Arzt – Heilen im Spannungsfeld von Moral und Gewinn

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2012

25 Jahre nach ihrem Abitur trafen sie sich wieder. Im Gegensatz zu vielen anderen Gruppen wurde an ihrem Tisch nicht geklagt, sondern fröhlich geplaudert. Und schnell waren sich die vier ehemaligen Klassenkameraden, allesamt Ärzte, einig: „Es gibt keinen besseren Beruf als den unseren.“ Das überrascht, denn der Berufsalltag der 330.000 deutschen Ärzte hat sich gewaltig verändert. Das gibt auch Prof. Dr. med. Gernot Sinnecker, Chefarzt der Wolfsburger Kinderklinik, ohne Umschweife zu. Geblieben aber ist ihm und seinen Kollegen das Erfolgserlebnis und die tiefe Befriedigung, Menschen in Not helfen zu können. „Das überwiegt alles andere.“

Haupteingang des Klinikums Wolfsburg (Foto: hmb)

Haupteingang des Klinikums Wolfsburg (Foto: hmb)

Freilich bedeutet es nicht, jede Erkrankung heilen zu können, wenn man sich nur entsprechend müht. Manchmal, und in einer rapide alternden Gesellschaft mit einer steigenden Zahl an mehreren Erkrankungen leidender Patienten immer öfter, werden Ärzte je länger je mehr zu Wegbegleitern, die die Schmerzen ihrer Patienten auf deren letzter Wegstrecke lindern helfen, das Sterben aber nicht verhindern können. „Wir sollten uns in unseren Möglichkeiten nicht überschätzen“, warnt Gernot Sinnecker. Ärzte seien keine Halbgötter in Weiß, sie wären überhaupt keine Götter und auch keine Wunderheiler. „Wenn wir gut sind, gelingt es uns, den Heilungsprozess zu unterstützen. Die Heilung selbst bleibt Sache der Natur.“ Dafür benötige ein Arzt neben viel Einfühlungsvermögen und einer ausgeprägten Kommunikationsfähigkeit vor allem Lebenserfahrung. „Schließlich haben wir es immer mit Menschen in Ausnahmesituationen zu tun, also mit Menschen voller Ängste und Befürchtungen, verbunden mit der starken  Hoffnung auf Gesundung.“ Das sei ärztlicher Alltag, damit müsse man lernen angemessen umzugehen, je früher desto besser.

Zwar erfährt das Gesundheitswesen derzeit viel öffentliche und mediale Aufmerksamkeit. Doch geht es dabei fast ausschließlich um Kostenreduzierung und Wirtschaftlichkeit, nur selten um die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten. Noch vor zehn Jahren war die bestmögliche medizinische Versorgung oberstes Ziel ärztlichen Handelns. Heute wird vom Arzt erwartet, die Entscheidung für diese oder jene Therapie auch wirtschaftlich zu begründen. „Wir stehen inzwischen unter einem stetig wachsendem Rechtfertigungsdruck“, formuliert es der Wolfsburger Chefarzt. Zeit werde für ihn und seine Kollegen zu einem teuren und deshalb knappen Gut. Berufsanfänger treffen solche Rahmenbedingungen nicht selten unvorbereitet.

 Spezialisierter Dienstleister statt ganzheitlicher Therapeut

Sinnecker verweist auf seine kleinen Patienten. „Der Diagnose- und Therapieerfolg bei einem Kind setzt zwingend ein Vertrauensverhältnis voraus“, weiß er aus vielen Jahren Berufserfahrung. Schon bei der ersten Begegnung sofort forsch loslegen, geht deswegen nicht. Vertrauen herzustellen, benötigt indessen Zeit, die dem Arzt nur noch selten zugestanden wird. Denn die vom Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) errechneten Fallpauschalen lassen diese weichen Faktoren unberücksichtigt. „Entscheide ich mich für das Kind, riskiere ich einen Fehlbetrag im Klinikbudget. Handle ich rein wirtschaftlich, werde ich dem Kind nicht gerecht, nehme eventuell sogar eine fehlerhafte Diagnose in Kauf“, beschreibt Sinnecker die Zerreißproben, in denen er tagtäglich steht. Und so wächst denn auch bei gestandenen Ärzten wie ihm der Eindruck, an einem Scheidepunkt angelangt zu sein. Dabei ist für ihn Kosteneffizienz durchaus kein Teufelswerk. Der medizinische Fortschritt will schließlich finanziert werden. „Das Maß aller Dinge aber muss der Patient bleiben.“ Dieser Herausforderung bislang noch stets  gerecht geworden zu sein, macht ihn stolz.

Spezialisiertes und mit Kollegen anderer Fachgebiete abgestimmtes Therapieren heißt deshalb immer öfter der ökonomische Ausweg. Er ersetzt zunehmend ganzheitliches patientengeleitetes Behandeln. Die Folge dieser Entwicklung sind eine inzwischen tief gehende Arbeitsteiligkeit ärztlichen Arbeitens, die die gerade von jungen Berufsanfängern gesuchte ganzheitliche Arzt-Patienten-Beziehung immer häufiger auflöst, ebenso wie allerorten über eine enorme Arbeitsverdichtung berichtet wird.

Bürokratie stranguliert medizinische Kreativität

Prof. Dr. med. Gernot Sinnecker (Foto: privat)

Prof. Dr. med. Gernot Sinnecker (Foto: privat)

Krankenhausärzte werden immer stärker zu Dienstleistern, die streng nach den Vorgaben des einweisenden Arztes mit fachlich eng eingegrenzten therapeutischen Indikationen den Prozess der Gesundung des Patienten herbeizuführen versuchen. Eine eigene umfassende und alle Verdachtsmöglichkeiten ausschließende Diagnostik findet nur noch in seltenen Fällen statt. Dabei geht es gewiss auch um die Vermeidung von Doppeluntersuchungen, vor allem aber um Kostenreduzierung. Dazu kommt eine mittlerweile überbordende Bürokratie. Fünfzig große Gesetze und über 7.000 Einzelbestimmungen sind zu beachten. Leitlinien normieren ärztliches Handeln. Manch einer spricht gar von der Zwangsjacke. „Viele Fälle aber sind komplex und lassen sich nicht in das Korsett von Leitlinien pressen“, weist der Kinderarzt Sinnecker auf den kritischen Punkt. Therapeutisch kreative Ärzte haben es bei solchen Rahmenbedingungen schwer. Zeitaufwendig müssen sie begründen, weshalb sie von den Leitlinien abweichen, die von den Betriebswirten der Krankenkassen gar nicht selten als Richtlinien missverstanden werden. Dadurch riskieren sie Regressansprüche der Kassen, und, schlimmer noch, bei Misserfolg Klagen der Patienten.

In zahlreichen Kliniken sind inzwischen der Samstag zum regulären OP-Tag und Schichtdienst zum normalen chirurgischen Berufsalltag geworden. Oft werden in den Bereitschaftsdiensten die am Tag liegengebliebenen Fälle behandelt. Die Statistik des Gesundheitswesens bestätigt: Zuletzt behandelten zehn Prozent weniger Krankenhäuser mit einer um fünfzehn Prozent reduzierten Bettenkapazität bei nur geringen Personalzuwächsen fünfundzwanzig Prozent mehr Patienten als noch vor 15 Jahren! Die Erklärung liegt auf der Hand. Die Investition in teure Medizintechnik muss sich amortisieren.

Arbeitsverdichtung und Ökonomisierung

Und das tut sie nur, wenn sie ausgelastet ist. Für einen privaten Krankenhausbetreiber kommt hinzu, es sich nicht leisten zu können, seine Aktionäre mit einer mickrigen Dividende, gar roten Zahlen zu verärgern. So werden die Ärzte mit entsprechenden gehaltlichen Anreizen unter Druck gesetzt, die unternehmerischen Ziele unbedingt zu erreichen. Neue Chefarztverträge, in denen Vergütungsbestandteile vom Gewinn und Verlust ihrer Abteilung abhängig gemacht werden, könnten falsche Anreize setzen. Damit wächst auch für Assistenz- und Oberärzte die Gefahr, im Einzelfall den ökonomischen Aspekt über das medizinische Patientenwohl stellen zu sollen.

Diesem Druck als junger Arzt zu widerstehen, ist eine große Herausforderung, zumal für viele von ihnen das Krankenhaus mit seinen eher mäßig attraktiven Gehaltsstrukturen heute der Lebensarbeitsplatz bleiben wird. Zu früheren Zeiten waren die Anfangsjahre in der Klinik eine zur Erlangung der Gebietsbezeichnung zwar notwendige, aber zeitlich nur begrenzte Karrierestation auf dem Weg in die eigene Praxis. Der wird infolge restriktiver Niederlassungsbeschränkungen und beständig steigender finanzieller Vorausleistungen jedoch von immer weniger Assistenzärzten angestrebt.

Bedeutungswandel ärztlicher Fachgebiete

Bettenhaus des Klinikums Wolfsburg (Foto: Klinikum Wolfsburg)

Bettenhaus des Klinikums Wolfsburg (Foto: Klinikum Wolfsburg)

Gleichzeitig erhöht die Politik den Druck an anderer Stelle. Ein Viertel der bislang von Krankenhäusern erbrachten Leistungen soll zukünftig in den kostengünstigeren ambulanten Bereich verlagert werden. Das dürfte zur Bedeutungslosigkeit ganzer Facharztgruppen in den Kliniken führen. So gibt es schon jetzt etwa für Augen-, aber auch Hals-Nasen-Ohren-Ärzte signifikant weniger Beschäftigungsmöglichkeiten. Auch Kinderkliniken würden in ihrem Bestand gefährdet, sollten ökonomische Aspekte die Oberhand gewinnen, und die Sicherung der medizinischen Grundversorgung der Bevölkerung dabei ins Hintertreffen geraten.

Die Arbeit in einer Klinik birgt einen weiteren wichtigen Aspekt, den Abiturienten vor ihrer Studienwahl bedenken sollten. Bestimmte Behandlungen dürfen nur noch in sogenannten Kompetenzzentren durchgeführt werden. Das setzt eine Mindestmenge von entsprechenden Eingriffen pro Jahr voraus. Die Folge für einen Operateur: Immer wieder Hüfte – jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, Jahr für Jahr. Für die Patienten vielleicht ein Wegweiser zur Kinderklinik Segen, für den Chirurgen aber neben der Freude des immer besseren Gelingens auch die Last der in Routine erstarrenden ständigen Wiederholung.

Dennoch, wer naturwissenschaftliche Interessen – Sinnecker: „Ohne die geht es natürlich nicht!“ – mit einer sozialen Zielstellung und personenorientierten Tätigkeit verbinden möchte, für den gibt es keine bessere Wahl als die, Medizin zu studieren und Arzt zu werden. „Die Bereicherung, in einem Team voller engagierter Kollegen arbeiten zu dürfen, lässt sich nicht in Euro und Cent ausdrücken“, sagt Sinnecker. Und muss gleich zum nächsten kleinen Patienten. Allerdings nicht, ohne mich zuvor seiner Hoffnung zu versichern, dass es schon bald wieder gelingen könnte, ärztliches Handeln mehr als in der Gegenwart am Wohle des Patienten auszurichten. „Dafür, und sagen sie es allen interessierten Abiturienten, brauchen wir die besten Leute!“

 


Daten, Fakten & Links

(Stand: 31.10.2012)

Berufstätige Ärzte: 333.600 (Frauenanteil 43%)

  • davon im stationären Bereich (Krankenhäuser): 163.600
  • davon im ambulanten Bereich (Arztpraxen): 141.500
  • davon über 50 Jahre alt: 41%
  • davon mit nichtdeutscher Staatsbürgerschaft: 8%

Im Ausland tätige deutsche Ärzte: ca. 16.000 (jährliche Abwanderung: ca. 2.500)

Arbeitslose Ärzte: 2.300

Stellenangebote: 4.000

Strukturdaten Studium und Arbeitsmarkt: http://www.unidue.de/isa/fg_humanmed/humanmed/humanmed_hs_frm.htm

Beschäftigungsstatistik:

http://www.bundesaerztekammer.de/specialdownloads/Stat10Abb04.pdf

Beschäftigungsentwicklung:

http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/Arztzahlstudie_09102007.pdf

Studienmöglichkeiten Medizin: http://www.landkarte-hochschulmedizin.de/faculties.aspx

 

Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt verlinkter Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.