Ausbildung oder Studium – Die Suche nach der Pool Position

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2013

Die Qual der Wahl: Ausbildung oder Studium? (Karikatur: Christoph Freisem)

Die Qual der Wahl: Ausbildung oder Studium? (Karikatur: Christoph Freisem)

Endlich geschafft. Mit dem Abi in der Tasche in die Freiheit! Endlich keine Schulpflicht, endlich keine Lehrpläne und Vorschriften mehr, nach denen man sich richten muss. Allerdings gibt es in dieser Zeit auch nur wenig, das einem für die Zukunftsplanung Halt und Sicherheit gibt. Gut gemeinte Ratschläge von Freunden und Familie helfen kaum, denn jeder hat eine andere Vorstellung von dem einzig richtigen beruflichen Werdegang. Häufig prallen Welten aufeinander – hier die Verfechter der Ausbildung, dort die Befürworter eines Studiums.

Auch die bildungspolitischen Positionen liegen nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der einzelnen Parteien oft weit auseinander. So berufen sich die einen auf Untersuchungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und fordern, den Studentenanteil noch weiter zu erhöhen. Die anderen warnen vor einem Akademisierungswahn und plädieren stattdessen für eine Stärkung der dualen betrieblichen Ausbildung, so vor kurzem erst das Mitglied der SPD-Grundwertekommission Julian Nida-Rümelin.

Tatsache ist, dass zuletzt 413.000 Jungakademiker die Universitäten und Fachhochschulen mit einem Bachelor- oder Masterabschluss verließen, doppelt so viele wie noch zehn Jahre zuvor. Unbestreitbar ist aber auch, dass es für Unternehmen immer schwieriger wird, geeignete Lehrlinge zu finden, obwohl der Anteil von Auszubildenden mit Abitur in den letzten fünf Jahren schon um 3,5 Prozent gestiegen ist. Was und wem also darf man glauben?

Tatsächlich ist es für Gymnasiasten nicht einfach, den eigenen Weg inmitten von mehr als 16.000 Studienangeboten und 330 Lehrberufen zu finden. Aber es ist auch nicht unmöglich. Wie das gelingen kann, zeigen zwei Personalmanager des Entwicklungsspezialisten Bertrandt aus Tappenbeck, einem kleinen Ort nahe Wolfsburg, in einem „Streitgespräch“.

 

Marei Grollmann und Eike Fromhage (Foto: privat)

Marei Grollmann und Eike Fromhage (Foto: privat)

 

Marei Grollmann ist überzeugt „Abitur und Studium gehören zusammen!“
Abitur 2007.
Studium „Integrierte Sozialwissenschaften“ (Abschluss Bachelor of Arts) an der Technischen
Universität Braunschweig von 2007 bis 2010.
Studium „Organisationskulturen und Wissenstransfer“ (Abschluss Master of Arts) an der
Technischen Universität Braunschweig von 2010 bis 2012.
Seit 2012 beschäftigt im Recruiting der Bertrandt Ingenieurbüro GmbH.
Praktika während des Studiums bei der Audi AG und Volkswagen AG.
Masterarbeit bei der Volkswagen AG.
Studienfinanzierung u.a. durch Tätigkeiten als studentische Hilfskraft an der Technischen
Universität Braunschweig.

Die Richtung steht fest, das Ziel noch nicht

Was genau möchte ich eigentlich machen? Diese Frage können viele Abiturienten nach ihrem Abitur nicht sofort beantworten. Entscheidet man sich für ein Studium, muss man das auch noch nicht. Die meisten grundständigen Studiengänge bieten nämlich erst einmal einen Einblick in unterschiedliche Gebiete eines Fachbereichs. Über eine tiefer gehende Spezialisierung muss man erst in den weiterführenden Masterstudiengängen entscheiden.

Nie ist lernen leichter

Vom Lernen für die Abi-Prüfungen zum Lernen für Uni-Klausuren besteht ein fließender Übergang. Nach dem Abitur ist man daran gewöhnt, sich umfangreichen Lehrstoff mit eigenen Lernmethoden anzueignen. Das erleichtert den Start im Studium ungemein und lässt die Unterschiede zwischen Uni und Schule nicht allzu groß erscheinen.

Auf der Karriereleiter ganz nach oben

In vielen Unternehmen entscheidet der Abschluss über die Karrierestufe, die jemand erreichen kann. Mit einem Studium steht einer Karriere bis hin zum Vorstandsvorsitzenden nichts im Wege. Gerade wenn man noch nicht ganz genau weiß, wohin der eigene Weg führen soll, hält ein Studienabschluss alle Möglichkeiten offen.

Freiheit trifft Disziplin

Wer sich sein Leben gerne selbst organisiert und sich auch mal durch ein Motivationstief kämpfen kann, ist im Studium genau richtig aufgehoben. Als Student genießt man eine hohe Flexibilität, das heißt freie Zeiteinteilung und selbstbestimmtes Arbeiten. Dennoch stehen am Ende eines Semesters viele Klausuren, die bestanden werden müssen. Ohne einen strukturierten Lernplan wird das leicht zu viel. Auch die Fächerwahl will wohl durchdacht sein. Sicher gibt es exemplarische Studienpläne, aber die individuelle Gestaltung liegt beim Studenten selbst. In der Regelstudienzeit das Studium abschließen zu können, hängt somit in erster Linie am eigenen Organisationstalent und der eigenen Disziplin.

Über Praktika zum Praktiker

Im Studium erfolgt der Praxisbezug meistens über Fallbeispiele. Richtiges Arbeiten muss jeder für sich selbst lernen. Am besten funktioniert das mithilfe von Praktika, die während der Semesterferien oder in einem sogenannten Praxissemester absolviert werden. Auf diese Weise hat man als Student die Chance, unterschiedliche Unternehmen und Branchen kennenzulernen. Außerdem kann man das theoretisch Gelernte in der Praxis anwenden. So ist es zudem einfacher herauszufinden, welcher Beruf einen in Zukunft glücklich machen könnte. Jedoch sollte man immer wissen, dass die von den Unternehmen gewünschten Praktikumszeiträume vielfach einen längeren Zeitraum umfassen, als es in den Studienplan passt. Eine vorausschauende Planung ist deshalb unbedingt erforderlich.

Weil Geld die Welt regiert

Ein gewichtiger Punkt bei der Entscheidung für ein Studium sind auch die Verdienstmöglichkeiten. Mit einem erfolgreich abgeschlossenem Studium sind diese, wie alle wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, bereits beim Berufseinstieg deutlich höher als bei einer betrieblichen Ausbildung.

Gewiss, während eines Studiums entstehen Kosten für den Lebensunterhalt, die bei einer Ausbildung durch die Ausbildungsvergütung beglichen werden können. Das hat ein Student nicht. Entweder müssen die Eltern das Studium finanzieren oder, wenn deren wirtschaftliche Leistungskraft dazu nicht ausreicht, kann jeder Student BAföG beantragen. Mit guter Planung und Organisation helfen auch die Einkünfte aus Nebenjobs.

 

Eike Fromhage vertritt die Meinung „Hauptsache Praxis!“
Abitur 2002.
Grundwehrdienst von 2002 bis 2003.
Ausbildung zum Industriekaufmann von 2003 bis 2006.
Studium „Social Sciences“ (Abschluss Bachelor of Arts) an der Universität Osnabrück von
2006 bis 2009.
Studium „Organisationskulturen und Wissenstransfer“ (Abschluss Master of Arts) an der
Technischen Universität Braunschweig von 2009 bis 2011.
Seit 2011 beschäftigt als Personalreferent bei der Bertrandt Ingenieurbüro GmbH.
Während des Studiums diverse Praktika und Tätigkeiten als Werksstudent.

Learning by Doing

Auf die Theorie in der Schule folgt in einer Lehre praxisnahes Lernen und Arbeiten. Natürlich behalten die theoretischen Grundlagen auch in der Berufsschule und auch bei der Arbeit selbst ihre Bedeutung. Allerdings zeigt sich hier der praktische Nutzen sofort, wenn man zum Beispiel am Ende des Tages ein fertiges Produkt in den Händen hält. Daher bietet sich eine betriebliche Ausbildung vor allem für praktisch interessierte und anwendungsorientiert denkende Abiturienten an.

Perspektivenwechsel

Als Vorbereitung auf ein späteres Studium kann eine Ausbildung sehr hilfreich sein. Man kennt die Arbeit im Betrieb aus eigener Erfahrung und betrachtet den theoretischen Inhalt des Studiums aus einer anderen Perspektive. So werden zum Beispiel Theorien durch die ganzheitliche Sicht kritischer hinterfragt. Dieses Wissen hilft nicht zuletzt auch anderen Kommilitonen, da sie aus diesen Erfahrungen ebenfalls praxisorientierter lernen können.

Ziellauf

Bereits mit Beginn der Ausbildung ist klar, welcher Beruf am Ende steht. Als Auszubildender arbeite ich von Anfang an konsequent auf ein bestimmtes Berufsziel hin. Gerade Personen, die sich noch nicht festgelegt haben, wie es nach der Ausbildung weitergehen soll, vermittelt das ein gutes Gefühl, da sie nach ihrem Abschluss nicht in der Luft hängen. Zudem motiviert ein konkretes Ziel zusätzlich zu guten Leistungen während der Ausbildungszeit. Denn als Auszubildender weiß ich, worauf ich hinarbeite.

Timing ist alles

Anders als die Studienzeit steht die Ausbildungszeit von Anfang an fest. Abhängig vom Ausbildungsberuf beträgt die Lehrzeit 3 bis 3,5 Jahre und schließt die Ausbildung mit einer konkreten Berusfbezeichnung ab. Insbesondere für Ungeduldige eignet sich also eine Ausbildung, da bereits zu Beginn ein zeitlicher Rahmen vorgegeben ist, der nicht überschritten wird.

Weitere Perspektiven in Sicht

Nach dem Ende der Ausbildung muss nicht zwangsläufig Schluss sein. In allen Ausbildungssparten – ob handwerklich, kaufmännisch oder technisch – gibt es viele Weiterbildungsmöglichkeiten. So kann zum Beispiel eine Technikerakademie beziehungsweise eine Meisterschule besucht oder eine Weiterbildung zum Betriebs- oder Fachwirt angeschlossen werden. Wem das noch nicht genügt, der kann sich selbstverständlich auch noch zu einem Studium entschließen. Die „Offene Hochschule“ ermöglicht sogar Azubis den Weg zur Hochschule, die nicht über das Abitur oder die Fachhochschulreife verfügen. Künftig sollen Teile einer berufspraktischen Ausbildung im Studium angerechnet werden können. Eine Ausbildung begrenzt somit die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten keineswegs, sondern vervielfältigt sie sogar.

Leistung bestimmt das Gehalt

In allen betrieblichen und einigen wenigen berufsfachschulischen Ausbildungsberufen erhält man als Auszubildender von Beginn an eine Ausbildungsvergütung. Von den Eltern finanziell unabhängig zu sein, sich endlich viele Träume selbst erfüllen zu können, ist ein stolzes Gefühl. Eine Ausnahme bildet die Mehrzahl der berufsfachschulischen Ausbildungen. Sie werden, allerdings nur bei geringem elterlichem Einkommen, über das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) gefördert. Da sich aber zahlreiche dieser Schulen in privater Trägerschaft befinden, wird vielfach Schulgeld erhoben.

Nach Abschluss der Ausbildung fallen Gehaltserhöhungen, freilich abhängig vom jeweiligen Unternehmen, geringer aus als nach einem abgeschlossenen Studium. Immer öfter aber, so auch bei der Bertrandt GmbH, richtet sich die Höhe des Gehaltes nach der Leistung und ist nicht abhängig von einem eventuellen akademischen Grad.

 

Unterschiedliche Meinungen – Gemeinsames Fazit

Es gibt nicht den einen und für alle richtigen Weg nach dem Abitur. Ist man sich dessen bewusst geworden, fällt schnell der erste Druck ab.

Praktisch Orientierten, denen finanzielle Unabhängigkeit und ein klares Ziel vor Augen wichtig sind, kommt zunächst eine Ausbildung gelegen. Eine Weiterbildung zum Techniker, Meister, Fach- oder Betriebswirt oder sogar ein Studium sind im Anschluss gar kein Problem. Häufig helfen die praktischen Erfahrungen im Studium insbesondere dabei, eine neue Perspektive einnehmen und so die theoretischen Inhalte unter praktischen Aspekten betrachten zu können. So beginnen in unserem Unternehmen, der Bertrandt GmbH in Tappenbeck, jedes Jahr etwa vierzig Auszubildende in zehn Ausbildungsberufen eine Lehre. Nicht wenige davon schließen nach der erfolgreichen Prüfung ein Studium parallel zur weiteren Berufstätigkeit an.

Wer sich von vielen Wahlmöglichkeiten nicht überfordern lässt, diese sogar genießt und sich selbst sowie sein Leben gerne organisiert, für denjenigen ist ein Studium ideal. Durch Praktika in unterschiedlichen Unternehmensbereichen wird nicht nur die Theorie mit der Praxis verknüpft. Es fällt zudem leichter herauszufinden, wo die persönliche Zukunft liegt. Vor allem Unentschlossenen kommt daher ein Studium zur weiteren Orientierung sehr zugute. Auch bei Bertrandt erfahren viele Studenten in Praktika oder während ihrer Abschlussarbeiten die praktische Arbeit im Unternehmen – spätere Übernahme nicht ausgeschlossen.

Doch wofür soll man sich entscheiden, wenn man sowohl die theoretischen Hintergründe umfassend kennenlernen möchte als auch einen hohen Praxisanteil nach festgelegten Vorgaben sucht? Kein Problem! Genau für solche Fälle wurde das duale Studium entwickelt. Hierbei wechseln sich theoretische Lernphasen an der Fachhochschule oder Universität mit praktischen Ausbildungszeiten im Betrieb ab. Auf diese Weise bildet Bertrandt auch an unserem Standort in Tappenbeck bei Wolfsburg in Kooperation mit der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften zum Beispiel im Bereich Fahrzeugtechnik/Fahrzeugaufbauentwicklung aus.

Egal welche Entscheidung am Ende steht, ob eine Ausbildung oder ein Studium favorisiert wird, es stehen alle Türen in Richtung erfolgreiche Zukunft offen. Man muss nur hindurch gehen. Insbesondere beim Automobil- und Luftfahrtentwickler Bertrandt kann sich jeder seinen eigenen Weg organisieren und verfolgen. Eine Karriere vom Auszubildenden, dualen oder regulären Studenten bis hin zum Geschäftsführer – ja wieso eigentlich nicht!