sitz der Unternehmenszentrale: Vor dem Kaiserdom 10, 38154 Königslutter.
Mitarbeiter: ca. 1.000.
Patienten pro Jahr: 7.200.
Ausbildungsmöglichkeiten:

  • Gesundheits- und Krankenpfleger/-in
  • Koch/Köchin
  • Elektroniker/-in, Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik
  • Tischler/-in
  • Maler/-in und Lackierer/-in
  • Gärtner/-in, Fachrichtung Zierpflanzenbau
  • Gärtner/-in, Fachrichtung Garten- und Landschaftsbau
  • Kaufman/Kauffrau für Büromanagement

Fachärztliche Weiterbildung für die Fachgebiete Psychiatrie und Psychotherapie sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie.
Fachliche Weiterbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten.
Jahrespraktikum für Sozialpädagogen/Sozialarbeiter.
Stipendium: Studenten der Medizin können sich für ein Stipendium bewerben.
Bewerbungen: bis 30. November des Vorjahres.
Schülerpraktika: ja.
Kontaktmöglichkeiten: Personalmanagement@awo-apz.de.
Internet: www.awo-psychiatriezentrum.de.

 

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